O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ein Märchentraum

DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL
(Karel Svoboda)

Besuch am
20. November 2021
(Premiere)

 

Staats­theater Meiningen

Es gibt liebge­wonnene Rituale, die insbe­sondere zur Weihnachtszeit für Jung und Alt fester Bestandteil im oft so hekti­schen und tristen Alltag sind und immer wieder für beseelte Momente sorgen. In der Oper sind das Hänsel und Gretel von Engelbert Humper­dinck, das Ballett Der Nussknacker von Pjotr Iljitsch Tschai­kowski oder das Weihnachts­ora­torium von Johann Sebastian Bach. Das Festhalten an diesen Ritualen bremst die Schnell­le­bigkeit und fördert die Rückbe­sinnung auf besondere Augen­blicke. Doch auch im Fernsehen gibt es alle Jahre wieder Filme, die meist mit der ganzen Familie geschaut zum festen Ablauf der Festtage zählen. Der kleine Lord, die Reihe um Kevin, der zu Weihnachten vergessen wird und allerlei Unsinn treibt, aber auch die Sissi-Trilogie sind fester Bestandteil des jährlichen Weihnachts­pro­gramms. In dieser Aufzählung darf der Märchenfilm Drei Hasel­nüsse für Aschen­brödel nach dem gleich­na­migen Märchen von Božena Němcová sowie Grimms Aschen­puttel in der Version von 1819 nicht fehlen. Die ČSSR-/DDR-Kopro­duktion entstand 1973 unter der Regie von Václav Vorlíček und František Pavlíček. Gedreht wurde rund um das Schloss Moritzburg bei Dresden, in Kulissen der Babels­berger Filmstudios und der Filmstudios Barrandov in Prag sowie an verschie­denen Orten in der damaligen Tsche­cho­slo­wakei, beispiels­weise im Wasser­schloss Švihov und im Böhmerwald. Neben der maleri­schen Winter-Kulisse des Schlosses Moritzburg ist es vor allem die schmei­chelnde Filmmusik von Karel Svoboda, die zu dem großen und anhal­tenden Erfolg des Films beiträgt. Größere Bekanntheit erreichten zudem vor allem seine Kompo­si­tionen für die beliebten Zeichen­trick­serien Wickie und die starken Männer, Die Biene Maja, Pinocchio und Nils Holgersson. Die Musik zu Aschen­brödel ist melodisch sehr eingängige, mit einem immer wieder­keh­renden Aschen­brödel-Motiv, das Ohrwurm­cha­rakter hat und sich schnell einprägt. Die Origi­nal­film­musik wurde vom Sympho­nie­or­chester Prag eingespielt.

Die wunderbare, leider in diesem Jahr viel zu früh verstorbene Libuše Šafránková als Aschen­brödel, Pavel Trávníček als Prinz und der große Theater­schau­spieler Rolf Hoppe als König haben mit ihrem märchen­haften und komödi­an­ti­schen Spiel ebenfalls einen großen Anteil an dem Erfolg. Am Staats­theater Meiningen steht nun das Aschen­brödel auf dem Programm, mit einer Verspätung von genau einem Jahr. Da sollte die Bühnen­ad­aption des Märchen­films Premiere haben, doch der Theater-Lockdown machte einen Strich durch die Rechnung. Nun der zweite Versuch, das Werk vor Zuschauern zu spielen, trotz hoher Inzidenz­zahlen, dafür aber mit strengem Hygie­ne­konzept. Die Geschichte ist bekannt. Auf dem Gut, auf dem Aschen­brödel lebt, herrscht große Aufregung. Der König wird mit seinem Sohn erwartet. Seit Aschen­brödels Vater gestorben ist, hat sie kein leichtes Leben auf dem Gut. Schimmel Nikolaus und eine Schmuck­scha­tulle, die von der Eule Rosalie bewacht wird – das ist alles, was Aschen­brödel nach dem Tod ihres Vaters geblieben ist. Die Stief­mutter und ihre Tochter Dorchen, lassen sich jeden Tag fiese Aufgaben für Aschen­brödel einfallen: Öfen kehren oder Erbsen von Linsen trennen. So erhält auch nur ihre Stief­schwester Dorchen eine Einladung für den großen Ball im Schloss. Vinzek, dem Diener, sind im Wald zufällig drei Hasel­nüsse in den Schoss gefallen, die er Aschen­brödel zum Trost mitge­bracht hat. Doch die magischen Kräfte der kleinen Hasel­nüsse vermögen es, die geheimen Wünsche des Mädchens in Erfüllung gehen zu lassen. Endlich kann Aschen­brödel einmal, wie ein Junge, mit ihrem geliebten Pferd Nikolaus auf die Jagd gehen. Die zweite Haselnuss beschert ihr sogar ein wunder­schönes Ballkleid. Heimlich schleicht sich Aschen­brödel auf den Ball und mit ihrer frechen und natür­lichen Art verzaubert sie dort nicht nur den Prinzen. Der Prinz, der bisher alle ihm vorge­stellten Damen verschmäht hat, tanzt mit ihr und verliebt sich auf der Stelle. Als er sie fragt, ob sie ihn heiraten möchte, stellt sie ihm drei Rätsel:

„Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schorn­stein­feger ist es nicht. Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht. Zum Dritten: Ein silber­ge­wirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr.“

Da der Prinz die Rätsel nicht lösen kann, verlässt Aschen­brödel den Ball. Auf der Schloss­treppe verliert sie dabei jedoch ihren rechten Schuh. Der Prinz nimmt die Verfolgung auf und erreicht den Hof, auf dem Aschen­brödel mit Stief­mutter und ‑schwester lebt. Doch keiner der anwesenden Frauen passt der zierliche Tanzschuh der Unbekannten. Schließlich fällt dem Knecht Vinzek das Aschen­brödel ein, das spurlos verschwunden ist. Die Stief­mutter ergreift die Gelegenheit und gibt ihre Tochter Dora als Aschen­brödel aus. Das scheitert jedoch, und nachdem Aschen­brödel aus der dritten Haselnuss ein pracht­volles Braut­kleid bekommen hat, zeigt sie sich darin dem Prinzen. Der Schuh passt ihr perfekt. Nun kann der Prinz auch das dreifache Rätsel beant­worten – es waren seine drei Begeg­nungen mit Aschen­brödel, und der Märchen­hochzeit steht nichts mehr im Wege.

Foto © Christina Iberl

Im letzten Jahr war das Stück als Stream für den Mittel­deut­schen Rundfunk aufge­zeichnet worden. Für die Insze­nierung in der Regie von Gabriela Gillert, die bis Mitte Januar in zahlreichen Doppel-Vorstel­lungen und auch an Wochen­enden und in den Weihnachts­ferien zu sehen sein wird, hat die Meininger Hofka­pelle die Filmmusik von Karel Svoboda aus der Märchen­ver­filmung unter dem Dirigat von Peter Leipold einge­spielt. Ausstat­tungs­leiter Helge Ullmann hat für die Theater­version des Aschen­brödel eine schnee­reiche Winterwelt und ein glitzernd-schönes Schloss geschaffen, Bühnenbild und Kostüme sind dabei sehr an die Filmvorlage angelehnt. Die Produktion ist eine Koope­ration mit der Ballett­schule am Staats­theater Meiningen in der Choreo­grafie von Julia Zulauf. Die Handlung ist gestrafft auf 75 Minuten, und auch bei den Darstellern hat man sich auf die Haupt­fi­guren des Märchen­films beschränkt. Das Bühnenbild ist liebevoll erstellt, mittels Drehbühne sind schnelle Verwand­lungen zwischen dem Bauernhof, dem Neben­gelass mit Stall und Dachkammer und dem verschneiten Wald möglich. Die Tauben, die dem Aschen­brödel bei ihrer fiesen Arbeit helfen, sind beleuchtete Flügel, die von der Bühnen­decke herab­ge­lassen werden. Auch die drei Kleider für Aschen­brödel kommen von der Bühnen­decke, ebenso wie die Kronleuchter bei der Bühnen­szene im Schloss. Natürlich ist hier die Zielgruppe die der Kinder, und hier darf man dem Staats­theater Meiningen ein großes Kompliment machen. Es ist eine wunderbare, kindge­rechte Insze­nierung, die den inter­ak­tiven Austausch mit dem jungen Publikum ohne pädago­gisch erhobenen Zeige­finger sucht. Besonders witzig wird es, wenn der König erscheint und der Präzeptor das Publikum animiert, sich von den Sitzen zu erheben und sich zu verbeugen, was Jung und Alt auch gerne tun. Und als erwach­sener Zuschauer fühlt man sich ganz schnell in seine eigene Kindheit versetzt.

Foto © Marie Liebig

Aber es ist auch die schau­spie­le­rische Leistung, die an diesem Premie­ren­abend begeistert. Die Dialoge sind der heutigen Sprache nachemp­funden und kindge­recht präsen­tiert. Carla Witte spielt das Aschen­brödel so intensiv und schön, dass es schon sehr dicht an die Filmvorlage heran­kommt. Christine Zart bedient alle Klischees der „bösen Stief­mutter“, ist so herrlich fies und gemein, dass so manches Kind im Publikum das Grausen bekommt. Marie-Sophie Weidinger gibt das Dorchen als naives Dummchen. Yannick Fischer als Prinz braucht immer wieder die Hilfe des Publikums, um endlich am Schluss sein Aschen­brödel zur Prinzessin zu machen. Hans-Joachim Rodewald in der Doppel­rolle als Präzeptor des Königs und Knecht Vinzek lebt beide Rollen so richtig aus und ist der große Animator für das Publikum. Matthias Herold gibt einen etwas trotte­ligen, dicken, appetit­süch­tigen König, der sich ebenfalls ganz schnell vom Aschen­brödel verzaubern lässt. Sein Outfit mit grauem Rauschebart ist eine Hommage an Rolf Hoppe, den Darsteller im Film. Ibrahim Bajo und Emil Schwarz im Kostüm des Schimmels Nikolaus sind die heimlichen Stars auf der Bühne. Die Musik, die vom Band einge­spielt wird, ist von der Tonqua­lität sehr hochwertig und ganz eng an die Kompo­sition Svobodas angelehnt. Am Schluss gibt es von dem besonders jungen Publikum begeis­terten Applaus und Jubel für alle Betei­ligten dieser märchen­haften Darbietung.

Drei Hasel­nüsse für Aschen­brödel ist eine wunderbare Bühnen­ad­aption des Märchen­films, das neben dem begeis­ternden Spiel der Akteure auf der Bühne vor allem von der eingän­gigen und beschwingten Musik Karel Svobodas lebt, die die Meininger Hofka­pelle unter der Leitung von Peter Leipold einge­spielt hat. Die Musik ist als Teil des Programm­heftes auch auf CD erhältlich, ein schöner Service des Staats­theaters Meiningen. Die Aufführung wird bis zum 14. Januar 2022 noch über dreißig Mal gespielt und hat das Zeug, ebenfalls eine Tradition zur Weihnachtszeit zu werden. Wer den Film liebt und es mit seinem Kind nicht zu weit nach Meiningen hat, der sollte sich das märchen­hafte Theater in der Weihnachtszeit nicht entgehen lassen.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: