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Der in New York lebende Schriftsteller Don DeLillo gilt als „größter lebender Diagnostiker im Verfallsgeschehen der Gegenwart“. Sein Roman White Noise erlangte Kultstatus und ist in Deutschland unter dem Titel Weißes Rauschen erschienen. Der Inhalt ist schnell erzählt. Jack Gladney ist Professor für Hitler-Studien an einem College. Mit seiner fünften Frau Babette und vier Kindern aus den verschiedenen Ehen lebt er ein „ganz normales“, also konsumorientiertes Leben, bis in einer nahen Chemiefabrik ein Giftgasunglück passiert, bei dem Gladney kontaminiert wird. Damit ändert sich alles.
Daniel Fish, ebenfalls aus New York, wollte den Roman, der ihn so faszinierte, dass daraus ein Theaterstück entstehen sollte, bewusst nicht nacherzählen. Hätte er’s mal getan. Stattdessen hat er „Listen“ aus dem Buch herausgeschrieben und so eine eigene Fassung geschaffen. Entstanden ist ein knapp anderthalbstündiger Monolog, der sehr nach assoziativem Schreiben klingt, streckenweise an die Brachialpoesie eines Charles Bukowski erinnert und im Hörer den Wunsch entstehen lässt, vorher dieselben Drogen genommen zu haben, die den Autor inspiriert zu haben scheinen.
Das Theater Freiburg hat in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Fish beauftragt, das Stück für die deutschsprachige Bühne zu realisieren. Im Theater Marl als Spielstätte der Ruhrfestspiele kommt das Stück jetzt zur Uraufführung, die Premiere in Freiburg ist für Januar kommenden Jahres vorgesehen. Erfahrene Festspielbesucher haben ihr Programmheft offenbar sehr genau gelesen – das kleine Theater im Ruhrgebiet ist, wenn überhaupt, gerade mal zur Hälfte gefüllt. Und das wird sich im Laufe der Aufführung noch deutlich ändern.
Wie inszeniert man einen amerikanischen Monolog, damit er für das deutsche Publikum attraktiv wird? Andrew Lieberman hat bühnenfüllend zwei weiße Holzplatten aufgebaut. In deren Mitte ist ein Loch ausgespart, hinter dem sich eine Röhre befindet. So ergeben sich nicht nur verschiedene Projektionsflächen, sondern auch eine Bewegungsfläche für den Schauspieler auf einer erhöhten Ebene, die allerdings nur marginal beansprucht wird. Der Schauspieler tritt auf, setzt sich an den Rand des Lochs, erzählt in ein Mikrofon – und das war es im Prinzip mit der Handlung. Jim Findlay ergänzt das Geschehen um Video, Licht und Sounddesign. Dass er im Videodesign zu Hause ist, steht nach diesem Abend außer Frage. Freigestellte Bilder sind da ebenso zu sehen wie Zweiteilungen oder Collagen. Da gibt es dann auch schon mal die Gegenüberstellung eines Elvis-Auftritts und einer Hitler-Rede an die Jugend. Größenwahnsinn auf beiden Seiten möglicherweise. Immer wieder tauchen Kinder auf, die Verletzungen aufweisen. Die allerdings werden ihnen von der Maske zugefügt. In der Klanggestaltung überzeugt Findlay weniger. Bekommt er die Balance zwischen Presley und Hitler gerade noch hin, bleiben weitere Einspielungen halbherzig im Hintergrund.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Schauspieler trägt den Monolog auf Amerikanisch vor. Rechts und links von der Bühne sind Monitore angebracht, auf denen die deutsche Übersetzung fehlerhaft zu lesen ist. So lange sie zu lesen ist. Die ersten Besucher haben die Vorstellung nach einer Dreiviertelstunde verlassen, der nächste Schwung geht, als die Übertragung der Übertitel ausfällt. Weitere folgen. Überhaupt entsteht der Eindruck, dass das Publikum in erster Linie den Blick auf die Monitore richtet und das Bühnengeschehen oder besser die Videoübertragung – weil ja sonst nicht viel passiert – nur als Randerscheinung wahrnimmt. So geraten auch die Kostüme von Doey Lühti ins Abseits der Betrachtung, zumal der Schauspieler als typischer Professor auftritt oder besser: sich hinsetzt. Die Kleidung nachlässig, aber immer mit Krawatte, einzige Abweichung bleiben seine entblößten Füße. Die Kinder treten ebenfalls in möglichst unauffälliger Bekleidung auf – und dass Babette sich ebenfalls im Film in Nahaufnahme unter einer Bettdecke räkelt, zeigt allenfalls die Schulterbügel ihres Büstenhalters.

Eines der Merkmale des weißen Rauschens ist, dass es unvermittelt auftritt, als Störfaktor ist es gewollt. Und das gelingt Findlay auch sehr eindrucksvoll. Bruce McKenzie ficht das alles nicht an. Der Mann, der nicht einmal den intellektuellen Charme eines Professors für Hitler-Studien versprüht, sondern sich eher als verhinderter Beamter geriert, trägt seinen Text sage und schreibe annähernd anderthalb Stunden fehlerfrei vor. Monoton, gewiss, das ist gewollt, aber mit kleinen Abstufungen, die sehr gekonnt den trockenen Text noch vertrockneter erscheinen lassen. Und wenn McKenzie blitzschnell Übersetzungen der von den Kindern hingeworfenen, durchaus anspruchsvollen Begriffe liefert, kommt sogar im Publikum so etwas wie Fröhlichkeit auf. Es sind ganz wenige Stellen, an denen das passiert. Mehr Raum nehmen brutale Tötungsbilder ein, die quasi en passant, mehr Bedeutung wird in Amerika dem Erschießen von Menschen ohnehin nicht gewidmet, erzählt werden.
Vielleicht ist es diese letzte Ironie, wenn es denn eine ist, die die Zuschauer verschreckt. Mit einer Verbeugung des Leitungsteams und Schauspielers ist der Abend ausreichend quittiert. Und – ohne die großartige Leistung McKenzies schmälern zu wollen – den Freiburgern wird es dann wohl vollkommen reichen, den Text dieses Stücks zu Hause zu lesen. Da kann man dann auch nebenbei Elvis hören und sich das Antlitz von Adolf Hitler sparen.
Michael S. Zerban