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Nach einer traditionellen Aufführung dieses Abends hätte der einzige Schauspieler, Matthias Brandt, mindestens fünf Vorhänge zählen können. Das außerordentlich intensive, bewegende Spiel des Matthias Brandt in Verbindung mit dem abstrakten kühlen, sparsamen Bühnenbild motiviert das Publikum der Inszenierung Mein Name sei Gantenbein zu minutenlangem Beifall. Nach dem letzten großen Roman von Max Frisch Mein Name sei Gantenbein aus dem Jahr 1964 hat Regisseur Oliver Reese eine Textfassung geschaffen und die auf die Bühne gebracht. Mit Brandt ist die Rolle des Theo Gantenbein als Ein-Mann-Besetzung kongenial besetzt. Brandt, vielen Zuschauern eher als zwielichtiger Charakter oder Kommissar aus Film und Fernsehen bekannt, brilliert in dem Ein-Personen-Stück als vielseitiger und facettenreicher Charakter, der selbst bei Frisch keine klaren Konturen erkennen lässt. Brandt erweist sich als perfekte Besetzung für die illusionäre Romanfigur. Frisch verzichtet weitgehend auf eine Handlung. Immer wieder prüft Gantenbein seine Lebensentwürfe, korrigiert und wechselt sie aus, um sie durch neue Fantasmen zu ersetzen. So zieht sich durch das gesamte Stück das Gantenbein-Credo „Ich stelle mir vor.“

Gantenbein lebt in und mit seinen Vorstellungen. „Er stellt sich blind und sieht dadurch mehr als andere.“ Frisch und mit ihm Reese hat eine Figur im Kopf, deren Wirklichkeit er als „die Summe der Fiktionen begreift“, die dieser Person möglich ist, ihm geht es um die „Problematisierung der Ichidentität“. Er greift zurück auf Frischs Frage, „wer wir sind und wer wir sein könnten“. Die eigene Identität sucht er „in der Spannung zwischen ethischem – was sollte ich tun? – und ästhetischem – was will ich tun? – Lebensentwurf“.
Diese Spannung verlangt vom Schauspieler das ganze Spektrum der Darstellung. Brandt hat keine Mühe, den nachdenklichen, den grübelnden, den verhalten traurigen, aber auch den lautstark zweifelnd Suchenden den Zuschauern in all seinen Variationen intensiv und glaubhaft zu präsentieren.
Reese setzt nur sehr sparsam, meist in Sprechpausen, kurze Musikelemente ein. Im Übrigen reichen Brandts ausdrucksstarke, variationsreiche Stimme bis zum ohrenbetäubenden Verzweiflungsschrei und seine Gestik völlig aus, um Gantenbeins wechselnde Stimmungen und Einfälle augenscheinlich zu machen. Hier vermischen sich dessen neue Lebensentwürfe mit der erlebten Wirklichkeit. „Ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche.“ Reese deutet die wechselnden Ideen und Stimmungen zu Gantenbeins Lebensentwürfen durch drei in Neonfarben wechselnde große Leuchtrahmen an, die mal als Bedrohung, dann als Erhellung wirken. Brandt, inzwischen als anerkannter Schauspieler, Hörbuchsprecher und Autor tätig, hat mit seiner Interpretation des Gantenbein Frischs Philosophie um eine Perspektive bereichert: „Ein anderes Leben. Handeln also, nicht büßen; werden also, nicht sein.“
Brandt ergänzt die vorhandenen literarischen Interpretationen von Bachmann, Hans Mayer und Reich-Ranicki um eine schauspielerische Interpretation von Frischs Gantenbein. Der langanhaltende, zustimmende Beifall als Dank für eine außerordentliche Leistung überrascht und erfreut selbst den erfahrenen Matthias Brandt.
Horst Dichanz