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IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
25. Juni 2018
(Premiere)
Über kaum eine Oper ist so viel geschrieben worden wie über diese „Oper der Opern“, wie Richard Wagner sie nannte. Nicht nur Musikwissenschaftler, sondern auch Dichter und Denker wie Kierkegaard, Mörike oder E.T.A. Hoffmann waren von ihr fasziniert. In seiner Novelle Don Juan schreibt E.T.A. Hoffmann: „Es ist als könne er – Don Giovanni – die magische Kunst der Klapperschlange üben; es ist als könnten die Weiber, von ihm angeblickt, nicht mehr vom ihm lassen, und müssten, von der unheimlichen Gewalt gepackt, selbst ihr Verderben vollenden.“ Ähnlich äußert sich der Musikwissenschaftler Arnold Feil. „Nicht er erobert die Frauen, geschweige denn, dass er sie vergewaltigt, nein, sie erliegen ihm, ihm, der Liebe verspricht ohne zu lieben, ohne lieben zu können.“
Das Anzeigeplakat für diese Aufführung zeigt einen Schwarzafrikaner bei einer Voodoo-Zeremonie in Haiti. Man könnte also annehmen, dass es sich hier um eine Inszenierung handelt, in der der Regisseur den Don Giovanni zu einem Baron Samedi des Voodoos macht, der mit der Totenwelt verbunden, von einer Schar von Frauen umgeben ist, die alle seiner unheimlichen Anziehungskraft erliegen. In einer Zeit, in der so viele Opernregisseure hektisch nach neuen Interpretationen fahnden, wäre diese Idee gar nicht so abwegig gewesen. Aber dem ist nicht so. Darauf angesprochen, erklärte Regisseur David Marton, dass das besagte Plakat von der Operndirektion ohne sein Wissen erstellt worden sei, was ihn etwas geärgert habe, und dass er von Voodoo-Zeremonien nichts wisse. Hingegen sei seine Inszenierung von den starken Kontrasten in Mozarts Don-Giovanni-Musik geprägt – „Es ist da eine Art Schizophrenie in Mozarts Musik“ – und mehr gäbe es dazu nicht zu sagen. Glücklicherweise war sein Regieassistent gesprächiger und so ergibt sich, dass Martons Vision des Don Giovanni auf Thomas Melles autobiografischem Buch über seine manisch-depressive Erkrankung beruht. Ohne diese Erklärung, die im Programmheft der Aufführung nur sehr andeutungsweise erwähnt ist, wird die Handlung für ein nicht eingeweihtes Publikum ziemlich unverständlich. Denn nicht nur unterbricht der Titelheld von Zeit zu Zeit das Geschehen auf der Bühne und weiht den Zuschauer, begleitet von leisen Sphärenklängen und Windrauschen, durch rote Spruchbänder ein, wie es in seinem Kopf aussieht: lebensüberdrüssig, depressiv, krank an Leib und Seele bis hin zu Messias-Halluzinationen, sondern er schleppt sich auch, ewig erschöpft, auf der Bühne hin und her oder wirft sich auf sein Bett, um nach Möglichkeit nicht wieder aufzustehen. Gleich nach dem berühmten Ständchen senkt sich ein durchsichtiger, leuchtender Rundvorhang auf ihn herab, hinter dem er dann selbst das Wort ergreift und in einem langen Monolog über sein Leben im Jenseits spricht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Was daher auf der Bühne erscheint, ist oft ein nicht immer leicht trennbares Nebeneinander von wirren Hirngespinsten und den vertrauten Gestalten der Handlung. Das führt manchmal zu witzigen Klamauk-Konstellationen, die, wie im Laufe von Leporellos Registerarie im ersten Akt oder auch in der Friedhofszene am Ende der Oper, in extravaganten Kostümen die Bühne bevölkern. Auch erliegt Don Giovanni im Finale keineswegs dem eisigen Händedruck des Komturs, sondern er begeht Selbstmord, in dem er sich die Pulsadern aufschneidet mit einem Rasiermesser, das der den Komtur vertretene Jüngling fein säuberlich vor ihm enthüllt und öffnet. Auch glaubt man, annehmen zu müssen, dass er seinen Tod im Lauf der Oper schon oft vorweggenommen hätte, wäre er von den Frauen nicht immer wieder fürsorglich ins Leben zurückgerufen worden.
Christian Friedländers Bühnenbild, eine grobe, aber formschöne Betonarchitektur schwankt zwischen Giambattista Piranesi und Ieoh Ming Pei. Sie lässt durch eine grelle Beleuchtung von Henning Streck hinter den beiden kreisrunden Öffnungen wirkungsvolle Schattenbilder zu. Pola Kardum hat Kostüme aus allen Zeitaltern zugelassen, aber sie sind meist zeitgenössisch und bunt.
Ein altertümliches four-poster-Bett steht in vielen Szenen im Mittelpunkt der Bühne und ist ein Ort der Zuflucht, in den sich alle, die Schwierigkeiten haben, allein oder zu zweit zurückziehen.
Offensichtlich folgt Marton der These, wonach Donna Anna sich wesentlich mehr zu Don Giovanni hingezogen fühlt, als zu dem „kalten, unmännlichen, ordinären Don Oktavian, den sie einst zu lieben glaubte“, wie es E.T.A. Hoffmann formulierte. Denn
während Oktavian im ersten Akt sein lamento singt, stürzt sich Don Giovanni zu einer kurzen, leidenschaftlichen Umarmung ins Bett zu Donna Anna und verlässt dann mit ihr die Bühne.
Neben der geistesgestörten Vision des Don Giovanni sind die anderen Personen entweder von einer spröden Ernsthaftigkeit oder von einer Art Slapstick-Komik, die vielleicht eher in eine Rossini-Oper gepasst hätte. Ein Beispiel ist der ganz witzige, für Massetto höchst unbefriedigende Striptease Zerlinas, in dem ihr nach jeder abgelegten Hülle immer noch eine Hülle bleibt. Die trotz aller Koketterie innige Zärtlichkeit Zerlinas oder die echte tiefe Liebe Elviras, die in der Musik anklingen, gehen bei dieser Regieführung verloren.
Das Ensemble besteht aus jungen, gut auf einander abgestimmten Sängern und Sängerinnen, sodass die Ensemble-Szenen musikalisch auch besonders eindrucksvoll sind, so das dramatische Finale des ersten Akts, oder das Sextett im zweiten Akt, aber auch das Trio von Don Giovanni, Leporello und Donna Elvira am Schluss der Oper.

Einzeln ist vor allem der wild-dramatische, leidenschaftliche, aber immer gut kontrollierte und klangvolle Sopran Eleonora Burattos als Donna Anna zu nennen. Ganz gewaltig in ihrer letzten großen Arie Crudele! Ah no, mio bene! Ebenso erfreulich ist der jugendlich-frische, warm-timbrierte, tiefe Bariton Kyle Ketelsen in der Rolle des Leporello. Seine Register-Arie ist so, wie man sie gerne hört. Laut Ansage ist Philippe Sly als Don Giovanni indisponiert. Seine bewegliche, hohe Baritonstimme erreicht erst im zweiten Akt eine gewisse Klangfülle, schauspielerisch hat er begreiflicherweise Schwierigkeiten als erschöpfter Depressiver in der Champagner-Arie zu überzeugen. Vielleicht ist auch Antoinette Dennefeld indisponiert, denn ihrer Stimme fehlt es an subtiler, lyrischer Weichheit, und die schönen Koloraturen in ihrer ersten Arie Ah chi mi dice mai quel barbaro dové kommen nicht zur Geltung. Julien Behr singt den Oktavian, aber auch bei ihm entfaltet sich seine Klangfarbe erst in der Arie Il mio tesoro im zweiten Akt. Piotre Micinski spielt und singt glaubhaft den Massetto, allerdings hier nicht den üblichen Bauerntölpel, sondern einen ältlichen Sex sabbernden Arzt. Yuka Yanagiharas ist die dazugehörige Krankenschwester. Sie singt und spielt mit tändelder Leichtigkeit, erfolgreich entsprechend der Regieführung ihre Rolle, doch fehlt ihrer Stimme eine gewisse volle Sinnlichkeit, die man der Zerlina gewünscht hätte. Vom Komtur hört man nur Attila Juns sonore Grabesstimme, aber man sieht ihn nie. Auf der Bühne wird er vertreten durch einen bartlosen Jüngling im Pyjama.
Warum manche der Rezitative ohne die Cembalo-Begleitung gesungen werden, ist nicht klar.
Stefano Montanari dirigiert das Orchester der Opéra de Lyon mit Schwung, manchmal mit etwas zu schnellen Tempi.
Das Publikum scheint zufrieden, wenn auch nicht einhellig begeistert.
Alexander Jordis-Lohausen