O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Mats Bäcker

Parabel des Lebens

CIRCUS DAYS AND NIGHTS
(Philip Glass)

Gesehen am
29. Mai 2021
(Urauf­führung)

 

Malmö Opera

Glaubt noch irgend­jemand an Zufälle? Diese Oper ist das Ergebnis eines solchen glück­lichen Zufalls: Tilde Björfors, die Leiterin der zeitge­nös­si­schen Kompanie Circus Cirkör aus Südschweden, war 2015 für die schwe­dische Urauf­führung von Philip Glass‘ Oper Satyagraha in Stockholm verant­wortlich – die war mit über 70 Auffüh­rungen ein großer Erfolg. Im November 2017 besuchte Philip Glass Malmö aus einem anderen Anlass. Es ergab sich die Gelegenheit, dass er Björfors bei einem Abend­essen kennen­lernte. Als Glass erfuhr, dass sie Direk­torin einer Zirkus­gruppe war, erzählte er ihr, dass er vor Jahren die Rechte an einer Gedicht­sammlung des ameri­ka­ni­schen Dichters Robert Lax, der von 1915 bis 2000 lebte, mit dem Titel Circus Days and Nights gekauft hatte, in der das Zirkus­leben metapho­risch mit dem Kreislauf des Lebens verglichen wird. Björfors blieb der Atem stehen – und hier ist der erstaun­liche Zufall – denn sie hatte genau diese Gedicht­sammlung in den letzten vier Jahren praktisch täglich gelesen! Nun ist die Oper, die in Kopro­duktion mit der Malmöer Oper entstanden ist, das Produkt dieser schick­sal­haften Begegnung.

In Circus Days and Nights stellen die echten Mitglieder des Circus Cirkör den Ablauf ihres täglichen Lebens nach: Auftritt in einer Stadt, danach Zelt und Takelage abbauen, einpacken, zur nächsten Station der Tournee fahren, sich für den Abend ausruhen. In den frühen Morgen­stunden des nächsten Tages wird das Zelt wieder aufgebaut, die Künstler proben und dann findet die nächste Vorstellung statt. Robert Lax hatte von diesem Lebensstil geschwärmt, war faszi­niert gewesen von diesem sich ständig wieder­ho­lenden Ablauf. Für ihn bedeutete ein Leben im Zirkus die Konzen­tration auf das Wesent­liche – alles Überflüssige wird abgeworfen, bis das Wesent­liche zum Vorschein kommt.

Foto © Mats Bäcker

David Henry Hwang und Tilde Björfors haben das Libretto auf der Grundlage dieses Gedicht­bandes gemeinsam verfasst. Die Geschichte wird aus der Sicht von Lax erzählt – er erscheint in drei Lebens­ab­schnitten: Methinee Wongtrakoon verkörpert ihn als heran­wach­sender Junge, der vom Zirkus faszi­niert ist, bei Sopra­nistin Elin Rombo ist er ein junger Mann, der tatsächlich mit diesem Zirkus eine Zeit lang herum­reist, und Bassba­riton Jakob Högström ist Lax dann als alter Mann, der über den Kreislauf des Lebens und den Zirkus philo­so­phiert. Einer von diesen Charak­teren ist immer auf der Bühne und kommen­tiert singend das Treiben der Truppe.

Den Kern formt die Cristiani-Familie – beide Eltern sind die Ringmeister, der älteste Sohn Mogador ist Luftakrobat, Rastelli ein Jongleur, La Louisa Meisterin auf dem Trapez, eine bärtige Dame und ein junger Löwen­bän­diger ohne Löwen vervoll­stän­digen das Bild. Es gibt keinen Haupt­dar­steller, aber jeder hat einen Solo-Auftritt. Alle Darsteller sind tatsäch­liche Zirkus­ar­tisten, und als solche sind die von ihnen gezeigten akroba­ti­schen Nummern echt.

Die Musik ist unver­kennbar Philip Glass. Fröhliche und beschwingte synko­pische Rhythmen, mit einem Schuss melan­cho­li­scher Würze, webt das sieben­köpfige Ensemble seine Magie. Obwohl die Zirkus­nummern per Definition hochpräzise und immer gleich sein müssen, werden diese Nummern von Menschen ausge­führt und sind daher nie mecha­nisch geklont. Und so reflek­tiert auch die Musik unter­schied­liche Akzente und Wendungen, während sie den kreis­för­migen, sich immer wieder­ho­lenden Lebens­zyklus durch­läuft.  Die Musiker – auch in aufwän­digen Kostümen – sind auf mobilen Wagen platziert, die unter der Leitung von Minna Weurlander am Akkordeon auf der Bühne bewegt werden.

Magdalena Åberg schuf zauber­hafte Bühnen­bilder und Kostüme mit einer Anspielung auf die Vergan­genheit: Die ikonische Ästhetik der japani­schen Künst­lerin Yayoi Kusama hat sicherlich das Kleid der Frau des Zirkus­di­rektors inspi­riert, mit seinen schwarzen Tupfen auf gelbem Grund und der Kürbisform. Das epochale Triadische Ballett der frühen Bauhaus-Ära in den 1920-er Jahren, entworfen vom Künstler Oskar Schlemmer, mit seinen urwüch­sigen Farbblo­ckie­rungen dürfte für viele der anderen umwer­fenden Kostüme Pate gestanden haben. Auch das Zelt und seine Takelage muss erwähnt werden, denn das unbelebte Objekt hat ein Eigen­leben, ja eine eigene Choreo­grafie – die riesigen Flächen aus weißem Stoff zusammen mit der kompli­zierten Takelage und dem kreis­för­migen Laufsteg, alles unter der Kontrolle von Saar Rombout, ist am beein­dru­ckendsten, wenn es ab- und wieder aufgebaut wird und trägt zum Thema bei, weil die kleinsten Elemente genauso wichtig für das gesamte physische und philo­so­phische Thema der Insze­nierung sind.

Gemeinsam haben Philip Glass und Tilda Björfors sowie die gesamte Besetzung und Crew eine Show geschaffen, die weit mehr ist als nur die Summe ihrer Teile – sie ist eine Liebes­er­klärung an das Leben und die Kreativität.

Zenaida des Aubris

Teilen Sie O-Ton mit anderen: