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Am Rande des Kitschs

GERMANIA
(Alexander Raskatov)

Besuch am
19. Mai 2018
(Urauf­führung)

 

Opéra National de Lyon

Heiner Müllers Stücke sind kein Stoff für das Musik­theater. Auch nicht, wenn man die spröde Herbheit seiner Stücke so brutal anklingen lässt wie Wolfgang Rihm in der Hamlet­ma­schine. Nachdem sich die Opéra Lyon mit einer erfolg­reichen Insze­nierung von Benjamin Brittens War Requiem eines Werks bediente, das die erschre­ckende Proble­matik des Nazi-Terrors ebenso dezent wie eindringlich zum Ausdruck bringt, kann die mit großer Spannung erwartete Urauf­führung von Alexander Raskatovs Oper GerMania nach Heiner Müllers Vorlage GerMania. Tod in Berlin nur enttäuschen.

GerMania gehört nicht zu den bekann­testen Stücken Heiner Müllers. Die dreizehn Episoden schrieb Müller zwischen den Jahren 1956 und 1971, in denen er der brutalen Wirklichkeit der DDR Grausam­keiten der deutschen Geschichte gegen­über­stellt, haupt­sächlich natürlich aus dem Umfeld des Nazi-Terrors. Ein Diskurs zwischen dem Kommu­nis­ten­führer Ernst Thälmann und Walter Ulbricht vor der Kulisse erschos­sener Mauer­flücht­linge eröffnet den Reigen, dem Szenen aus Stalingrad, dem Führer­bunker und letztlich Auschwitz folgen. Promi­nente Größen wie Stalin und Hitler kommen zu Wort, mehr aber noch die kleinen Opfer, deutsche und russische Soldaten, Kriegs­ge­fangene, die von ihren eigenen Leuten nicht weniger zu befürchten haben als von den Gegnern, Frauen und KZ-Opfer. Die Fokus­sierung auf die DDR-Gegenwart schränkt die Allge­mein­gül­tigkeit des Textes ein wenig ein, was angesichts der holzschnitt­artig klaren Sprache nicht stört, wenn man das Stück eher als szenische Lösung denn als opulentes Bühnen­spek­takel auffasst.

Und genau das hat der russische, seit vierzehn Jahren in Frank­reich lebende Komponist Alexander Raskatov aus GerMania gemacht. Aus einer Art Textskizze wird ein Pathos-beschwertes Melodram mit allen Klischees aufge­bauscht, die man mit der braunen Vergan­genheit verbindet. Ein hyste­ri­scher Hitler, ein verlogen freund­licher Stalin, filmreife Schlacht­szenen, einge­taucht in eine unruhig brodelnde Musik, die vor allem illus­triert und Tiefsinn vortäuscht, wo Zurück­haltung angesagt wäre. So wie es Britten in seinem War Requiem erheblich besser gelungen ist.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Kann man mit Klischees noch leben, entgleist die Schluss­szene, das Auschwitz-Requiem, in die Nähe peinlichen Betrof­fen­heits-Kitschs. Alle Figuren des Stücks treten auf, die Opfer stimmen hebräische Gesänge an, womit die bisher deutsch und russisch gesun­genen Passagen um eine dritte Sprache erweitert werden. Zu hören ist eine Mixtur von geradezu anrüchiger Süße, die szenisch durch eine eigen­artige Grable­gungs-Zeremonie noch einen zusätzlich schalen Beigeschmack erhält. Auschwitz auf der Bühne ist immer ein Problem. Die Wirklichkeit in einem psyche­de­lisch wohligen Klangbad auf- und verdampfen zu lassen, geht gar nicht.

Foto © Bertrand Stofleth

Regisseur John Fulljames tut nichts, um die von Müller angestrebte Distanz zu wahren, sondern setzt mit allen Mitteln auf ein theatra­li­sches Spektakel von filmi­scher Sensa­ti­onslust. Die Kriegs­szenen in den üppigen Dekora­tionen von Magda Willi könnten jedem Hollywood-Film zur Ehre gereichen. Video-Einblen­dungen, Licht­ef­fekte in Serie, die bereits erwähnten klischee­haften Profile der Haupt­fi­guren, viel Pathos und sogar senti­mentale Entglei­sungen passen weder zum Stück noch zum Thema.

Musika­lisch ist die Oper von Lyon gut aufge­stellt. Und man kann dem Dirigenten Alejo Pérez die geschmack­lichen Fallstricke der Partitur nicht ankreiden. Er führt die Partitur souverän aus, mit allen ihren Schwächen. 16 Sänge­rinnen und Sänger schlüpfen in die 40 Rollen und das vollbringen sie mit Engagement und Können. Eine Ensem­ble­leistung par excel­lence, die durch ihre Geschlos­senheit beein­druckt, die selbst exponierte Figuren wie der Stalin von Gennady Bezzu­benkow oder der Hitler von James Kryshak nicht gefährden können.

Das Publikum reagiert auf diesen untaug­lichen musika­li­schen Versuch, die Makel der deutschen Geschichte theatra­lisch aufzu­be­reiten, mit langan­hal­tendem Beifall, der sich beim Auftritt des Kompo­nisten hörbar steigert.

Pedro Obiera

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