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NORDSTERNENHIMMEL
(Diverse Komponisten)
Besuch am
29. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)
Klassik aber frisch heißt das Unternehmen, das Ekaterina Porizko und Ekaterina Belowa mit dem Ziel betreiben, junge Künstler zu fördern und alternative Konzertformate zu finden. Einmal im Monat stellen die beiden ein Konzert auf die Beine, bei dem man vor Überraschungen nie sicher ist, sich aber immer gern überraschen lässt. Seit einiger Zeit finden die Konzerte im Alten Küsterhaus im Meerbuscher Stadtteil Büderich statt. Eigentlich betreibt dort Isabelle von Rundstedt ihre Galerie, überlässt die Räumlichkeiten aber gern Porizko und Belowa, um in angenehmer Atmosphäre ungewöhnliche Musikveranstaltungen zu erleben. Allmählich entwickelt sich das Ganze zum Kult. Das Stammpublikum wächst langsam, aber kontinuierlich, ist für Experimente offen und freut sich über den herzlichen Empfang. Dabei geht es locker zu, auch wenn dadurch der Abend mal ein bisschen aus dem Ruder läuft.

So wie heute Abend. Porizko und ihr Team haben alles so schön vorbereitet. Über dem Klavier ist eine Happy-Birthday-Girlande gespannt. Die Künstlerin hatte in der vergangenen Woche Geburtstag. Das soll jetzt ein bisschen nachgefeiert werden. Und gern stimmen die Besucher in das Geburtstagsständchen ein, aus dem Porizko kurzerhand einen Kanon macht, indem sie ganz locker die Runde in vier Gruppen einteilt und dirigiert. Als erfahrene Chorleiterin motiviert sie das Publikum im Handumdrehen. Anschließend könnte eigentlich das Konzert beginnen. „Das Licht blendet!“ ertönt es aus der Runde. Weil die Lichtregie in der Tat nur halbherzig durchdacht ist, weil für das Licht ohnehin bei der Vorbereitung immer zu wenig Zeit ist, werden also eifrig Schalter ausprobiert, bis der Raum nahezu vollständig im Dunkel liegt, Porizko allmählich befürchten muss, ihre Noten nicht mehr lesen zu können. Da muss die Pianistin, die heute keine Gäste eingeladen, sondern selbst einen Vortrag vorbereitet hat, doch schon mal kurz mit der Fassung ringen, als sie noch einen Nachzügler durch das Fenster entdeckt, der aber nicht hineinkommt, weil die Außentür verriegelt ist. Ein kurzer Hinweis, schon stürmen zwei Helferinnen los, um den verspäteten Besucher einzulassen. Das gewinnt allmählich schon an Komik. Und dann kehrt im verdunkelten, aber blendfreien Raum doch noch Ruhe ein.
Nordsternenhimmel hat Porizko ihr Programm des heutigen Abends genannt. Einen Programmzettel gibt es nicht, auf der Netzseite ist zu lesen, es gebe Musik von Urmas Sisask, Edvard Grieg und einem gewissen Jan Sibelius. Stimmt nicht, macht aber nix. Interessiert die Leute auch nicht. Sie wissen längst, dass Porizko es versteht, eine kreative Aura zu verbreiten. Egal, was passiert, es wird sicher interessant werden und die Künstlerin wird alles erzählen, was die Besucher wissen müssen. Schon zu diesem Zeitpunkt fühlt man sich eher wie im Wohnzimmer, in das die Interpretin aus der großen, weiten Welt zu Besuch gekommen ist, um aufregende Musik mitzubringen. Den Anfang macht tatsächlich Jean Sibelius. Fünf Stücke für Klavier, opus 75, aus den Jahren 1914 bis 1919 bekommt man in Deutschland so gut wie nie zu Gehör. Sie gehören zu den kurzen Klavierwerken, die dem finnischen Nationalkomponisten viel Kritik einbrachten. Sibelius hatte für die Kritik wenig Verständnis. „Warum soll ich große Symphonien schreiben, für die es kein Geld gibt?“ fragte er sinngemäß. Und wenn man die drei Stücke hört, die Porizko vorstellt, kann man sich bei ihm für diese Einstellung bedanken. Rückblickend beeindruckt die „Baumsuite“, weil sie Sibelius‘ sensitive, pantheistische Art, mit dem Klavier umzugehen, hervorragend unter Beweis stellt. Dass Porizko daraus selbst auf einem einfachen Klavier ein Ereignis macht, versteht sich fast von selbst.

Beim Andenken an Mikalojui Konstantinui Čiurlionis von Giedrius Kuprevičius hätte man sich aber dann doch gewünscht, die Pianistin säße an einem Flügel. Da stößt das Instrument an seine Grenzen. Und so bleibt es bei der Ahnung, wie viel Gänsehaut das Stück auszulösen vermag. Die Cantate domino von Laurynas Vakaris Lopas ist eher ein kurzes Durchatmen, bevor es zum großen Finale kommt. Da greift Porizko zu einem ihrer Lieblingswerke. Der Sternenhimmel von Urmas Sisask, einem estnischen Komponisten, der sich viel mit Astronomie beschäftigte, beschreibt musikalisch die Sternenbilder. 1989 entstanden die Plejaden. Ein höchst eindrucksvolles Werk, bei dem man streckenweise beim ersten Hören eher an die Musik eines Horrorfilms, der erst noch geschrieben werden muss, denkt als an Sternenbilder. Das geht noch mal richtig unter die Haut.
Das Publikum bedankt sich herzlich, aber irgendwie war das zu wenig. So gibt es auf persönliche Nachfrage noch eine Zugabe. Und erst jetzt erfahren die Besucher, dass sie nur den ersten Teil des Abends erlebt haben. Sie werden ins Obergeschoss gebeten, wo ein Buffet und Getränke bereitstehen. Keiner geht nach Hause. Spritzig wie perlender Sekt vergeht die nächste Stunde, in der sich die Gäste noch über ihre persönlichen Eindrücke des ungewöhnlichen Musikprogramms austauschen. Und während Ekaterina Belowa im Erdgeschoss die kleine Feier mit luftigen Klavierklängen untermalt, wird oben noch die Vorfreude über die Ankündigung Porizkos für den Frühsommer geteilt. Dann wird Klassik aber frisch zusätzliche Konzerte in der Werkstatt des Klavierbauers Marten Overath anbieten.
Einmal mehr ist Porizko und Belowa ein außergewöhnlicher Klavierabend gelungen. Der Kult geht weiter.
Michael S. Zerban