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RODELINDA
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
17. Dezember 2018
(Premiere am 15. Dezember 2018)
Schöner kann man ein Jahr nicht abschließen als mit einer derart perfekten Produktion einer der ganz großen Opern Georg Friedrich Händels, wie es jetzt der Opéra de Lyon mit Händels Rodelinda gelungen ist. In der gleichen Spielzeit 1734⁄35 wie Giulio Cesare in Egitto und Tamerlano für die Royal Academy of Music entstanden, befand sich Händel nicht nur auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, sondern auch seiner innovativen Entdeckerfreude. Ohne Ausstattungspomp und Chor führte er das in stilistische und formale Sterilität abgedriftete Genre der barocken „Opera seria“ in den Olymp des hypersensiblen Psycho-Dramas, in dem Menschen aus Fleisch und Blut mit allen ihren Fassetten im Mittelpunkt stehen und um ihr Glück ringen. Werke, die in ihrer differenzierten Charakterisierungskunst den Meisterwerken Glucks und Mozarts nicht nachstehen.
Einen guten Teil an der außergewöhnlichen Qualität und Wirkung trägt auch Händels geschickter Librettist Nicola Francesco Haym bei, der die auf den ersten Blick traditionell angelegte Dreiecksgeschichte zu einer kongenialen Vorlage für die Ausdruckskraft Händels formt. Trotz der äußeren Handlungsarmut des Stücks kann Händel mit seiner unerschöpflichen Tonsprache einen dreieinhalbstündigen Opernabend mühelos unter Spannung halten. Zumindest, wenn man das Werk szenisch und musikalisch so inspiriert angeht wie die Lyoner Oper mit dem Regisseur Claus Guth und Maestro Stefano Montanari an der Spitze des fabelhaft aufspielenden Orchestre de l‘Opéra de Lyon. Wenn dann auch noch die Sängercrew bis in die letzte Rolle maßgeschneidert besetzt ist, ist das totale Opernglück nicht weit.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Handlung ist so verwickelt, wie man es von einer barocken Oper gewohnt ist, bleibt aber dank des genialen Librettos überschau- und nachvollziehbar. Sie kreist um eine politisch eingebettete Dreiecksbeziehung, in deren Mittelpunkt die Langobardenfürstin Rodelinda steht. Diesem Dramma per Musica liegt eine Thronintrige aus dem siebten Jahrhundert zugrunde: Grimoaldo hat den lombardischen Thron usurpiert und will Rodelinda, die Frau des vertriebenen und mutmaßlich ums Leben gekommenen Bertarido, unter Druck für sich gewinnen. Nur gezwungenermaßen und nur zum Schein beugt sich die treue Rodelinda der Nötigung, als der totgeglaubte Bertarido unerwartet und inkognito wieder auftaucht. Als er erkannt wird, wird er verhaftet. Doch ihm gelingt ihm die Flucht, und er verhindert sogar ein Mordkomplott gegen Grimoaldo. Aus Dank erhält Bertarido von dem geläuterten Emporkömmling Thron und Frau zurück.
Das dürre Handlungsgerüst lässt viel Spielraum für ein psychologisch komplexes Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren und einer messerscharfen Profilierung der Charaktere offen, die Händel musikalisch packend und stilistisch in tausend Farben schillernd zum Ausdruck bringt. Eine Vorlage, die vom Regisseur Zurückhaltung in der Ausbeutung oberflächlicher Effekte und eine ausgeprägte Feinarbeit in Sachen Personenführung verlangt. Genau das vermag Guth brillant umzusetzen. Die Figuren sind fast neutral in schlichten, aber geschmackvollen Kostümen des 19. Jahrhunderts gekleidet, farblich schwarz-weiß dominierend, die das barocke Spiel wie ein Kammerspiel, wenn nicht gar wie ein bürgerliches Trauerspiel des vorletzten Jahrhunderts wirken lassen. Angefüllt mit einer dicken Portion an emotionaler Intensität, die vor allem die Titelfigur mit ihren Gefühlsschwankungen voll auskosten muss. Jedoch selbst in Momenten tiefer Verzweiflung und Zweifel ist die Figur stets von imponierender innerer Stärke beflügelt. Was die Entwicklung angeht, verdient der rabiate Emporkömmling Grimoaldo besondere Aufmerksamkeit. Seine Hinwendung zum verzeihenden, verständnisvollen und mildtätigen Herrscher gestaltet Händel in vielen Zwischenschritten, so dass der Wandel, gemessen an anderen Barock-Opern, erstaunlich glaubwürdig zum Ausdruck kommt und nicht minder ergreifend wirkt als ähnliche Entwicklungen in den späteren Opern Mozarts.
Das alles führt Guth mit einer beeindruckenden Detailgenauigkeit und Natürlichkeit aus, wobei in keinem Moment auch nur das kleinste opernhafte Klischee oder auch nur eine einzige Verlegenheitsgeste eine Chance bekommen.

Christian Schmidt, dem auch die grandiosen Kostüme zu verdanken sind, siedelt die Handlung in einem variablen Bühnenraum an, der sich den Handlungswechseln chamäleonhaft anpasst. Repräsentative Säle verdichten sich zu intimen Stuben oder trennenden Balkonen, wodurch die wechselnde Nähe und Distanz der Figuren gespiegelt und die „Große Oper“ immer wieder zum Kammerspiel verdichtet wird.
Die Energie, die von dem Libretto und vor allem der Musik ausgeht, findet in Stefano Montanari und den Musikern des Orchestre de l‘Opéra de Lyon perfekte Anwälte. Nicht nur die schillernde Farbigkeit der Rezitative durch Verwendung von Cembalo und Orgel nimmt gefangen, sondern vor allem Montanaris Einfühlungsvermögen in die dramatische Substanz der Musik, die plastisch und dabei ebenso frisch wie introvertiert zum Klingen gebracht wird. Langeweile kann so nicht aufkommen.
Erst recht nicht, wenn für die Titelrolle eine so wunderbare Sängerin wie die Sopranistin Sabina Puértolas zur Verfügung steht, die von der klagenden Elegie bis zur dramatischen Koloratur die ganze reiche Palette der Partie souverän beherrscht und auch noch darstellerisch zu beeindrucken vermag. In der Mezzosopranistin Avery Amereau als Grimoaldos Schwester Eduige steht ihr eine kongeniale Partnerin gegenüber. Schade, dass die Sängerin in der ersten Reprise wegen gesundheitlicher Probleme den zweiten Teil der Oper nicht mehr bestreiten kann, was angesichts der dramaturgisch eher nebensächlichen Bedeutung der Rolle verschmerzt wird.
Krystian Adam in der Tenorpartie des Grimoaldo und der Kontra-Tenor Lawrence Zazzo als Bertarido lösen mit ihren vorbildlichen und eindringlichen Darbietungen wiederholt Zwischenapplaus aus. Wobei besonders die Wandlungsfähigkeit von Adam in der gestalterisch komplexen Rolle des Grimoaldo hervorzuheben ist.
Eine rundum vorbildliche Händel-Interpretation ohne Puderquaste und aufgesetzte Aktualisierungs-Mätzchen, dafür ein hinreißendes Porträt menschlicher Irrungen und Wirrungen in perfekter szenischer und musikalischer Ausführung.
Das Publikum im vollbesetzten Haus quittiert die Leistungen mit entsprechend langanhaltendem Beifall und großer Begeisterung.
Pedro Obiera