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WANDERER
(Diverse Komponisten)
Besuch am
24. August 2024
(Einmalige Aufführung)
Ein Teil der Stadt Meerbusch heißt Lank, und – der Kalauer sei gestattet – es steht nicht als Kurzwort für lankweilig, auch wenn der Ortsunkundige diesen Eindruck unbedingt gewinnen kann. Der idyllische Ortskern entzieht sich den Blicken der Durchgangsstraße, die man mit Höchsttempo 30 quert. Am Anfang fällt der Blick auf den stillgelegten jüdischen Friedhof, dann folgen Arztpraxen, die mit großen Schildern auf ihre Heilkünste hinweisen. Ein Fitness-Club verspricht ebenfalls Lebensverlängerung für die knapp 10.000 Einwohner von Lank-Latum. Hier ist man entweder aufgewachsen und hängengeblieben oder hat irgendwann preiswertes Bauland erworben. Es gibt, wenn man hier nicht wohnt, wirklich keinen Grund herzukommen.

Klavierbauer Marten Overath möchte das ändern. Und hat mit Klassik aber frisch ein Unternehmen gefunden, das ihm mit Ekaterina Porizko als künstlerischer Leiterin und Ekaterina Belowa als Geschäftsführerin als idealer Kooperationspartner erscheint. Die beiden wollen vor allem einzelne Künstler auf ihrem Karriereweg fördern. Gemeinsam haben sie das Konzertformat Geschichte eines Klaviers entwickelt. Dazu findet in der Werkstatt des Klavierbauers ein Klavierkonzert statt, in dessen Verlauf anhand von Fragen und Hinweisen ein Klavier gefunden werden muss, das in dem Raum untergebracht ist. Die ersten Konzerte zeigten, dass das Format Anklang findet. So war der schlauchförmige Raum, in dessen Mitte eine Ausbuchtung eine Art Bühne mit einem Flügel bietet, trotz Sommerferien komplett ausgebucht.
Auch heute ist das Konzert gut besucht. Diesmal sitzt nicht Porizko wie sonst am Flügel, sondern hat Aliya Iskhakova eingeladen. Geboren ist sie in Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan in Russland, etwa 720 Kilometer östlich von Moskau gelegen. Hier begann sie mit sieben Jahren das Klavierspiel, das sie zunächst am Konservatorium ihrer Heimatstadt, seit 2015 in den Niederlanden bis zum Master studierte. Heute lebt sie in Rotterdam, wenn sie sich nicht gerade weltweit als Konzertpianistin, im Duo mit der Geigerin Yulia Gubaydullina oder der Sängerin Antonia Dunjko auf Reisen befindet.
Für ihren Auftritt in Lank, der zugleich ihr erster Solo-Auftritt in Deutschland ist, hat sie das Programm Wanderer mitgebracht. Ein autobiografisches Programm, wie sie selbst sagt. Beginnend mit zwei tatarischen Komponisten als Sinnbild ihrer Jugend, gefolgt von den Ängsten und Schmerzen der Gegenwart, die sie in den Klängen Rachmaninovs wiederfindet, bis zur Musik Schubert, die sie als hoffnungsvollen Blick in die Zukunft empfindet.
Rustem Yakhin wurde 1921 in Kasan geboren. Mit drei Jahren begann er, Volkslieder auf dem Klavier zu spielen. Als er 1993 starb, war der Tatar in seiner Heimat ein Volksheld. Er ist der Verfasser der tatarischen Nationalhymne und komponierte mehr als 400 Werke. Von ihm spielt Iskhakova Summer Evenings, ein zehnsätziges Werk, das zunächst träumerisch in naturalistischen Stimmungen zu schwelgen scheint, ehe es fröhlich zu Tanz und Feier unter dem Abendhimmel auffordert. Es ist das bunte Kaleidoskop eines Sommers, der Frieden und Freude atmet. Energetisch lässt sich Iskhakova auf die unterschiedlichen Situationen ein – und dabei nicht anmerken, wie groß die Anstrengung ist, bei 32 °C die Konzentration zu wahren. Aber eines wird deutlich: Wenn sie diese Musik als Bild ihrer Kindheit versteht, muss es eine verdammt schöne Kindheit gewesen sein. Zwar stammt die Aufnahme nicht von ihr, aber es lohnt sich trotzdem, einmal hineinzuhören.

Porizko gönnt der Pianistin eine kurze Pause, indem sie mit Overath das Gespräch über das heute gesuchte Klavier eröffnet. Da kein weiterer Klavierbauer oder gar ein Musikhistoriker mit dem Spezialgebiet Klavierbau zugegen ist, geht die Chance, das richtige Klavier herauszufinden, gegen Null. Trotzdem hat das Publikum Spaß am Rätselraten, denn Overath weiß so manches technisch oder historisch interessante Detail einfließen zu lassen.
Musikalisch geht es weiter mit Farid Jarullin. Der sowjetisch-tatarische Komponist ist 1914 geboren und wurde nur 29 Jahre alt. Berühmt wurde er, weil er das erste tatarische Ballett Schurale nach dem Gedicht von Gabdulla Tukaj schuf. Daraus trägt Iskhakova die beiden Stücke Ballade Süümbike und Der Tanz der Feuerhexe in der Transkription von Ram Urasin vor. Aufwühlend meldet sich dann Sergei Rachmaninow mit seinen Variationen über ein Thema von Corelli zu Gehör. Ebenso souverän wie liebevoll geht Iskhakova nicht nur mit den tatarischen Komponisten, deren Stücke die Besucher wohl heute Abend zum ersten Mal gehört haben, sondern auch mit der erheblich älteren Musik von Franz Schubert um. Naheliegend, die Wandererfantasie des Komponisten auszuwählen. Damit wird das hohe Niveau des Abends aufrechterhalten, hat doch Schubert selbst über sein Werk gesagt: „Der Teufel soll dieses Zeug spielen!“
Nun, hier ist beileibe nicht der Teufel am Werk, sondern eine Pianistin, die ihre Aufgaben brillant löst, um sie mit einer Zugabe aus den Summer Evenings abzuschließen. Zurecht wird sie ausgiebig gefeiert. Ach so, und das Klavier? Das hat keiner herausgefunden. Aber Overath hat’s verraten.
Es lohnt sich also, nach Lank zu reisen, um ungewöhnliche Klaviermusik vom Allerfeinsten zu erleben. Dieses Versprechen wollen Overath, Porizko und Belowa auch weiterhin gern einlösen. Das nächste Konzert findet am 5. Oktober statt. Wer Porizko eher wieder erleben möchte, kann das am 29. August im Alten Küsterhaus in Meerbusch-Büderich um 19 Uhr. Dann wird sie gemeinsam mit Stella Antwerpen und Ekaterina Belowa Wissens- und Hörenswertes über Edvard Grieg vortragen.