O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Die große Geste der Einsamkeit

DON CARLOS
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
6. September 2024
(Premiere)

 

Staats­theater Meiningen

Der beson­deren Initiative des Hausherrn Jens Neundorff von Enzberg ist es zu verdanken, bildende Kunst noch stärker in den Theater­be­trieb einzu­be­ziehen und dafür namhafte Gegen­warts­künstler gewinnen zu können. Neben dem sparten­über­grei­fenden, inzwi­schen 90-jährigen Allrounder Achim Freyer, Schüler von Bertolt Brecht, der 2021 in Meiningen bereits die Zauber­flöte insze­niert hat, konnten der Düssel­dorfer Künst­ler­fürst Markus Lüpertz und der britisch-deutsche Bildhauer Tony Cragg gewonnen werden.

Die selten aufge­führte fünfaktige Version in franzö­si­scher Sprache aus dem Jahre 1886 stellt für jedes Haus eine große Heraus­for­derung dar. Seit der zykli­schen Aufführung des Rings durch Christine Mielitz 2001 ist das tradi­ti­ons­reiche Meininger Theater als beson­derer Leistungs­träger bekannt und Freyers akribisch umgesetzte Insze­nierung scheint dort in besten Händen zu sein.

Als Regisseur, Bühnen- und Kostüm­bildner kreiert Freyer eine Art paradig­ma­ti­sches Vermächtnis.

Ein mehrstu­figes Einheits­büh­nenbild in strengem Schwarzweiß bietet den Protago­nisten auf verschie­denen Ebenen Raum. Großflä­chige Projek­tionen und Überblen­dungen mit Freyers eigenen Malereien aus verschie­denen Schaf­fens­pe­rioden erweitern die Ebenen optisch und schaffen einen komplexen Bühnenraum, der sich langsam fließend fortwährend verändert. Trans­lu­zente Gewebe und vor allem zwei schwarze, vertikal ausge­richtete Zeiger bringen eine geheim­nis­volle Bewegung auf die Bühne. Farbige Licht­kon­turen oder großfor­matige Farbfelder akzen­tu­ieren den Handlungs­verlauf. Freyer zeichnet auch für Licht und Video verantwortlich.

Foto © Christina Iberl

Die Sänger­dar­steller platziert Freyer meist isoliert auf ihren Spiel­flächen. Sie ziehen ihre Bahnen und inter­agieren nur durch den Gesang. Alles Geschehen ist stets frontal auf den Zuschau­erraum ausge­richtet. Die Sänger schauen sich nicht an und berühren einander kaum. Jeder der Protago­nisten zeichnet sich durch eine eigen­tüm­liche Gesti­ku­lation aus, die sich zu indivi­du­ellen Chiffren entwi­ckelt, die von ihren Ängsten, Wünschen, Träumen und Sehnsüchten zu erzählen scheinen. Zu Beginn der Aufführung scheint eher zweifelhaft, ob diese eigen­willige Bewegungs­cho­reo­grafie über knapp vier Stunden funktio­nieren kann. Aber das Spiel vermag seine ganz eigene Faszi­nation zu entwi­ckeln. Die eigen­tüm­liche Langsamkeit wird noch von den Kostümen Freyers unter­stützt, wobei der Begriff Kostüm dem, was auf der Bühne zu sehen ist, nicht gerecht wird. Für jeden Darsteller hat er eigene Skulp­turen aus einem starren schaum­ar­tigen Material entworfen, die ästhe­tisch irgendwo zwischen triadi­schem Ballett und Commedia dell‘Arte anzusiedeln sind. Allesamt überzeugend in ihrer kreativen Einzig­ar­tigkeit, teilweise wie bei Don Carlos und vor allem Elisabeth auch in der Lage, über das Kostüm die innere Befind­lichkeit auszu­drücken. So zeigt Elisa­beths weißes Kleid immer wieder blutrote Aufbrüche, die sie vorwährend zu kaschieren versucht. Sinnbild für die ausweglose Liebe in einer so sehr von höheren Zwängen bestimmten Realität.

Über den Bühnen­hin­ter­grund ziehen schwarz­kon­tu­rierte, scheren­schnitt­artig anmutende, mensch­liche Tableaus in der Ästhetik einer Käthe Kollwitz als Zitat für die düsteren Momente von Krieg und Leid, Unter­drü­ckung und Tod entspre­chend dem geschicht­lichen Rahmen der Opernvorlage.

Die sich durch die gesamte Insze­nierung ziehende Gemäch­lichkeit wird lediglich durch die Choreo­grafie des Bewegungs­chores ab und an aufge­brochen und führt zu einer erfri­schenden, gegen­läu­figen Dynamik, wie sie zum Beispiel in der glutroten Autodafé-Szene zu einem der unver­gess­lichen Momente der Insze­nierung wird.

Ansonsten scheinen die wenig handelnden Personen auf sich selbst zurück­ge­worfen in bedrü­ckender Isolation auf der nahezu requi­si­ten­freien Bühne gefangen. Lediglich ein überdi­men­sio­niertes schwarzes Schwert und eine rote Rose symbo­li­sieren die gegen­läu­figen Pole des Spannungs­feldes der Handlung.

Selbst in Duett – oder Terzett-Szenen sind die Sänger niemals einander zugewandt, sondern hinter­ein­an­der­stehend frontal nach vorne ausge­richtet. Für den Zuschauer macht Freyer „das Theater zu einem Spiegel, in dem er Figuren und Gefühle identi­fi­zieren kann“. Freyer stellt Fragen, gibt keine Antworten. Je nach Erfah­rungs- und Wissens­stand des Zuschauers stellt er Material bereit, das er durch eigene Hinter­fragung erfassen und inter­pre­tieren kann. Frei von sugges­tiven Behaup­tungen oder Bestimmungen.

Freyer nimmt den Zuschauer in seinem durchaus schockie­renden Sozio­gramm nicht an die Hand oder inter­pre­tiert das Bezie­hungs­ge­flecht. Das bleibt an diesem Abend dem Reichtum der Musik überlassen.

Unter der Ägide des jungen irischen General­mu­sik­di­rektors Killian Farrell ist der Abend eine musika­lische Offen­barung und setzt Maßstäbe. Die Meininger Hofka­pelle spielt diffe­ren­ziert, wohlklingend und bestätigt ein weiteres Mal, dass das Orchester immer wieder über sich hinaus­zu­wachsen in der Lage ist.

Sänge­risch und darstel­le­risch überragt die Elisabeth von Dara Hobbs, die sich inter­na­tional einen hervor­ra­genden Ruf als drama­ti­scher Sopran erarbeitet hat. Besonders im deutschen Fach und da als gefragte Wagner-Heroin, verfügt sie über alle Voraus­set­zungen, der komplexen und anspruchs­vollen Rolle der Elisabeth gerecht zu werden. Ihre Stimme zeichnet sich durch eine bemer­kens­werte Tragfä­higkeit und einen reichen, vollen Klang aus, der sowohl in lyrischen Passagen als auch in drama­ti­schen Höhepunkten beein­druckt. Die Höhen der Partie erreicht sie mühelos.

Auch an der Leistung des Don Carlos von Matthew Vickers ist nichts auszu­setzen. Der aktuell im Ensemble des Staats­theaters Darmstadt behei­matete Tenor glänzt in den Mittel­lagen und in der Höhe. Lediglich die beson­deren darstel­le­ri­schen Heraus­for­de­rungen des regie­ge­wollten Gesti­ku­lierens scheint zu minimalen Intona­ti­ons­pro­blemen zu führen, die er im Laufe des Abends aber bravourös überwindet.

Trotz aller kommu­ni­ka­ti­ons­fernen, szeni­schen Beson­der­heiten kann sich Shin Taniguchi als Marquis von Posa darstel­le­risch und sänge­risch charis­ma­tisch mit seinem geschmei­digen Bariton in Szene setzen. Selcuk Hakan Tirasoglu gibt mit Phillipe II ein Rollen­debüt, das er mit seinem profunden Bass und überra­gender Präsenz bestens meistert.

Foto © Christina Iberl

Trotz aller eludie­render Regie schafft Marianne Schechtel als Prinzessin Eboli mit ihrem wohlklin­genden, warmen Mezzo wunderbare musika­lische Momente. Ihre Arie O don fatale, in der sich Ebolis Reue und Verzweiflung ausdrücken, gerät zu einem der emotio­nalsten Momente des Abends und zu verdient anhal­tendem Applaus.

Mark Hightower als Großin­qui­sitor und Thomas Wija als Mönch sind hervor­ragend besetzt. Sara Maria Saalmann glänzt mit ihrem frischen Mezzo­sopran und darstel­le­ri­schem Vermögen, wofür sie vom Publikum empha­tisch bejubelt wird. Auch kleinere Rollen sind adäquat besetzt, wobei die Stimme aus der Höhe von Dorothea Böhm besonders erwähnt werden soll.

Außer Don Carlos und Elisabeth mit Matthew Vickers und Dara Hobbs sind alle Rollen aus dem hausei­genen Ensemble besetzt.

Die Chöre unter der Leitung von Roman David Rothe­naicher sind einfach prächtig. Trotz der beacht­lichen Größe des Chores gelingt ein ungemein diffe­ren­zierter Klang.

Die veritable Produktion des Don Carlos wird vom Premie­ren­pu­blikum frene­tisch aufge­nommen. Das ausver­kaufte Haus scheint unter dem anhal­tenden Applaus zu erbeben, der einfach nicht enden will.

Ein großes Lob für diesen ganz beson­deren Opern­abend und die unermüd­liche Arbeit des Hauses zur Behauptung und Wahrung seiner Tradi­tionen. Angesichts der gesell­schaft­lichen Verwer­fungen zumal in Thüringen darf man die vulnerable Situation von subven­tio­nierter Hochkultur nicht ausblenden. Zukünftige politische Mehrheiten werden mögli­cher­weise nicht zugunsten des Theaters im kleinen Bundesland Thüringen arbeiten, das noch immer einen gewich­tigen Beitrag für die bundes­deutsche Kultur­land­schaft leistet.

Achim Freyer als unent­wegter Theater­re­vo­lu­tionär, der sich immer wieder neu erfindet, äußerte den Wunsch, dass seine Insze­nierung in Meiningen für lange Zeit im Reper­toire verbleiben möge. Ob es den Meiningern aller­dings vergönnt sein wird, dass Don Carlos ein ähnliches Schicksal erfährt wie seine Stutt­garter Skandal­in­sze­nierung des Freischütz von 1986, die heute immer noch als Kultin­sze­nierung gefeiert wird, bleibt abzuwarten.

Freyer selbst beginnt in diesen Tagen bereits mit den Proben zu seinem nächsten Theater­projekt: Der Insze­nierung des Fliegenden Holländers in Gera, nur ein paar Kilometer weiter östlich in dem Bundesland gelegen, dessen politische und gesell­schaft­liche Zukunft so sehr im Fokus steht und hoffentlich nicht den Beginn einer Theater­däm­merung einläuten wird.

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: