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MANON LESCAUT
(Giacomo Puccini)
Besuch am
16. April 2019
(Premiere am 31. März 2019)
Fehlt nur noch der Kunstschnee, der leise vom Schürboden herabrieselt. Aber Giacomo Puccinis Vierakter Manon Lescaut, 1893 in Turin uraufgeführt, endet in der amerikanischen Wüste und nicht in einem Winter-Märchenland von Hans Christian Andersen. Die Grenze zum Kitsch wird in der Lesart von David Pountney nicht nur geschrammt, der Regisseur zelebriert das Artifizielle geradezu. Die Ära der Belle Époque bietet sich bekanntlich an, ein Postkarten-Idyll auf die Bühne zu zaubern, das mit der Realität herzlich wenig am Hut hat. Pountney und sein Team unternehmen keinen einzigen Versuch, der Verlockung zu widerstehen.
Die opulente Bildgewalt von Leslie Travers mit dem Licht von Fabrice Kebour und den Kostümen von Marie-Jeanne Lecca lässt sich am ehesten mit einer Musical-Inszenierung am Wiener Ronacher-Theater vergleichen oder mit einem Hollywood-Blockbuster wie Hugo Cabret. Der Film von Martin Scorsese aus dem Jahr 2011 könnte bei Pountney Pate gestanden haben, denn die Regie verlagert das Geschehen um ein vergnügungssüchtiges Fräulein ebenfalls in einen historischen Bahnhof inklusive anrollender und wegfahrender Züge. Auch die Zeit spielt eine wesentliche Rolle. Im Kinohit ist es ein Junge, der bei seinem Onkel, der Uhrmacher ist, im Dach des Bahnhofs Montparnasse unterkommt. Bei David Pountney blickt eine sterbende Manon Lescaut zeitlich auf den Moment zurück, als sie zum ersten Mal dem Cavaliere des Grieux begegnet. Also an den Anfang von Puccinis Opus.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Ankunft und Abfahrt. Bahnhöfe eigenen sich hervorragend für Metaphern rund ums menschliche Dasein. Erst recht, wenn der Lauf der Liebe einen so dramatischen Verlauf nimmt wie in der Novelle von Prévost, die für Puccini gleich von mehreren Librettisten verarbeitet wurde. Oper als Touristenattraktion darf auch sein, so lange die Regie glaubwürdig bleibt. Aber David Pountney denkt nicht daran, seine kassenträchtige Schönwetter-Anschauung mit einer plausiblen Personenführung aufzuwerten oder mit authentischen Rollenbildern zu überzeugen. Alles wird dem schönen Schein untergeordnet. Die Lok dampft eindrücklich, auch wenn sich kein Rad dreht, und der Chor winkt den Reisenden mit einem farblich assortierten Tüchlein hinterher. Die Protagonisten verlieren sich händeringend in theatralischen Gesten wie in einem Stummfilm von Fritz Lang. Wenn der Chor in Frack und Zylinder über dem Geschehen thront, wird schnell klar: Wir waren schon immer alle Voyeure. Mit einer modernen Herangehensweise hat das nicht viel am Hut. Diese hohe Kunst stellt Regisseur Floris Visser aktuell in Massenets Manon am Opernhaus Zürich in einer realistisch filmischen Umsetzung unter Beweis.
Immerhin: Pountney bleibt seinem Setting bis zum Schluss treu. Auch Manons Luxus-Boudoir im zweiten Akt wird in einen Zug verlegt. Die drei Wagons mit freier Sicht aufs Innenleben sind mit reichlich Gold und rotem Samt versehen. Film ab für Agatha Christie und ihren noblen Orient-Express. Vergiftet wird hier allerdings nur ein Herz und das gehört dem Geronte di Ravoir. Für die kleine Balletteinlage gibt es nochmals Pomp pur. Kostümbildnerin Lecca steckt das Mini-Ensemble in frivoles Rokoko und reichert das schöne Kostümfest mit einer weiteren Epoche an.
Filmklappe zum Dritten: Wie einst die stolze Titanic symbolisiert ein mächtig stählerner Schiffsrumpf den Hafen. Manon und andere Abtrünnige werden mit einem Zug an die Verladestation gebracht. Das ist stringent. In diesem Teil der Oper wird auch ersichtlich, was Pountney schon zuvor angedeutet hat: Manon bleibt für des Grieux stets unerreichbar. Im feudalen Salon weicht sie ihm ständig aus und am Hafen trennt die Liebenden die Eisentüre eines Güterwagons. Am Ende verliert der durchaus kluge Dreh seine Wirkung, weil ihn der Regisseur auf die Spitze und somit ins Absurde treibt. Mit dem Schluss der Oper naht auch das Ende von Manons Erinnerungen. Der Rückblick vollendet sich im Jetzt. Durch die einstige Prunkhalle weht nun ein heißer Wüstenwind, der alles mit Sand bedeckt. Die Titelheldin liegt wie zu Beginn des Spektakels auf einem Leiterkarren, aber jetzt ist sie auch im übertragenen Sinn angekommen – beim Tod. Des Grieux hingegen verhält sich wie jemand, der eine tödliche Ansteckung mit einer Krankheit scheut. Seine Distanz zur Geliebten hat autistische Züge. Ein Szenario, das sich denkbar schlecht auf eine der schönsten Sterbesequenzen in der Operngeschichte auswirkt. Das Auge bleibt durchwegs trocken, und das ist echt traurig.

Stimmlich ist der Abend trotz Álvarez‘ Rekonvaleszenz einheitlich und mehrheitlich stark. Der Tenor hatte allerdings schon glänzendere Sternstunden. Gerade von einer Bronchitis genesen, scheint der Künstler zudem verloren in der wenig konzisen Regiearbeit. Sichtbar hibbelig streicht sich Álvarez permanent durchs Haar und wirkt dabei etwas atemlos. Ein Schluck Wasser aus einer Karaffe garantiert die nächste Kantilene. Das Motto lautet: Tief Luft holen und den nächsten Gesangsbogen heraushauen. Das gelingt Marcelo Álvarez erstaunlich gut, aber für eine Bravourarie mit seiner gewohnten Strahlkraft reicht es nicht. Der Schmelz in seiner Stimme ist lediglich ein leises Versprechen für bessere Tage.
Maria José Siri hat sowohl das Volumen wie die Prägnanz, die eine Puccini-Manon erfordern. Den einen mag das raue Timbre in ihrem Sopran missfallen, für die anderen hat gerade diese Rauheit eine erotische Komponente. Im Forte neigt Siri einen Tick ins Schrille, dafür ist ihre Reduktion eindrücklich. In der Mittellage singt sie souverän gegen Puccinis sanften Bombast an, der Gang in den tiefen Keller gelingt der Sängerin hingegen nur bedingt.
Die Nebenrollen mit Gewicht haben auch Gewicht. Carlo Lepore lässt seinen sonoren Bass als Geronte di Ravoir weit und tief schwingen. Marco Ciaponi hält als Edmondo mit seinem luziden Tenor auf gutem Niveau wacker mit. Richtig Spaß macht die Rollengestaltung von Massimo Cavalletti als Manons ungestümer Bruder Lescaut. Sein Bariton hat Format und trumpft mit markanten Facetten auf. Der Chor der Scala unter Bruno Casoni ist ein Fest der Präzision.
Der wahre Held steht in Mailand am Dirigentenpult. Riccardo Chailly führt das Orchestra del Teatro alla Scala zu atmosphärischer Dichte und überzeugt mit einem überaus transparenten Klangkörper. Sein Dirigat ist in den vielschichtigen Passagen konzis und in der emotionalen Wucht niemals überladen. Chailly tastet Puccinis ersten großen Opernwurf mit hingebungsvoller Sorgfalt ab und gibt dem Werk musikalisch jene Dringlichkeit, die Pountney in seiner überbordenden Postkarten-Poesie versanden lässt. Entsprechend einhellig fällt der Applaus für den Dirigenten aus. Der Buhrufer vor der Pause lässt nicht mehr von sich hören.
Peter Wäch