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Foto © O-Ton

Jugend musiziert

FRÉDÉRIC CHOPIN
(Frédéric Chopin)

Besuch am
26. September 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Klassik aber frisch im Alten Küsterhaus, Meerbusch

Klassik aber frisch ist das Unter­nehmen von Ekaterina Porizko und Ekaterina Belowa, das in O‑Ton immer wieder Erwähnung findet, weil die beiden sich zum Ziel gesetzt haben, Nachwuchs­künstler zu fördern und dabei ständig zauber­hafte Auffüh­rungen insze­nieren. Ihr Publikum ist längst eine treue Fan-Gemeinde, die entweder in das Alte Küsterhaus im Meerbu­scher Stadtteil Büderich, in die von den beiden so genannte Talent­schmiede, dem Konzertsaal in der ehema­ligen Chris­tus­kirche in Solingen, oder in den Meerbu­scher Stadtteil Lank in die Scheune des Piano Store von Marten Overath pilgert. Gesetzt ist jeweils der dritte Donnerstag eines Monats im Alten Küsterhaus, in dem Isabelle von Rundstedt ihre Galerie betreibt. Da steht ein altes, von Overath liebevoll gepflegtes Steinway-Klavier, das in der hier herrschenden Akustik für überzeu­gende Klänge sorgt.

Foto © O‑Ton

Heute Abend hat Ekaterina Porizko unter dem Titel Frédéric Chopin: Zärtlichkeit oder Flamme einen Gast einge­laden. Julian Kunze, 19 Jahre alt, hat im vergan­genen Jahr sein Abitur absol­viert, ist dann, weil er sich für ein Studium zu jung fühlte, für ein halbes Jahr nach Brasilien gegangen. Inzwi­schen hat er das Studium der Geschichte begonnen und lernt nebenbei Chine­sisch. So weit, so ungewöhnlich. Vor viereinhalb Jahren begann er mit dem Klavier­spiel. Die Erfahrung zeigt: viel zu alt, um eine Karriere zu beginnen. Als Porizko ihn spielen hörte, war sie aller­dings baff erstaunt, was der junge Mann auf dem Instrument binnen kürzester Zeit zuwege brachte, und so beschloss sie vor dreieinhalb Jahren, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen. Vorge­stellt hatte ihr das Talent seine Großmutter, Ingrid Kunze, 1970 Gründerin und bis zum Ruhestand Leiterin der Musik­schule in Meerbusch. Heute also darf er seine bei Porizko erwor­benen Fähig­keiten im Alten Küsterhaus unter Beweis stellen.

Nach kurzer Einführung von Porizko beginnt Kunze mit dem Prélude Nr. 20 c‑Moll. Zwischen 1831 und 1839 entstanden, wurde es von Hans von Bülow als Trauer­marsch bezeichnet, ist aber heute dank seines langsamen Verlaufs der Viertel­no­ten­ak­korde eher als „Akkord­vor­spiel“ bekannt. Ein respek­tabler Einstand bei einem insgesamt sehr souve­ränen Auftritt. Seine Lehrerin löst ihn mit drei Polonaisen ab. „Polni­schen Tänzen“ also. Der Begriff für den Prozes­si­onstanz, der an den Höfen des polni­schen Adels zu Beginn des 17. Jahrhun­derts entstand, beruht auf der Verbreitung im franzö­si­schen Raum, ehe er in den Ballsälen des gesamten europäi­schen Adels populär wurde. Zwischen der Polonaise in g‑Moll und der in B‑Dur stellt Porizko einen Walzer in f‑Moll.

Foto © O‑Ton

Kunze schließt sich mit einer weiteren Polonaise in A‑Dur an, ehe Porizko die beiden Nocturnes, also „Nacht­ge­sänge“, in Fis- und H‑Dur aufspielt. In ihrem Reper­toire, erzählt die Künst­lerin freimütig, gibt es bislang keine Mazurka. Also übernimmt Kunze mit der Mazurka in B‑Dur. Die Mazurka ist ein slawi­scher Gesell­schaftstanz im Dreivier­teltakt mit Ursprung im polni­schen Masowien, also der Provinz, in der Chopin aufwuchs. Mindestens 59 Werke hat der Komponist zu dieser Tanzform geschrieben. Franz Liszt war davon begeistert. „Einzig und allein in Polen kann man den stolzen und dabei doch zarten und verfüh­re­ri­schen Charakter der Mazurka genießen. Und wenn man verstehen will, wie vollkommen Chopins Kompo­si­tionen den verschie­densten Stimmungen angepasst sind, die er in allen zaube­ri­schen Regen­bo­gen­farben darzu­stellen verstand, dann muss man diesen Tanz in seinem Ursprungsland erlebt haben“, schrieb der Freund des polnisch-franzö­si­schen Kompo­nisten. Dabei bestand Chopin selbst darauf, dass seine Mazurkas keine Tanzstücke seien. Und in der Tat dürfte es schwer­fallen, nach dieser Musik zu tanzen. Es ist Musik zum Hören, und die Anfor­de­rungen, dass sie zum Hörgenuss wird, sind hoch. Und so ist Kunze nachzu­sehen, dass er noch ein ziemliches Stück weit von Chopins eigenen Klavier­künsten entfernt ist, also dem zarten und „singenden“ Anschlag, für den der Pianist bekannt war. Das soll die Leistung des sauberen Vortrags an diesem Abend aber nicht schmälern. Das Publikum weiß ihn zu genießen.

Mit der Polonaise in d‑Moll und dem Nocturne in cis-Moll übernimmt Porizko die Fortsetzung des Chopin-Abends. Kunze kommt die ehren­volle Aufgabe zu, den Marche funèbre zu intonieren. Der dritte Satz aus der zweiten Sonate, 1837, also zwei Jahre vor den anderen Sätzen entstanden, erlangte besondere Berühmtheit, weil er als Trauer­marsch nicht nur in Film und Fernsehen, sondern auch auf den Beerdi­gungen zahlreicher Berühmt­heiten zu hören war und ist.

Damit geht einmal mehr ein erfri­schender und abwechs­lungs­reicher, mit inter­es­santen Zwischen­mo­de­ra­tionen von Porizko angerei­cherter Abend im Alten Küsterhaus zu Ende. Das Publikum dankt mit dem Verlangen einer Zugabe, bei der Kunze den Kreis mit der Wieder­holung des Prélude schließt. Ob wir mehr von Julian Kunze hören werden? Beruf­liche Ambitionen als Musiker, verrät er, hat er jeden­falls nicht.

Michael S. Zerban

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