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Anlässlich des 100. Geburtstags von Gottfried von Einem hat das Theater Magdeburg seine Oper Dantons Tod, frei nach Georg Büchner, ausgegraben. 1947 wurde die Oper mit großem Erfolg bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. In den letzten Jahrzehnten war es allerdings still um von Einem geworden. Nun erinnert man sich wieder ihn, der sich selbst einmal als lebenden Dinosaurier bezeichnete und so gar nicht in irgendeine Schublade passt. Er galt Zeit seines Lebens als ein Mensch, der aus der Zeit gefallen schien. Auch musikalisch. Jetzt scheint die Zeit für seine Renaissance gekommen. In Wien, wo der kauzig-knorzige Einzelgänger unter den „Componisten“ – er bestand auf diese Schreibweise – halb respektvoll, halb ironisch „der Eine“ genannt wird, kommt an der Wiener Staatsoper im März Dantons Tod heraus, gleichzeitig im Theater an der Wien sein Besuch der alten Dame und die Salzburger Festspiele bringen, konzertant, aber immerhin, seine Oper Der Prozess heraus.
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In Dantons Tod geht es um die Französische Revolution, aber auch um Terror, Massenmanipulation und Populismus. Themen, die auch in der heutigen Welt vielerorts aktuell sind. Karen Stone belässt das Stück denn auch nicht in der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Sie zeigt es stattdessen in zeitloser Moderne mit Anklängen ans Historische auf mehreren Ebenen, die durch Treppen verbunden sind. Bühnenbildner und Ausstatter Ulrich Schulz hat sich vor allem inspirieren lassen von der Mode der 1960-er Jahre, ohne aber beispielsweise auf die so genannte Achtundsechziger-Revolution hinzuweisen, auch Anspielungen auf Kommunismus oder Faschismus bleiben außen vor. Also keine konkrete, eindeutige Aktualisierung. Nein, Stone geht es wirklich um die zeitlos-aktuelle Frage, wie und auf wessen Kosten ein gerechtes System politisch durchgesetzt werden kann. In der Konfrontation der beiden Hauptfiguren, des fanatischen, grausamen Machtmenschen Maximilien de Robespierre und des idealistischen Freiheitskämpfers Georges Danton macht sie nur zu deutlich, dass das Sprichwort, dass am Ende die Revolution ihre eigenen Kinder frisst, meist recht behält. Nicht nur in Frankreich. Und nicht nur am Ende des 18. Jahrhunderts. Stone führt ein eindrucksvolles Stück moralischen, um nicht zu sagen, politischen Musiktheaters demonstrativ vor. Sie lässt den Chor der manipulierbaren, wankelmütigen und sensationslüsternen Masse immer wieder die geballte Faust gen Himmel strecken. Erinnerungen an Massenveranstaltungen in zwei unterschiedlichen Regimes Deutschlands kommen hoch. Das wirkt zuweilen etwas plakativ. Aber es hat durchaus seine massenpsychologische Wahrheit.
Am Ende ihrer drastischen Inszenierung lässt die Regisseurin ein riesiges Guillotinenmesser vom Bühnenhimmel herabfahren, auf dem die Worte Fraternité, Egalité und Liberté geschrieben stehen, also das republikanische Motto: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber Hektoliter von Blut fließen an ihm herab. Ein starkes Bild.

Auch die Musik dieser Oper ist stark. Gottfried von Einem, er war übrigens Schüler von Boris Blacher, hat sich nie einer musikalischen Schule der Moderne angeschlossen. Seine Musik ist im Wesentlichen tonal, also traditionelle Musik und erschließt sich dem breiten Opernpublikum relativ leicht. Es ist wirkungsvolle, dramatische Theatermusik. Natürlich hat sie bei der Uraufführung 1947, nach dem Ende des so genannten Dritten Reiches, eine wesentlich stärkere Wirkung gehabt. Von Einem hat mit dieser Oper ja nicht zuletzt den überwundenen Totalitarismus Deutschlands angeprangert. Heute kommt uns seine Musik vermutlich weit harmloser vor als den Opernbesuchern damals. Kimbo Ishi, der GMD des Magdeburger Theaters, hat alle Register gezogen, die Qualität dieser eigenwilligen Musik zwischen Richard Strauss und Igor Strawinsky aufs Beste zur Geltung kommen zu lassen. Die Magdeburgische Philharmonie spielt vorzüglich.
Unter den insgesamt zwar respektablen Gesangssolisten – darunter Noa Danon als Lucile, Robert Bartneck als de Séchelles, Johann Stermann als Saint-Just und Roland Fenes als Martial de Herman – ragen ausgerechnet zwei der kleinsten Nebenpartien, die beiden Henker Alejandro Muñoz Castillo und Frank Heinrich, mit tadellosen Gesangsleistungen hervor. Von den Interpreten der Hauptpartien – Peter Bording als Danton, Stephen Chaundy als Robespierre – hätte man sich allerdings etwas mehr Textverständlichkeit gewünscht, zumal von Einem einen deklamatorischen Gesangsstil schreibt. Sehr anständig. Da kommt es auf anderes als nur Phonstärke an. Großartig ist der Chor des Hauses in der Einstudierung von Martin Wagner. Der lässt keine Wünsche offen.
Das Publikum spendet begeisterten Applaus für alle Mitwirkenden. Die Inszenierung ist eindrucksvoll und deutlich. Ihre Botschaft wird verstanden. Ob das Stück auf Dauer heute noch den Erfolg hat, Häuser zu füllen wie Ende der 1940-er, Anfang der 50-er Jahre, bleibt abzuwarten.
Dieter David Scholz