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ROBERT SCHUMANN
(Robert Schumann)
Besuch am
27. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)
30 Grad im Schatten am Siebenschläfertag. Sollte es wirklich einen richtigen Sommer im Rheinland geben? Wie immer ist nicht alles schwarz oder weiß. Während es in Meerbusch gegen Abend zunehmend schwüler wird, wird aus Detmold schwerstes Gewitter mit Hagelkörnern groß wie Hühnereier und Überschwemmungen gemeldet. In beiden Fällen gibt es wenig Grund, ein klassisches Konzert zu besuchen. Das Publikum von Klassik aber frisch interessiert das nicht die Bohne. Unbeeindruckt erscheinen die Besucher im Alten Küsterhaus, wo gleich beim Empfang schon ausreichend Wasser ausgeschenkt wird, um die doch überwiegend älteren Herrschaften gegen die Hitze zu wappnen.

Obwohl gerade erst das Schumannfest der Düsseldorfer Tonhalle zu Ende gegangen ist und man glauben könnte, die Leute seien thematisch gesättigt, haben Ekaterina Porizko und Ekaterina Belowa sich für den heutigen Abend erneut für Robert Schumann entschieden. Etwas reißerisch kommt der Titel daher. Robert Schumann – zwischen Genialität und Mehrpersönlichkeitsstörung heißt es in der Vorankündigung. Und um es vorwegzunehmen: Das Thema wird verfehlt. Fast ist man geneigt, glücklicherweise zu sagen. Denn Porizko zeigt stattdessen den Einfluss der Schumannschen Musik auf Europa auf. Und das ist deutlich unterhaltsamer als das Wühlen in Krankenakten oder doch eher Mutmaßungen, denn Krankenakten entstehen bekanntlich erst zum Lebensende Schumanns hin. Der Unterhaltungswert des geplanten Gesprächkonzerts liegt damit wesentlich höher.
Das Ambiente des Alten Küsterhauses ist bekannt. Nur wenige Stühle bleiben frei. Aber Fenster und Türen offen in der vergeblichen Hoffnung auf einen Windzug. Trotzdem nehmen die Besucher Hintergrundgeräusche lieber in Kauf als die Vorstellung, in einem geschlossenen Raum zu brüten. Tatsächlich wird sich im späteren Verlauf zeigen, dass ein landendes Flugzeug weniger störend ist als das Quietschen der Klavierbank. Rettungswagen meiden die Düsseldorfer Straße an diesem Abend, als sei es bestellt. Und so kann das Bechstein-Klavier seinen raumfüllenden Klang entfalten.
Zur Bereicherung des Abends haben Porizko und Belowa die Sopranistin Ekaterina Somicheva eingeladen, die mit Schneeglöckchen aus Lieder und Gesänge, Band vier, opus 96 eröffnet. Wenn Porizko über die musikalischen Einflüsse Schumanns berichten will, sind die Kinderszenen sicher ein guter Ausgangspunkt. 1838 entstanden, gehören sie zu den beliebtesten Klavierwerken der Romantik. Das berühmteste und zugleich längste Stück ist die Träumerei, mit dem auch Porizko beginnt. Nach einigen weiteren Beispielen erfahren die Besucher von Komponisten, die sich unmittelbar von den Werken Schumanns beeinflussen ließen. Dazu zählen die Opern, das Ballett und die Klavierwerke von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Werke von Antonín Dvořák, die Klavierwerke Leoš Janáčeks, Klavierwerke und Lieder von Modest Petrowitsch Mussorgski oder auch Lieder Frédéric Chopins. Zwischendurch begeistert Somicheva die Anwesenden mit ihrer Interpretation von Lotusblume.

Aus den Waldszenen trägt Porizko Vogel als Prophet, Einsame Blume und Verrufene Stelle vor, ehe sie das Publikum mit weiteren Informationen füttert, etwa über die Rolle Claude Debussys, der als junger Student im Sommer sein Geld als Musiklehrer in Russland bei der Mäzenin Nadeschda Filaretowna von Meck verdiente und damit die Musik Schumanns nach Osteuropa brachte. Einmal mehr wünschte man sich mindestens einen Abendzettel, der die überaus interessanten Geschichten, die Porizko erzählt, noch einmal nachvollziehen lässt. Stattdessen gibt es Anekdoten, die ungemein zur Unterhaltung beitragen. Gern lauschen die Besucher dem frei vorgetragenen Wissensschatz. Hierbei die Konzentration aufrechtzuerhalten, grenzt bei den herrschenden Temperaturen an Übermenschliches.
Die Erleichterung der Pianistin ist spürbar, als sie sich wieder dem Klavier zuwenden kann, um aus dem Jugendalbum die Stücke Reiterstück, Nachklänge aus dem Theater und Kleine Romanze vorzutragen. Mit dem Soldatenmarsch verweist Porizko auf den Marsch und Chor der Gassenjungen, mit dem Georges Bizet in seiner Oper Carmen Schumann die Reminiszenz erweist. Die Auswahl der kurzen Stücke erweist sich für den Abend als goldrichtig. Und so feiert das Publikum die beiden Künstlerinnen ausgiebig, nachdem sie sich mit der Widmung verabschiedet haben.
So richtig mag nach diesem unterhaltsamen und erbaulichen Abend keiner gleich das Küsterhaus verlassen und nur langsam verklingen die persönlich übermittelten Dankesworte, ehe zumindest Teile des Publikums in die umliegenden Biergärten entschwinden. Am 25. Juli wird das nächste Konzert in der Reihe im Alten Küsterhaus stattfinden. Dann wird Ekaterina Porizko unter dem Titel Peter I. Tschaikowski – ein Märchen oder Realität den russischen Komponisten vorstellen. Bereits zwei Tage später empfiehlt sich ein Besuch in der Werkstatt des Piano Store von Marten Overath im Meerbuscher Stadtteil Lank, wo die Künstlerin die Konzertreihe Geschichte eines Klaviers fortsetzen wird.
Michael S. Zerban