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Foto © O-Ton

Herzekleid

LIEDER UND GEDICHTE
(Inga Bachmann)

Besuch am
27. Januar 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Altes Küsterhaus, Meerbusch

Gerade hat sie in Heidelberg zum ersten Mal in ihrem Leben ein „Dunkel-Konzert“ gespielt. „Ein beein­dru­ckendes Erlebnis“, erzählt Inga Bachmann vor allem im Hinblick auf die Reaktionen des Publikums, das sehr viel sensi­tiver auf die Klänge in der Dunkelheit einging. Zurück in der Heimat mangelt es an Licht nicht. Allzu oft kommt die Lieder­ma­cherin und Dichterin nicht mehr in ihre Geburts­stadt Meerbusch. Ihr Lebens­mit­tel­punkt liegt längst in Baden-Württemberg. Aber wenn sie da ist, bietet sie den Menschen in Meerbusch auch ein Konzert an. So wie heute im Alten Küsterhaus im Stadtteil Büderich.

Der Raum ist liebevoll herge­richtet. Die Stuhl­reihen stehen quer zum Raum, davor hat sich Bachmann eine kleine Bühne zurecht­ge­stellt. Ein Lautsprecher, ein Stuhl mit zwei Büchern darauf, im Hinter­grund ein kleines Mischpult und links von ihr sind Gitarre und Ukulele aufge­stellt. Für die Pause ist ein Tisch mit Getränken und Appetit­happen vorbe­reitet. Und auch der Verkaufs­stand mit ihren beiden Alben Der Masterplan vom Glück und Das Aber der Dinge sowie ihrem Gedichtband darf nicht fehlen. Die Gäste­schar ist noch kleiner als gedacht. Davon ist selbst die Gastge­berin überrascht. Aber dann wird halt für die wenigen gespielt.

Foto © O‑Ton

Das Programm ist bekannt und beginnt, man ist geneigt zu sagen wie gewohnt, mit Eigentlich, einem Text, der mit ungewöhn­lichen Satzkom­bi­na­tionen immer wieder gefällt. Das ist ihre Stärke, und auch in Plusquam­perfekt kann Bachmann damit punkten. Nach Deine Farben tritt sie mit ihren Zweifeln in Dialog. Auch heute Abend spielt sie ihre „heitere Nachdenk­lichkeit“ gekonnt aus, die das Publikum neben der geschlif­fenen Wortwahl liebt. Das klingt selbst Der Kapitän, eigentlich ziemlich böse, noch liebreizend. 2022 erschien ihr erster Gedichtband Zwischen Räumen, aus dem sie Wie es ist vorträgt. „Was jetzt nicht ist, kann nicht mehr werden, steter Tropfen beißt auf Stein“, leitet die Dichterin den eher düsteren Text ein. Und obwohl der Abend mit Lieder und Gedichte überschrieben ist, ist unver­kennbar, dass die Besucher eher wegen ihrer Lieder gekommen sind. Umso erfreu­licher, dass der Clou des Abends zum Finale ein Gedicht sein wird.

„Du stehst auf, du wäschst dein Gesicht, doch du erkennst dich nicht, denn der Spiegel zeigt nur leeren Raum“ heißt es im Lied Irgendwann, das Bachmann nach Supergut spielt. Das geht schon tief. Und dann greift die Dichterin zum zweiten Büchlein auf dem Stuhl, in dem sie ihre neuen Gedichte notiert hat. Lies ein Gedicht heißt der Zweizeiler, den sie zum Einstieg vorträgt, ehe sie nach einem weiteren Lied Die perfekte Antwort aus ihrem Gedichtband rezitiert. Wieder so ein Bezie­hungs­stück, in dem ganz unten die Verletztheit gründelt. Perfekt passt dazu das Kleid, das Bachmann heute Abend gewählt hat. Auf schwarzem Grund die roten Herzen, nur fast perfekt symme­trisch aufge­reiht. Und weiter geht es mit dem nächsten Versuch, ein Liebeslied zu spielen. Fast schon sympto­ma­tisch, dass es da mit den Akkorden erst nicht so recht funktio­nieren will.

Foto © O‑Ton

Es wäre ein Leichtes, den Abend ein wenig abzukürzen, aber darauf lässt die Sängerin sich nicht ein. Und beginnt den zweiten Teil etwas überra­schend mit Vorstellung. Da lachen die Anwesenden noch, obwohl ihnen doch schon klar sein müsste, dass Bachmann auch hier wieder mit Doppel­deu­tigem spielen wird. Und dann kommt endlich das Lied, das leider weder auf ihrer Netzseite noch bei Spotify zu hören ist, obwohl Der Tag am See so wunderbar ist. Aber allzu viel Romantik soll es dann doch nicht sein, also geht es mit dem fetzigen Laubbläser weiter, die süße Rache an all denen, die uns die Melan­cholie des Herbstes verderben. Männer zumeist, zugegeben. Und ob gewollt oder nicht, aber die Intonation der Zeile „Weil ich es kann“ gelingt perfekt. Da fallen einem auch noch gleich sport utility vehicles ein, die doch eine mindestens so alberne Erfindung wie Laubbläser sind.

Nach einem weiteren Griff zum zweiten Büchlein geht es munter mit bekannten und gern gehörten Stücken weiter, immer wieder im Wechsel von Gitarren- und Ukulele-Begleitung. Beispielhaft seien hier noch Lassen und Das Aber der Dinge erwähnt oder das Gedicht Zeiten­zirkel, das noch einmal so typisch für Bachmanns Gedan­ken­spiele oder sollte man sagen ‑kreuzzüge steht. Am Ende des Abends dann noch eine ungewohnte Wendung, wenn Bachmann deutlich wird wie nie. Noch einmal greift sie zu dem anderen Büchlein, dem mit den neuen Gedichten. Während anderen Kultur­ar­beitern momentan nicht viel anderes einfällt, als blödsinnig auf der Straße herum­zu­laufen, macht Bachmann das, was eines Künstlers ebenbürtig ist. Sie kleidet die Wehrhafte Demokratie in Kunst. „Wehrhaft statt zaghaft, anecken statt wegstecken, aufregen statt abwinken“ beginnt sie kämpfe­risch wie einst Konstantin Wecker in seinen richtig starken Zeiten. Schön, dass sie dabei auf Sünden­böcke verzichtet und den Abend mit einem Appell beendet: „Wehrhaft statt zaghaft gestalten wir sie, die Demokratie!“

Schöner könnte es kaum ausgehen. Das Publikum feiert die Künst­lerin noch lange an diesem Abend im persön­lichen Gespräch. Ein wunder­barer Abend.

Michael S. Zerban

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