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Sex and Crime in der Upper Class

LESSONS IN LOVE AND VIOLENCE
(George Benjamin)

Besuch am
14. Mai 2019
(Premiere)

 

Opéra National de Lyon

Ist das das Rezept der Zukunft, um der zeitge­nös­si­schen Oper im regulären Theater­be­trieb eine Chance zu geben, ohne das Publikum mit experi­men­tellen Extremen vor den Kopf zu stoßen? Mit Lessons in Love and Violence kann George Benjamin mittler­weile sein drittes Erfolgs­stück verbuchen. Ein inter­es­santer Stoff, einge­bettet in eine sinnliche, gleichwohl moderne Musik mit hohen, aber machbaren Anfor­de­rungen an Sänger und Orchester, nicht zuletzt mit Spitzen­in­ter­preten in Koope­ration von gleich sieben inter­na­tional renom­mierten Opern­häusern aufbe­reitet: Was kann da schiefgehen?

Offenbar nicht viel, wie bereits die Urauf­führung an Londons Covent Garden und die erste Reprise an der Hambur­gi­schen Staatsoper zeigten. Erfolge, die sich jetzt an der Opéra de Lyon wieder­holen und demnächst in Amsterdam, Chicago, Barcelona und Madrid nicht abreißen werden.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Erneut griff Benjamin auf seinen bewährten Libret­tisten Martin Crimp zurück, der aus einer blutrüns­tigen Sex-and-Crime-Story des Shake­speare-Zeitge­nossen Chris­topher Marlowe ein spannendes, drama­tur­gisch geschickt gestricktes Textbuch für eine kurzweilige, 85-minütige Oper zusam­men­stellte. Die in geradezu atemlosem Tempo getaktete Folge von 23 Szenen aus Marlowes Vorlage reduzierte Crimp auf sieben längere Szenen, die dem Stück mehr Luft für die unter­schwellig bedroh­lichen und lasziven Stimmungen lassen. Und Benjamin ist ein Meister im Beschwören atmosphä­ri­scher Schwin­gungen, vor allem im Umgang mit dem Orchester, wobei er die Singstimmen eng am gespro­chenen Text entlang­führt und nur der weiblichen Haupt­rolle akroba­tische Spitzen­leis­tungen abverlangt.

Der geradezu bestia­lische Realismus Marlowes wird aller­dings gebändigt und salon­fähig gemacht. Niemandem wird bei Benjamin und Crimp das Gemächt abgeschnitten oder ein glühendes Eisen in den Aller­wer­testen geschoben. Die Bruta­lität glimmt hier vor der Fassade einer edel gestylten Upper Class im Dämmer­licht vor sich hin. Ein Aspekt, den Regis­seurin Katie Mitchell und Ausstat­terin Vicki Mortimer mit geradezu unter­kühlter Konse­quenz auf die Spitze treiben.

Dabei bietet die Handlung ideale Voraus­set­zungen für ein Skandal­stück erster Güte: König Edward vergisst über die Liebe zu seinem Günstling Gaveston das Elend der engli­schen Bevöl­kerung. Der Feldherr Mortimer versucht vergebens, den König umzustimmen. Er selbst fällt bei seinem König in Ungnade und verbündet sich mit Edwards Gattin Isabelle, um Gaveston auszu­schalten, den König zu entmachten und den jungen Kronprinzen für die Nachfolge zu präpa­rieren. Vor den Augen Isabelles und ihrer Kinder demons­triert Mortimer, wie sich ein Macht­wechsel arran­gieren lässt, indem er Gaveston eigen­händig erwürgt. Der König verliert im Kerker sein Leben und der Knabe hat die „Lessons“ gelernt. Er setzt sich auf den Thron und lässt als erste Amtshandlung Mortimer ermorden.

Benjamins stilis­tisch vielfältige und flexible, cineas­tisch plastische Tonsprache bietet eine geeignete Grundlage für eine Insze­nierung, die die eroti­schen und gewalt­tä­tigen Dimen­sionen des Stücks eindring­licher zur Wirkung bringen könnte, als es das szenische Team offenbar anstrebt. In einem dunkel getäfelten Salon, der in jeder Szene aus einem anderen Winkel gezeigt wird und am Anfang von einem überdi­men­sio­nalen Aquarium mit lebenden Fischen beherrscht wird, später von einem riesigen Bett, in dem sich Isabelle und Mortimer näher­kommen, agieren die Figuren wie auf einer lässigen Cocktail-Party. Einer Party, auf der eheliche Seiten­sprünge, homoero­tische Bezie­hungen und Gewalt­taten wie harmlose Gesell­schafts­spiele einge­streut werden, um der eleganten Lange­weile der vornehmen Gesell­schaft entge­gen­zu­wirken. Ein eigentlich legitimer Ansatz, der im Verlauf des gesamten Stücks in dieser sterilen Konse­quenz aller­dings ein wenig zahn- und farblos wirkt.

Foto © Bertrand Stofleth

Das lässt sich von der musika­li­schen Leitung Alexandre Blochs nicht sagen, der mit dem Orchestre de l’Opéra de Lyon akustisch jene Stimmung und Spannung erzeugen kann, die der szeni­schen Umsetzung verloren geht. Die Besetzung entspricht mit einer Ausnahme der deutschen Erstauf­führung in Hamburg. In Lyon wie in Hamburg gebührt Georgia Jarman als Isabelle die Palme. Mit ihrem schil­lernden, von der besorgten Gattin über die liebes­tolle Gespielin bis zur macht­gie­rigen Megäre reichenden Charakter verlangt Benjamin der Sängerin besonders viele vokale Farben und Techniken ab, die Georgia Jarman nicht minder souverän umsetzen kann als Barbara Hannigan in der Londoner Urauf­führung vor einem Jahr.

Der Bariton Stéphane Degout macht mit präziser Artiku­lation die Entwicklung des Königs vom leicht­sinnig berauschten Liebhaber seines zweifel­haften Günst­lings zum gereiften und depri­mierten Opfer glaubhaft. Mit schlan­gen­hafter Glätte und unsym­pa­thi­schem Sarkasmus füllt Gyula Orendt die Bariton-Rolle des Gaveston aus. Die aggres­siven Attacken Mortimers gegen den König und seinen Gespielen führt Peter Hoare mit tenoraler Prägnanz aus. Und Samuel Boden scheint seiner Entwicklung vom Kronprinzen zum knall­harten König mit geradezu kindhafter Unschuld wie aus der Ferne zuzusehen. Stimmlich so packend wie das ganze Ensemble.

Ein bühnen­wirk­sames, musika­lisch moderat modern kompo­niertes Stück, das auch beim Lyoner Publikum auf große Zustimmung stößt und aus dem szenisch noch deutlich mehr zu holen wäre.

Pedro Obiera

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