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Foto © O-Ton

Sie kann auch Liebeslieder

DAS ABER DER DINGE
(Inga Bachmann)

Besuch am
14. Oktober 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Betlehem-Kirche, Meerbusch

Sie wird wohl um die zehn Jahre alt gewesen sein, als ihre Mutter, ihres Zeichens Konzert­gi­tar­ristin, sie in der Musik­schule ihrer Geburts­stadt Meerbusch anmeldete. Von der Mutter hatte sie da schon die ersten Akkorde auf der Gitarre gezeigt bekommen. Aber mit dem Abitur waren die musika­li­schen Träume dann auch erst mal ausge­träumt. Danach wartete in den Fußstapfen ihres Vaters die Juris­prudenz auf sie. Ja, sie absol­vierte erfolg­reich das Zweite Staats­examen, aber so richtig war die Juris­terei nichts für sie. Das stellte sie als Rechts­an­wältin ziemlich schnell fest. Zwei Jahre in Australien hatten sie menschlich geprägt, aber beruflich nicht weiter­ge­bracht. Inga Bachmanns Liebe gehört der deutschen Sprache. Und, wie sie heute weiß, der Musik. Dabei hat sie sich längst von der Mutter mit deren Vorliebe für die klassische Musik gelöst und ihren eigenen Weg gefunden.

2017 brachte sie ihr erstes Album Der Masterplan vom Glück heraus. In diesem Jahr lässt es sich besonders gut an. Sie hat den Gedichtband Zwischen Räumen veröf­fent­licht. Gedichte in der heutigen Zeit? Das ist was Beson­deres. Beispiel gefällig? Sehnsucht ist, was meine Seele sucht/​Sehnsucht ist ein Meer aus Glas/​Sehnsucht ist, was wirklich wär/​wenn die Wirklichkeit nicht wär. Das macht schon Lust auf mehr. Und als sei das nicht genug, erschien auch ihr zweites Album Das Aber der Dinge. Kostproben daraus präsen­tierte Bachmann, deren Lebens­mit­tel­punkt inzwi­schen in Heidelberg liegt, beim MeerMusik-Festival im Sommer und begeis­terte damit das Publikum.

Foto © O‑Ton

Jetzt ist sie in ihre Geburts­stadt einge­laden. Wer im Stadtteil Büderich etwas musika­lisch aufführen will, hat ein Problem. Da gibt es das Gymnasium und Kirchen. Also fällt die Wahl auf die Betlehem-Kirche. Eine nur einge­schränkt gute Wahl. Junge Leute verirren sich hierhin nicht, und die wenigen Alten legen ihre Jacken und Mäntel erst gar nicht ab. Schon jetzt, bei Außen­tem­pe­ra­turen um die 17 Grad, ist es in der Kirche recht frisch. Wie das wird, wenn die Kirchen tatsächlich ihre Raumtem­pe­ratur auf 16 Grad absenken wollen, wird man sehen. Nach dem heutigen Stand wird es wohl rasch zu leeren Sitzplätzen führen. Orchester werden in solchen Räumen nicht mehr auftreten können. Auch Bachmann, die seit 2008 die kleinen und mittleren Bühnen kennt, muss erst mal ihre gesamte Profes­sio­na­lität aufbieten, um sich von dem Szenario nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Ist die Betlehem-Kirche nicht voll besetzt, wirkt sie gleich armselig leer. Die Kälte wirkt nicht unbedingt erhei­ternd, und die E‑Gitarre, deren Saiten klirren und scheppern, erreicht nicht die gewünschte Lautstärke.

Alle äußeren Umstände sind schnell vergessen, wenn Thomas Cieslik, einer ihrer Gitar­ren­lehrer in der Musik­schule, sie ansagt. Und schon mit dem ersten Lied, Eigentlich, zieht Bachmann das Publikum in ihren Bann. Mit Plusquam­perfekt steht noch die Eloquenz im Vorder­grund, bei den folgenden Stücken haben auch Wortwitz und Poesie viel Raum. Ihre Stimme ist tief beein­dru­ckend, wie sie zwischen Tiefen und Höhen pegelt. In der Höhe angenehm zu hören, kommt die Gänsehaut zum Vorschein, wenn sie die tiefen Register wie etwa beim Laubbläser zieht. Dabei zeigt sie einen Varian­ten­reichtum, bei dem manche ihrer Kolle­ginnen mit „großem Namen“ wohl eher vor Neid erblassen würden. Das gilt auch für den Abwechs­lungs­reichtum im Programm. Ob sie moderiert, Gedichte vorträgt, die E‑Gitarre oder die Ukulele wählt – keinen Augen­blick gibt es jemanden, der hier auf die Uhr schaut. Die Texte wechseln von zartbitter über derb bis sehnsüchtig-poetisch. Da muss man schon sehr genau und mit wachem Verstand hinhören, dass einem hier keine Pointe, keine ungewöhn­liche Wendung und vor allem die Sehnsucht nicht entgeht, die immer wieder durch­klingt. Wenn sie zwischen­durch Gedichte vorträgt, gefällt besonders, dass sie lesen kann. Keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

„Ich kann auch Liebes­lieder“, sagt Bachmann, nachdem sie die Geschichte vom Kapitän vorge­tragen hat, aber das ist eines der ganz wenigen Dinge, die man ihr nicht so recht glauben mag. Wo von Liebe die Rede ist, schimmert auch nahezu immer die Enttäu­schung durch. Gäbe es das Kunstlied heute noch – von wenigen Ausnahmen abgesehen – könnte Bachmann sich gleich ganz vorn einreihen. Vielleicht wäre sie aber auch zum Scheitern verur­teilt, weil ihre Texte zu intel­ligent sind.

Das Publikum applau­diert ordentlich, um nach dem Konzert schnell das Gespräch mit der Künst­lerin zu suchen. So schnell wird Bachmann nicht wieder in Büderich auftreten. Aber einen Trost lässt sie zurück. Wer schlau genug ist, hat an diesem Abend zum Gedichtband gegriffen. Die Erinnerung an einen großen Abend bleibt.

Michael S. Zerban

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