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EIN LIEDERABEND IN FÜNF GÄNGEN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
2. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)
Barpianisten. Das sind doch die verhinderten Genies, die für kleines Geld und immer einem Whiskey auf dem Flügel in Hotelbars oder Restaurants für die musikalische Untermalung sorgen, sich hier und da ein paar Euro dazuverdienen, wenn sie zu fortgeschrittener Stunde die Musikwünsche der Gäste erfüllen und ansonsten mit ihrem Leben hadern. So einer nimmt am Klavier im Alten Küsterhaus im Meerbuscher Stadtteil Büderich Platz und blättert verkatert in einer Tageszeitung. Er hat den Rausch der Maifeier noch nicht ausgeschlafen, als seine Chefin, die Wirtin eines Restaurants, ihn anrief. Eigentlich geht am 2. Mai nun wirklich niemand ins Restaurant, und damit hat die Chefin auch gerechnet. Kellner und Koch in Personalunion liegt gerade neben ihr und hat genauso wenig Lust wie sie zu arbeiten. Aber Karima will mit zwei Freundinnen ihren Geburtstag im Restaurant feiern, also muss der Barpianist den Laden schmeißen. Die Speisenkarte wird kurzerhand gegen das Not-Angebot eines Pizza-Lieferdienstes ausgetauscht. Der Barpianist, ausreichend mürrisch von Ralph Rotzoll gemimt, hat einen Tisch eingedeckt, eine „Happy-Birthday“-Girlande aufgehängt und erwartet die Damen, die, wie nicht anders zu erwarten, mit Verspätung eintreffen.
Gemeinsam mit dem Mann am Klavier treten Karima Rösgen, Ulrike Kamps-Paulsen und Birgit Meyer bereits zum zweiten Mal im Alten Küsterhaus als namenloses Ensemble auf. Offenbar war das erste Mal ein Erfolg, denn der Raum ist bis auf den letzten Platz besetzt, obwohl Gastgeberin Isabelle von Rundstedt bereits zusätzliche Stühle herbeigeschafft hat. Ihr bleibt gerade noch Zeit, Sprudelwasser und Grauburgunder an die Besucher zu verteilen, dann geht es auch schon los mit der Geburtstagsfeier, bei der der Champagner „in Strömen“ fließt.

Der Abend ist durchinszeniert und gewinnt so nicht nur beträchtlichen Unterhaltungswert, sondern auch ein gutes Tempo, ohne gehetzt zu wirken. Es geht gleich los mit einem Klassiker. Funiculì funiculà stammt aus dem Jahr 1880 und feierte die Seilbahn auf den Vesuv. Die gibt es längst nicht mehr, aber die schmissige Melodie von Luigi Denza steht für italienisches Lebensgefühl. Ein glänzender Einstieg, um an den letzten gemeinsamen Italien-Urlaub der Damen zu denken. Sopranistin Rösgen, die als Liedtexterin arbeitet, legt mit Bésame me mucho nach. Küsse mich ganz fest lautet bis heute die Formel, die die Welt begeistert. Je te veux – ich will dich – war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schlager, den Erik Satie komponierte. Das Begehren einer Liebenden, sich ihm ganz und gar hinzugeben, ist ein wenig in Vergessenheit geraten – seine Wirkung hat das Chanson im Walzergewand nicht verloren. Mit Belle nuit, der hinreißenden Barkarole aus Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, gelingt den Damen ein weiterer gesanglicher Höhepunkt.
Zwischen den Liedern gibt es für die Gesangslehrerin und Altistin Kamps-Paulsen und Meyer, die als Lehrerin für Musik und Deutsch an einer Hildener Schule arbeitet und dort auch die Theater-AG leitet, immer wieder Gelegenheit zu Zickenkriegen, Versöhnungen und den Vortrag von Ringelnatz-Gedichten, running gags inklusive. Auch Rotzoll nutzt jede Möglichkeit, seinen Unmut zu äußern. Herrlich, wenn feiner Humor statt platter Comedy geboten wird. Und da schließt Meyer mit Evelyn Künnekes Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst? wunderbar an. Weil sie während des Songs noch Zeit hat, den Fotografen aufzufordern, sie jetzt abzulichten, muss sie nun mit den Folgen leben (siehe Bild in diesem Beitrag).

Nach My Ship und Angel verwöhnt Rösgen das Publikum mit dem vielleicht schönsten Lied der Comedian Harmonists, bei dem man bis heute dahinschmelzen kann. Irgendwo auf der Welt … Was wäre ein Restaurant- ohne einen Toilettenbesuch. Also geht es nach Misty und One life to live in die dankenswert kurze Pause.
Anschließend wird der musikalische Spaßfaktor noch einmal deutlich erhöht. 1962 erschien das Album Enthüllungen einer Striptease-Tänzerin von Hanne Wieder. Daraus gibt es Ein Neandertaler, ebenso köstlich von Meyer vorgetragen, wie Kamps-Paulsen „verrucht“ den Sex-Appeal interpretiert. Und nach Ain’t Misbehaving ist Zeit für What a Wonderful World, das George David Weiss und Bob Thiele für Louis Armstrong schrieben, der es am 11. Oktober 1967 der Weltöffentlichkeit vorstellte. Der zuckersüße Text passt ganz wunderbar in unsere Zeit, sollte doch schon damals damit ein Gegenentwurf zum politisch schlechter werdenden Klima in den USA geschaffen werden. Es ist der Kontrapunkt zu Hass, Missgunst, Machtkämpfen und Katastrophen. So angerührt, darf es dann wieder lustiger werden. Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da wurde 1938 von Gustaf Gründgens in dem Film Tanz auf dem Vulkan dargeboten. Ja, lustvoll geht es zu. Und wenn man gerade nächtens unterwegs ist, kann man sich auch gleich noch anhören, wie Marika Rökk im Kinofilm Die Frau meiner Träume 1943 für Durchhaltestimmung bei den Deutschen sorgte. In der Nacht ist der Mensch nicht gern´ allein sorgt so auch für ein wenig Gänsehaut. Und eigentlich beschließen die Damen anschließend, bei so viel Feierlaune ins nahegelegene Düsseldorf weiterzuziehen. Aber Rotzoll hält sie auf, damit dem Publikum das 1920-er-Jahre-Medley mit unter anderem O du lieber Augustin, Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist oder Veronika, der Lenz ist da nicht entgeht. Alles andere wäre auch unverzeihlich.
Das Sahnehäubchen gibt es zum Schluss. Und so singen alle gemeinsam noch einmal What a Wonderful World. Ein großartiger, quirliger, unterhaltsamer Abend kommt nach mehr als anderthalb Stunden zu einem beglückenden Ende – und nimmersatt freut man sich jetzt schon auf ein neues Programm irgendwann, irgendwo auf der Welt – am liebsten aber in der Gastfreundlichkeit des Alten Küsterhauses.
Michael S. Zerban