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KEIN PLATZ FÜR FIRLEFANZ
(Diverse Komponisten)
Besuch am
28. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Ihr Vater ist Physiker, ihre Mutter Pianistin. Anna Zassimova entschied sich für die musikalische Richtung in der Familie. Geboren in Moskau, studierte sie zunächst in der Heimatstadt, später in Karlsruhe Klavier. Daneben absolvierte sie ein musikwissenschaftliches und kunsthistorisches Studium. Auf ihrer Netzseite hat sie auch eigene Landschaftsmalereien veröffentlicht. In der Musikwissenschaft wurde sie mit einer Arbeit über den französisch-russischen Komponisten Georgy Catoire promoviert. Heute arbeitet sie unter anderem als Dozentin an ihrer Alma Mater in Karlsruhe. Bislang hat sie vierzehn Alben veröffentlicht, neben dem Gesamtwerk von Catoire liegt ein Schwerpunkt bei Frédéric Chopin. Im Juli erscheint ihr neues Album Defining Destiny bei Hänssler Classics.
Sie hat viel von der Welt gesehen. Solo- und Kammermusikabende, aber auch Auftritte als Solistin mit Orchester führten sie unter anderem durch Deutschland, nach England, in die USA, durch Russland und China. Heute tritt sie im Forum Wasserturm, dem „Konzertsaal“ im Meerbuscher Stadtteil Lank, auf. Damit so etwas zustande kommt, bedarf es in der Regel engagierter und hartnäckiger Veranstalter, des Glücks, dass ein Künstler für einen anderen einspringt – wie in diesem Fall Weltklassik am Klavier – oder auch des Wunsches der Künstler, neue Programme zunächst einmal abseits der großen Rampen auszuprobieren.

„Kein Platz für Firlefanz“, schrieb Gabriel Fauré 1910 an seine Frau Marie. Und das soll nicht nur das Motto des Nachmittags werden, sondern Zassimova auch dazu veranlassen, das geplante Programm kurzerhand umzuschmeißen. Als Einspringerin präsentiert sie das Programm, das sie gerade für einen anderen Auftritt vorbereitet hat, und bereichert den Abend, indem sie die Werke, die sie dann tatsächlich spielt, mit kleinen Anekdoten moderiert. Herausgekommen ist bei der Änderung jedenfalls ein erheblich energiereicheres Programm als das ursprünglich angekündigte. Gleichwohl hätte man beispielsweise die Gavotte mit ihren sechs Variationen von Jean-Philippe Rameau schon ganz gern gehört. Sei’s drum. Also beginnt Zassimova mit der Nocturne Nr. 2 von Frédéric Chopin statt dreier Mazurken. Und als sie die Polonaise Opus 51 gegen die mit der Opus-Zahl 61 austauscht, wird schon deutlich, dass es mehr in Richtung Kraft und Virtuosität gehen soll.
Da ist Gabriel Faurés Nocturne Nr. 4 nicht viel mehr als ein kurzes Atemholen, das Impromptu Nr. 5 kurzerhand gestrichen, um dann bei den Estampes von Claude Debussy zu landen. Estampes sind in der bildenden Kunst Stiche, also zum Beispiel Holzschnitte, Kupferstiche oder Lithografien. Unter dem Begriff hat Debussy 1903 drei Stücke komponiert, die er auf Java, in Andalusien und in Frankreich verortete. Zwar hat Debussy weder die Pagoden gesehen noch Andalusien besucht, aber dafür gibt es das berühmte Zitat von ihm: „Wenn man nicht das Geld hat, sich Reisen leisten zu können, muss man sie im Geist machen.“ Nach den Pagodes also spielt die Pianistin auch La soirée dans Grenade – Der Abend in Granada – und Jardins sous la pluie – Gärten unter dem Regen. Gemeinsam haben die Stücke nichts außer dem Umstand, dass Debussy sie alle drei dem Maler Jacques-Emile Blanche widmete, der ihn in den Jahren 1902 und 1903 porträtiert hatte.
Damit verlässt Zassimova Frankreich und widmet sich den deutschen Romantikern. Von Franz Schubert erklingt das Allegretto c‑Moll und die Ungarische Melodie h‑Moll, ehe das erste Sonett Pace non trovo – Frieden finde ich nicht – aus den Tre Sonetti di Petrarca den Raum füllt. Das Indianische Erntelied von Ferruccio Busoni schließt sich an. Auf einer Schiffsreise traf Busoni mit Stefan Zweig und Gustav Mahler zusammen. Offenbar hat ihn die Begegnung mit dem Schriftsteller stärker beeindruckt, widmete er ihm doch schließlich das Indianische Erntelied.

Auch Karol Szymanowski bekommt mit seiner Scheherazade an diesem frühen Abend keine Chance. Stattdessen wählt die Pianistin einen wahren Kraftakt, um das Finale zu bestreiten und damit einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Eigentlich schien es für den ukrainisch-russischen Komponisten Wsewolod Petrowitsch Saderazki gut anzufangen. Aus einer russischen Adelsfamilie stammend, wurde er in Riwne im damaligen Russischen Kaiserreich 1891 geboren, schloss seine Schule in Kursk ab und studierte am Moskauer Konservatorium. 1915 wurde er der Klavierlehrer des Zarensohns und Thronfolgers Alexei Romanow in St. Petersburg. Er unterrichtete ihn zwei Jahre lang, nicht ahnend, dass ihn das sein unglückliches Leben lang verfolgen würde. Diese „Verbindung zum Zarenhaus“ und sein Militärdienst in der Kaiserlich-russischen Armee bewirkten, dass er immer wieder verhaftet wurde, seine frühen Kompositionen vernichtet wurden, er ein Aufführungsverbot erhielt und sich schließlich Metropolen nicht mehr als 100 Kilometer nähern durfte. Dieser Wahnsinn konnte ihn nicht davon abhalten, weiter zu komponieren. Überliefert ist, dass er seine 24 Präludien für Klavier im Gulag verfasste. Zwei Stunden Musik schrieb er auf Telegrafenformularen, weil die Gefangenen kein Papier und sonstiges Schreibmaterial besitzen durften. Für ihr neues Album Defining Destiny hat Zassimova die Sonate Nr. 4 in f‑Moll eingespielt. Wer in den drei Sätzen Leid, Schmerz, Sehnsucht, aber auch Wut und Zorn hören will, liegt damit sicher nicht falsch. Und die Künstlerin lässt keinen Zweifel aufkommen, dass diesem Werk ihre ganze Leidenschaft gehört.
Noch spürt man den Vibrationen ihres energiegeladenen Vortrags im Raum nach, während sie die Gemüter mit ihren Zugaben wieder etwas besänftigt. Von Franz Liszt gibt es die Consolation 3 und zum guten Schluss das Poème opus 32 be 1 von Alexander Skrjabin. Das ungewöhnlich spärlich erschienene Publikum bedankt sich ausgiebig für zwei Stunden, die einem noch lange nachgehen werden. Am 3. Mai können die Berliner ihr Programm im Konzerthaus erleben – ganz ohne Firlefanz.
Michael S. Zerban