O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Marc Doradzillo

Elivs trifft Adolf

WEIßES RAUSCHEN
(Daniel Fish)

Besuch am
6. Juni 2018
(Urauf­führung)

 

Ruhrfest­spiele, Theater Marl

Der in New York lebende Schrift­steller Don DeLillo gilt als „größter lebender Diagnos­tiker im Verfalls­ge­schehen der Gegenwart“. Sein Roman White Noise erlangte Kultstatus und ist in Deutschland unter dem Titel Weißes Rauschen erschienen. Der Inhalt ist schnell erzählt. Jack Gladney ist Professor für Hitler-Studien an einem College. Mit seiner fünften Frau Babette und vier Kindern aus den verschie­denen Ehen lebt er ein „ganz normales“, also konsum­ori­en­tiertes Leben, bis in einer nahen Chemie­fabrik ein Giftgas­un­glück passiert, bei dem Gladney konta­mi­niert wird. Damit ändert sich alles.

Daniel Fish, ebenfalls aus New York, wollte den Roman, der ihn so faszi­nierte, dass daraus ein Theater­stück entstehen sollte, bewusst nicht nacher­zählen. Hätte er’s mal getan. Statt­dessen hat er „Listen“ aus dem Buch heraus­ge­schrieben und so eine eigene Fassung geschaffen. Entstanden ist ein knapp andert­halb­stün­diger Monolog, der sehr nach assozia­tivem Schreiben klingt, strecken­weise an die Brachi­al­poesie eines Charles Bukowski erinnert und im Hörer den Wunsch entstehen lässt, vorher dieselben Drogen genommen zu haben, die den Autor inspi­riert zu haben scheinen.

Das Theater Freiburg hat in Kopro­duktion mit den Ruhrfest­spielen Fish beauf­tragt, das Stück für die deutsch­spra­chige Bühne zu reali­sieren. Im Theater Marl als Spiel­stätte der Ruhrfest­spiele kommt das Stück jetzt zur Urauf­führung, die Premiere in Freiburg ist für Januar kommenden Jahres vorge­sehen. Erfahrene Festspiel­be­sucher haben ihr Programmheft offenbar sehr genau gelesen – das kleine Theater im Ruhrgebiet ist, wenn überhaupt, gerade mal zur Hälfte gefüllt. Und das wird sich im Laufe der Aufführung noch deutlich ändern.

Wie insze­niert man einen ameri­ka­ni­schen Monolog, damit er für das deutsche Publikum attraktiv wird? Andrew Lieberman hat bühnen­füllend zwei weiße Holzplatten aufgebaut. In deren Mitte ist ein Loch ausge­spart, hinter dem sich eine Röhre befindet. So ergeben sich nicht nur verschiedene Projek­ti­ons­flächen, sondern auch eine Bewegungs­fläche für den Schau­spieler auf einer erhöhten Ebene, die aller­dings nur marginal beansprucht wird. Der Schau­spieler tritt auf, setzt sich an den Rand des Lochs, erzählt in ein Mikrofon – und das war es im Prinzip mit der Handlung. Jim Findlay ergänzt das Geschehen um Video, Licht und Sound­design. Dass er im Video­design zu Hause ist, steht nach diesem Abend außer Frage. Freige­stellte Bilder sind da ebenso zu sehen wie Zweitei­lungen oder Collagen. Da gibt es dann auch schon mal die Gegen­über­stellung eines Elvis-Auftritts und einer Hitler-Rede an die Jugend. Größen­wahnsinn auf beiden Seiten mögli­cher­weise. Immer wieder tauchen Kinder auf, die Verlet­zungen aufweisen. Die aller­dings werden ihnen von der Maske zugefügt. In der Klang­ge­staltung überzeugt Findlay weniger. Bekommt er die Balance zwischen Presley und Hitler gerade noch hin, bleiben weitere Einspie­lungen halbherzig im Hintergrund.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der Schau­spieler trägt den Monolog auf Ameri­ka­nisch vor. Rechts und links von der Bühne sind Monitore angebracht, auf denen die deutsche Übersetzung fehlerhaft zu lesen ist. So lange sie zu lesen ist. Die ersten Besucher haben die Vorstellung nach einer Dreivier­tel­stunde verlassen, der nächste Schwung geht, als die Übertragung der Übertitel ausfällt. Weitere folgen. Überhaupt entsteht der Eindruck, dass das Publikum in erster Linie den Blick auf die Monitore richtet und das Bühnen­ge­schehen oder besser die Video­über­tragung – weil ja sonst nicht viel passiert – nur als Rander­scheinung wahrnimmt. So geraten auch die Kostüme von Doey Lühti ins Abseits der Betrachtung, zumal der Schau­spieler als typischer Professor auftritt oder besser: sich hinsetzt. Die Kleidung nachlässig, aber immer mit Krawatte, einzige Abwei­chung bleiben seine entblößten Füße. Die Kinder treten ebenfalls in möglichst unauf­fäl­liger Bekleidung auf – und dass Babette sich ebenfalls im Film in Nahauf­nahme unter einer Bettdecke räkelt, zeigt allen­falls die Schul­ter­bügel ihres Büstenhalters.

Foto © Marc Doradzillo

Eines der Merkmale des weißen Rauschens ist, dass es unver­mittelt auftritt, als Störfaktor ist es gewollt. Und das gelingt Findlay auch sehr eindrucksvoll. Bruce McKenzie ficht das alles nicht an. Der Mann, der nicht einmal den intel­lek­tu­ellen Charme eines Professors für Hitler-Studien versprüht, sondern sich eher als verhin­derter Beamter geriert, trägt seinen Text sage und schreibe annähernd anderthalb Stunden fehlerfrei vor. Monoton, gewiss, das ist gewollt, aber mit kleinen Abstu­fungen, die sehr gekonnt den trockenen Text noch vertrock­neter erscheinen lassen. Und wenn McKenzie blitz­schnell Überset­zungen der von den Kindern hinge­wor­fenen, durchaus anspruchs­vollen Begriffe liefert, kommt sogar im Publikum so etwas wie Fröhlichkeit auf. Es sind ganz wenige Stellen, an denen das passiert. Mehr Raum nehmen brutale Tötungs­bilder ein, die quasi en passant, mehr Bedeutung wird in Amerika dem Erschießen von Menschen ohnehin nicht gewidmet, erzählt werden.

Vielleicht ist es diese letzte Ironie, wenn es denn eine ist, die die Zuschauer verschreckt. Mit einer Verbeugung des Leitungs­teams und Schau­spielers ist der Abend ausrei­chend quittiert. Und – ohne die großartige Leistung McKenzies schmälern zu wollen – den Freiburgern wird es dann wohl vollkommen reichen, den Text dieses Stücks zu Hause zu lesen. Da kann man dann auch nebenbei Elvis hören und sich das Antlitz von Adolf Hitler sparen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: