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„Stellen Sie sich vor.“

MEIN NAME SEI GANTENBEIN
(Max Frisch)

Besuch am
4. Juni 2022
(Premiere)

 

Theater Marl

Nach einer tradi­tio­nellen Aufführung dieses Abends hätte der einzige Schau­spieler, Matthias Brandt, mindestens fünf Vorhänge zählen können. Das außer­or­dentlich intensive, bewegende Spiel des Matthias Brandt in Verbindung mit dem abstrakten kühlen, sparsamen Bühnenbild motiviert das Publikum der Insze­nierung Mein Name sei Gantenbein zu minuten­langem Beifall. Nach dem letzten großen Roman von Max Frisch Mein Name sei Gantenbein aus dem Jahr 1964 hat Regisseur Oliver Reese eine Textfassung geschaffen und die auf die Bühne gebracht.   Mit Brandt ist die Rolle des Theo Gantenbein als Ein-Mann-Besetzung kongenial besetzt. Brandt, vielen Zuschauern eher als zwielich­tiger  Charakter oder Kommissar aus Film und Fernsehen bekannt, brilliert in dem Ein-Personen-Stück als vielsei­tiger und facet­ten­reicher Charakter, der selbst bei Frisch keine klaren Konturen erkennen lässt. Brandt erweist sich als perfekte Besetzung für die illusionäre Roman­figur. Frisch verzichtet weitgehend auf eine Handlung. Immer wieder prüft Gantenbein seine Lebens­ent­würfe, korri­giert und wechselt sie aus, um sie durch neue Fantasmen zu ersetzen. So zieht sich durch das gesamte Stück das Gantenbein-Credo „Ich stelle mir vor.“

Foto © Matthias Horn

Gantenbein lebt in und mit seinen Vorstel­lungen. „Er stellt sich blind und sieht dadurch mehr als andere.“ Frisch und mit ihm Reese hat eine Figur im Kopf, deren Wirklichkeit er als „die Summe der Fiktionen begreift“, die dieser Person möglich ist, ihm geht es um die „Proble­ma­ti­sierung der Ichiden­tität“. Er greift zurück auf Frischs Frage, „wer wir sind und wer wir sein könnten“. Die eigene Identität sucht er „in der Spannung zwischen ethischem – was sollte ich tun? – und ästhe­ti­schem – was will ich tun? – Lebensentwurf“.

Diese Spannung  verlangt vom Schau­spieler das ganze Spektrum der Darstellung.  Brandt hat keine Mühe, den nachdenk­lichen, den grübelnden, den verhalten traurigen, aber auch den lautstark zweifelnd Suchenden den Zuschauern in  all seinen Varia­tionen intensiv und glaubhaft zu präsentieren.

Reese setzt nur sehr sparsam, meist in Sprech­pausen, kurze Musik­ele­mente ein. Im Übrigen reichen Brandts ausdrucks­starke, varia­ti­ons­reiche Stimme bis zum ohren­be­täu­benden Verzweif­lungs­schrei und seine Gestik völlig aus, um Ganten­beins wechselnde Stimmungen und Einfälle augen­scheinlich zu machen. Hier vermi­schen sich dessen neue Lebens­ent­würfe mit der erlebten Wirklichkeit. „Ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche.“  Reese deutet die wechselnden Ideen und Stimmungen zu Ganten­beins Lebens­ent­würfen durch drei in Neonfarben wechselnde große Leucht­rahmen an, die mal als Bedrohung, dann als Erhellung wirken. Brandt, inzwi­schen als anerkannter Schau­spieler, Hörbuch­sprecher und Autor tätig, hat mit seiner Inter­pre­tation des Gantenbein Frischs Philo­sophie um eine Perspektive berei­chert:  „Ein anderes Leben. Handeln also, nicht büßen; werden also, nicht sein.“

Brandt ergänzt die vorhan­denen litera­ri­schen Inter­pre­ta­tionen von Bachmann, Hans Mayer und Reich-Ranicki um eine schau­spie­le­rische Inter­pre­tation von Frischs Gantenbein. Der langan­hal­tende, zustim­mende Beifall als Dank für eine außer­or­dent­liche Leistung überrascht und erfreut selbst den erfah­renen Matthias Brandt.

Horst Dichanz

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