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SCHUBERTIADE SCHLOSS SEEHAUS
(Moritz von Dietrichstein, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven)
Besuch am
30. August 2025
(Einmalige Aufführung)
Schloss Seehaus liegt im fränkischen Markt Nordheim, an den Ausläufern des Steigerwaldes und überrascht den Besucher mit einer weitläufigen Anlage am Rande eines kleinen Dorfes. Garten, Haupthaus und Seitenflügel mit kleiner Kapelle laden zum Verweilen ein. Das preisgekrönte Weingut Probst aus dem Dorf versorgt mit leckerem Wein die Besucher, und so trifft man sich vor dem Konzert auf der Terrasse im Abendlicht und blickt in die beruhigende fränkische Landschaft. Gesungen und gespielt wird in einem altehrwürdigen Konzertsaal mit mächtigen Eichenbalken und roten Lämpchen mit Messingspiegeln dahinter. Zumindest das erste Konzert des Abends findet hier statt, danach geht’s hinunter in die alte Orangerie, wo ein Buffet auf die Zuhörer wartet und eine wahrhafte Schubertiade wie zu Schuberts Zeiten veranstaltet wird.
Das Schloss ist schon seit Längerem ein Zentrum von Originalklängen. Der bestens vernetzte und auf zahlreichen Alben verewigte Tenor Jan Kobow sammelt dort herrlichste Tasteninstrumente aus der Zeit des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Die Hammerklaviere wurden damals erfunden, um die Dynamik des Tons durch die Anschlagstärke der Hämmer zu steuern. Bei den im Schloss immer wieder veranstalteten Konzerten verwendet Kobow die Instrumente, an diesem Abend einen Flügel von Andreas Landschütz aus Wien aus dem Jahr 1822, der allein sechs Pedale besitzt und mit seltenen Kuriositäten in Klang aufwartet. Der Hammerflügel ist eines von vier übrig gebliebenen Instrumenten von Landschütz, es gibt noch ein Nähkästchenklavier in Köln, ein Tafelklavier in Spanien und einen Hammerflügel in New York. Im Vergleich zu ihnen haben die modernen Klaviere und Flügel einen helleren und kräftigeren Klang. Diese Rarität, die dem Zuhörer den Klang der Musik vermittelt, den Franz Schubert im Ohr hatte, als er komponierte, wird an dem Abend von Christoph Hammer mit großer Kunstfertigkeit, Sensibilität und erfahrenem Können gespielt. Sehr einfühlsam begleitet er die Sänger.

Kobow und die junge Sopranistin Maria Ladurner beginnen den ersten Teil mit einer Widmung an Moriz von Dietrichstein, einem österreichischen Offizier und Hofbeamten, der Hofmusikgraf, späterer Hoftheaterdirektor und Leiter der Hofbibliothek in Wien war. Er hat selbst Lieder, Tänze und Menuette komponiert, und im Programm erscheinen Lieder auf Texte, die man auch von Schubert her kennt. Passenderweise hängt auch auf Schloss Seehaus ein Porträt von ihm, und so schließt sich der Kreis, erklärt Kobow. Das erste Stück lässt beide Sänger nacheinander in den Raum treten, Dietrichsteins Musik ist gefällig und gut hörbar.
Danach folgen zusätzlich Lieder von Schubert und das Duett Merkenstein von Ludwig van Beethoven, das der seinem Gönner Dietrichstein gewidmet hat. Schubert-Lieder und die Grande Marche Funèbre für Klavier zu vier Händen mit Kobow am Piano lässt die Musizierenden tiefer in die Welt Schuberts eintauchen, um dann „Schubert-Lieblingslieder und Duette“ folgen zu lassen. Dazu liest Udo Samel. 1986 verkörperte er in dem Film Mit meinen heißen Tränen Franz Schubert, wofür er zahlreich ausgezeichnet wurde. Auch hier auf Seehaus rezitiert er unaufdringlich, aber sehr präsent aus Schuberts Briefen, mit lustigen Anekdoten über Namensverwechslungen bei Schubert und seinem Freund Schober und andere launige Beiträge, die den Abend bereichern.

Sowohl Kobow als auch Ladurner sind wunderbare Gestalter, Schuberts Duett Geheimnis gelingt ganz besonders gut, bevor sich die beiden Lieder aus Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meister vornehmen. In den Liedern der Mignon erreicht die Interpretation von Sopranistin Ladurner eine schimmernde Tiefe, die die Einsamkeit der Mignon spürbar macht. Ihre helle, aber von großer Wärme und Innigkeit geprägte Stimme offenbart immer wieder ein kleines, wohliges Vibrato, das auf dem Atem flutet, ein Timbre, das einen innerlich beglückt. Manche Lieder bieten die beiden Sänger als Duette dar, wie man es nicht gewohnt ist, so auch bei Alinde, wo Kobow als Schnitter, Fischer, Jäger und letztendlich als Echo im Raum agiert. Ein herrlicher szenischer Einfall, der die schauspielerischen Qualitäten des Hausherrn trefflich hervortreten lässt. Kobows helle Tenorstimme passt gut zu Ladurner, der sehr erfahrene Sänger passt sich sehr schön an ihren Sopran an, mit großer Übereinkunft gestalten sie miteinander. Mit dem Nachtstück und Licht und Liebe verabschieden sich die beiden und geleiten alle Besucher hinunter in die Orangerie, wo schon Julian Prégardien und Daniel Heide und ein reichhaltiges Buffett – auf Spendenbasis wohlgemerkt – warten.
Sogleich geht es weiter mit einer veritablen Schubertiade. Die Musiker lassen sich nach einem ersten eigenen Lieblingslied vom Publikum Titel sagen, stellen in Windeseile eine sinnvolle Reihenfolge zusammen und beglücken alle bei Wein und bester Laune. Neben Des Fischers Liebesglück, Auf dem Wasser zu singen und Lied eines Schiffers an die Dioskuren steht dann auch das Gute Nacht aus Schuberts Winterreise, die das Duo am nächsten Tag in der Kapelle des Schlosses musizieren wird. Prégardien zeigt auch hier absolut ernsthaft sein Können, seine warme und baritonal fundierte Tenorstimme ist zugleich weich und kräftig, er gestaltet die Schubertlieder mit großer Emotionalität und Differenziertheit, auch im weingeschwängerten Dunst der Orangerie. Heide spielt ebenfalls mit großer Ernsthaftigkeit und begleitet gerade im doch sehr spontanen Ambiente locker und gekonnt, sehr präsent und klar und manchmal vom Blatt. Die Stimmung ist prächtig, die Musiker gutgelaunt bis auf eine absolut berechtigte Ansage von Heide, doch bitte während des Vortrags nicht so mit den Tellern zu klappern. Man hört kleine Preziosen wie den Goldschmiedgesell, und das Trinklied an den Bacchus rundet den herrlichen Vortrag ab. So unmittelbar, so zugänglich und nah erlebt man alle diese hervorragenden Musiker selten – ein wunderbarer Abend!
Die Schubertiade auf Seehaus geht noch einige Tage weiter, weiterhin mit dem Hausherrn, Jan Kobow, dem aller Respekt und Dankbarkeit für solch schöne Erlebnisse gezollt sei.
Jutta Schwegler