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Foto © Andreas Etter

Feine Komik

DER RING AN EINEM ABEND
(Loriot)

Besuch am
4. März 2020
(Premiere am 9. September 2018)

 

Staats­theater Mainz

Wagners große Tetra­logie Der Ring des Nibelungen ist vor allem für Einsteiger eine Heraus­for­derung. Vier Musik­dramen an vier Abenden, etwa 15 Stunden Musik und lange Monologe, viele Menschen schreckt das einfach ab. Zu lang, zu schwer, zu laut, das sind die gängigen Vorur­teile gegenüber Wagners Werken, insbe­sondere gegenüber dem Ring. Der einge­fleischte Wagne­rianer hat für solche Aussagen natürlich nur ein müdes Lächeln übrig und schwelgt in Musik und Gesang und genießt jeden Moment. Eine verkürzte Version? Geht gar nicht. Oder doch? Es gibt auch bei Wagner mehr als nur schwarz oder weiß, das gilt besonders für den Ring. Der großartige Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, hat vor knapp 30 Jahren bewiesen, dass man den Ring des Nibelungen gekürzt an einem Abend erzählen kann, ohne dabei darben zu müssen. Loriots Liebe zu den Werken Wagners war spätestens jedem klar, der den ausge­füllten Frage­bogen aus der FAZ von 1982 gelesen hat. Auf die Frage, welche militä­rische Leistung er am meisten bewundere, war die Antwort des ehema­ligen preußi­schen Offiziers und Kriegs­teil­nehmers eindeutig wie verblüffend: „Den Ritt der Walküren“. Und bei dem Namen „von Bülow“ dämmert es dem einen oder anderen. Altes mecklen­bur­gi­sches Adels­ge­schlecht, aus dem auch Hans von Bülow stammte, der erste Ehemann Cosima Wagners und Dirigent der Urauf­füh­rungen von Tristan und Isolde und Die Meister­singer von Nürnberg.

Vielleicht liegt es also an den Famili­en­genen, dass auch Loriot ein einge­fleischter Wagne­rianer war, der auf die Frage, wie er denn sterben möchte, geant­wortet hat: „Morgendlich leuchtend im rosigen Schein“. Loriot war längst als Schau­spieler, Regisseur und Schrift­steller etabliert, als ihn der damalige General­intendant des Mannheimer Natio­nal­theaters, Klaus Schultz, bat, für seine erste  Spielzeit 1992 einen Ring an einem Abend zu konzi­pieren, quasi als Einführung für den kompletten Ring des Nibelungen. 

Loriot entwarf einen drama­tur­gi­schen Plan, indem, soweit wie möglich, alle für das Verständnis wesent­lichen Abschnitte der vier Musik­dramen berück­sichtigt wurden. Über sechs Monate lang arbeitete er an einer Schil­derung des Ring, beschrieb die Handlung mit seinem treff­si­cheren und doch so feinsin­nigem Humor, wie nur er sie beschreiben konnte, und es entstand ein Text, der ebenso genau wie liebevoll die verwi­ckelten und verbun­denen Elemente des Ring vorstellt, und das durchaus auch mit dem Blick auf die komischen Aspekte. Nach eigenen Angaben sollte dieser Abend auch dazu dienen, „Wagners Verehrern Lust auf das Ganze zu machen und seinen Gegnern, ihre haltlosen Vorur­teile zu bestä­tigen.“ Dabei findet Loriot viel feine Komik in Wagners gewal­tigem Weltun­ter­gangs­spek­takel, bewahrt aber immer auch tiefen Respekt vor dem Personal und seinem Erschaffer.

Zum Raub des Rhein­goldes durch Alberich bemerkt Loriot, dass, „wenn die Rhein­töchter dem Alberich etwas mehr Entge­gen­kommen gezeigt hätten, hätte man sich drei weitere aufwändige Opern sparen können“.  Wagners Ring an einem Abend in der Spielzeit 199293 in Mannheim mit Loriot als Erzähler auf der Bühne geriet zu einem überwäl­ti­genden Erfolg, so dass diese Fassung auch auf CD erschien, mit Ausschnitten aus der legen­dären Ring-Aufnahme der Berliner Philhar­mo­niker und Herbert von Karajan aus den Jahren 1967 bis 1970.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das Staats­theater Mainz hat nun diese Loriotsche Fassung des Ring an einem Abend wieder auf den Spielplan gesetzt. Großes Orchester auf der Bühne, Solisten in edler Robe, wie bei einer ganz normalen konzer­tanten Aufführung. Doch es gibt ein paar kleine, aber wichtige Requi­siten im vorderen Bühnen­ab­schnitt. Ein original grünes Loriot-Sofa, eine Leihgabe des Theaters Hagen, eine Stehlampe, ein kleiner Tisch mit einer Porzellan-Kaffee­kanne, eine Kaffee­tasse und eine Glaska­raffe mit einem guten Tropfen Hochpro­zen­tiges. Um das Sofa herum liegen verstreut viele Bücher, eine gemüt­liche Leseecke, wie man sie sich vielleicht gerne zu Hause wünscht. Und dann kommt der Erzähler, der Schau­spieler Max Hopp, auf die Bühne, mit schwarzer Hornbrille, Tweed-Weste und karierten Socken, eine Hommage an Loriot. Und er nimmt Platz auf dem grünen Sofa, Körper­haltung und Gestus wie das große Vorbild, und er beginnt in leicht näselndem Tonfall, der mehr an Theo Lingen als an Vicco von Bülow erinnert, Loriot zu rezitieren: „Die Täter im gewal­tigsten Drama der Musik­ge­schichte sind doch eigentlich ganz nette Leute. Leider wollen diese netten Leute mehr besitzen, als sie sich leisten können und vernichten damit sich selbst und die Welt, aber zum Glück gibt es dergleichen nur auf der Opern­bühne.“ So fasst der Meister des feinsin­nigen Humors Wagners „Opus Summum“ in gut drei Stunden zusammen, ohne Loriots subtilen Wortwitz und Pointierung zu verändern, aber mit eigener Note. Und so führt Max Hopp mit einem Augen­zwinkern durch Wagners Heldenepos vom berühmten Vorspiel auf dem Grund des Rheins bis zum finalen Brand der Götterburg Walhall. Eine der schönsten Zitate aus dieser Version ist die Szene, wenn Siegfried im dritten Aufzug Brünn­hilde erweckt und ihr den Brust­panzer entfernt: „Kaum hat Siegfried das schwere Oberteil geöffnet, wölbt sich ihm der Busen eines hochdra­ma­ti­schen Soprans entgegen. Nachdem sich der Held von diesem Schock erholt hat, macht er eine durchaus richtige Beobachtung: Das ist kein Mann! Zum ersten Mal in seinem Leben empfindet er nackte Furcht und verhält sich wie alle jungen Männer in dieser Situation; er schreit nach seiner Mutter.“ Herrlicher und komischer, ohne Verfäl­schung des Inhaltes, kann man diese Situation nicht beschreiben. Loriot liebt seinen Wagner, und bei aller Ironie und allem Wortwitz bleibt der Respekt vor dem Schaffen des großen Kompo­nisten immer erhalten. Und Hopp gelingt der Spagat, sich einer­seits von dem großen Schatten Loriots zu lösen, ihn nicht einfach nur zu kopieren, sondern dem „Erzähler“ eine eigene Persön­lichkeit zu geben. Hopp beobachtet, während der musika­li­schen Darbie­tungen bleibt er auf seinem Sofa sitzen, oder steht auf, seinen Blick immer auf die Protago­nisten gerichtet wie ein kriti­scher Beobachter, ohne eigene Regungen. Nur am Schluss kommt eine ganz inter­es­sante und aufschluss­reiche Geste. Zu den Schluss­ak­korden des Orchesters findet er den verfluchten Ring auf dem Grund seiner Kaffee­tasse, in die ihn Brünn­hilde in ihrem Schluss­gesang hat fallen lassen. Mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln und einem erstaunten Augen­zwinkern steckt er ihn in seine Westen­tasche, nachdem er zuvor lapidar bemerkt hat, dass er die Hoffnung habe, dass es mögli­cher­weise auch „unseren Göttern dämmert“. Ein doch eher frommer Wunsch.

Einge­bettet in die Hoppschen Erzäh­lungen wird auch gespielt und gesungen, und das zum größten Teil auf hohem Niveau. Derrick Ballard in der Rolle als Wotan und Wanderer verfügt über einen edlen Bariton mit schmei­chelndem Timbre und einer warmen Mittellage, die im Ausdruck sehr flexibel ist. Daniela Köhler als Brünn­hilde weiß mit ihrem klaren, drama­ti­schen Sopran und den leuch­tenden Höhen zu überzeugen. Berührend Ihre Todes­ver­kün­digung gegenüber Siegmund, strahlend ihr Schluss­gesang. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sie diese Partie(n) auf der Bühne in toto verkörpern wird. Alexander Spemann überzeugt sowohl als listiger Loge als auch als Siegfried mit Stahl im Tenor, besonders beim großen Schluss­finale Siegfried zusammen mit Diana Köhler. Peter Felix Bauer setzt mit den Partien Alberich und Gunther einen starken Kontra­punkt, insbe­sondere mit der Verflu­chung des Rings, und Linda Sommerhage als Götter­gattin Fricka reüssiert mit einem sehr warmen Mezzo­sopran. Während Vida Mikne­viciute besonders als Sieglinde mit leuch­tendem, jugendlich drama­ti­schem Sopran begeistert und auch als Gutrune Akzente setzt, hat Eric Laporte mit der Partie des Siegmund vor allem in den drama­ti­schen Ausbrüchen große Schwie­rig­keiten in den Höhen. Ein stimmlich wie optisch wunder­bares Trio bilden Dorin Rahardja, Maren Schwier und Katja Ladentin als die drei Rhein­töchter. Stephan Bootz als fieser Bösewicht Hagen weiß nicht nur mit seinem schwarzen Bass Gänsehaut zu erzeugen, auch in Haltung und Gestus so ausdrucks­stark, dass einen das Gefühl beschleicht, dem möchte man nachts allein nicht im Dunkeln begegnen.

Zu den Klängen des Todes­stoßes, den Hagen Siegfried versetzt, spießt Bootz auf einen Picker eine Olive auf und verzehrt sie genüsslich. Auch ein sehr inter­es­santes Bild. Karsten Münster als Mime rundet ein auf hohem Niveau singendes Ensemble ab. Max Hopp als Sprecher oder Loriot ist schon gewürdigt worden. Ergänzend sei hier angemerkt, dass auch zweimalige Störge­räusche von der Bühne ihn nicht aus der Fassung bringen können, und er diese technische Panne souverän moderiert.

Foto © Andreas Etter

Das Philhar­mo­nische Staats­or­chester Mainz unter der Leitung von Hermann Bäumer spielt einen durchweg soliden Wagner, leider sind einige Unsau­ber­keiten vor allem bei den Blech­bläsern unüber­hörbar. Hier merkt man schon, dass Wagner, und vor allem der Ring, nicht zu ihrem Standard­re­per­toire zählt. Dennoch ist es unter dem Strich eine ordent­liche Leistung der Musiker. Bäumer dirigiert sein Orchester mit energi­schem Duktus, wechselt die Tempi, was dem Fluss nicht immer gut bekommt. In der Begleitung der Sänger nimmt er aber das Orchester unprä­tentiös zurück. Am Schluss­akkord der Götter­däm­merung, als der Welten­brand durch den über die Ufer tretenden Rhein gelöscht wird, bevor die Musik sich beruhigt und die Hoffnung auf eine neue Welten­ordnung entstehen kann, befindet sich in der Partitur eine Fermate, eine kleine Pause, die aber einen Riesen­effekt hat. Leider geht Bäumer über diese Fermate hinweg und verpasst damit die Möglichkeit, dass der Zuhörer Atem schöpfen kann, um den Effekt des Wandels von der Zerstörung zur Erneuerung aufzu­zeigen. Aller­dings steht er da in guter Tradition, denn Herbert von Karajan machte es in seiner Ring-Aufnahme genauso.

Nicht unerwähnt bleiben sollte die passende und liebe­volle Einrichtung und Ausstattung von Erik Raskopf sowie die Licht­regie von Peter Meier. Das Publikum im nicht ausver­kauften Mainzer Staats­theater spendet großen Beifall, doch Jubel oder Ovationen, wie man sie sonst bei Wagner-Auffüh­rungen kennt, bleiben erstaun­li­cher­weise aus. Dabei hätte sich das Ensemble etwas mehr Begeis­terung sicher verdient. Ob Loriots Idee, „Wagners Verehrern Lust auf das Ganze zu machen und seinen Gegnern, ihre haltlosen Vorur­teile zu bestä­tigen“ an diesem Abend aufge­gangen ist, bleibt natürlich ein Geheimnis. Aber diese Version der gekürzten Fassung von Wagners Ring mit den beglei­tenden Worten Loriots ist für Freunde des fein- und tiefsin­nigen Humors genauso ein Muss, wie auch einge­fleischte Wagne­rianer sich über drei Stunden an einem verkürzten Ring erfreuen können.

Andreas H. Hölscher

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