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GESPENSTER
(Torstein Aagaard-Nilsen)
Besuch am
1. März 2024
(Premiere am 23. Februar 2024)
Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch in uns fest, und wir können sie nicht loswerden“, sagt Helene Alving in Hendrik Ibsens Gespenster, einem Gesellschaftsdrama des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das mit seinen schlagkräftigen Themen des Inzests, der freien Liebe und der Euthanasie zunächst 1882 keine Zustimmung beim Publikum fand und sich erst ab 1889 so langsam in der Kritik zu einem der bedeutendsten naturalistischen Dramen entwickelte. 1886 fand die erste öffentliche Aufführung unter Herzog Georg II. in Deutschland in Meiningen statt, jetzt kommt Torstein Aagaard-Nilsens Oper Die Gespenster in Meiningen zur Uraufführung.
Das Originaldrama liest sich heutzutage etwas schwer und wirkt textüberfrachtet, verwebt aber schon verschiedene Handlungsstränge, die die Librettistin Malin Kjelsrud zum Teil aufgreift, aber die Thematik in die Moderne überträgt. Vieles ist heutzutage nicht mehr so skandalös wie im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ihr Text ist gezeichnet von einer großen Unmittelbarkeit. Indem sie alle Personen auf der Bühne an der Handlung teilhaben lässt – auch die Verstorbenen treten in Rückblicken auf – gewinnt das Drama in der neuen Vertonung viel mehr Fahrt. Die Gespenster, die Gengangeren, stehen in Norwegen für Erinnerungen aus der Vergangenheit, die in der Gegenwart überwunden werden sollen. Kjelsruds Fokus liegt auf Helene Alving als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, eine Figur, die die Fäden in der Vergangenheit und Gegenwart in der Hand hat.
Regisseur Haag, vormals Intendant des Staatstheaters, lässt sie doppelt auftreten, macht so vergangene Entscheidungen für die Gegenwart besser greifbar. Daraus schält sich das Bild einer Frau heraus, die weit mehr als in der literarischen Vorlage einen dunklen, zerstörerischen Charakter offenbart, die sich hier vom ursprünglichen Opfer zur monströsen Täterin wandelt. Ohne Frage der bessere Ansatz für eine packende Oper.

Zu Beginn blickt der Zuschauer auf eine mächtige halbrunde Holzwand, die im Laufe des Stückes mit Hilfe der Drehbühne den Blick auf das Geschehen freigibt oder verwehrt. Sieben Szenen katapultieren den Zuschauer mitten hinein in das vielschichtige Geschehen. Sie wechseln von der Zeit um 1960 zu der um 1990, was dem Zuschauer durch eingeblendete Zeit- und Ortsangaben verdeutlicht wird. Für jede Zeitspanne tritt eine Figur der Helene auf, oft befinden sich beide auf der Bühne, singen im Duett.
Die Handlung setzt ein, nachdem Erik Alving gestorben ist. Seine Witwe Helene erinnert nun in Vergangenes, das in Szene gesetzt wird. Das Bühnenbild Dieter Richters macht durch die Sitzlandschaft in der Bühnenmitte und die typische Tapete an der Zimmerwand die 1960-er Jahre deutlich. Über allem erhebt sich ein großes Prospekt, Caspar David Friedrichs Felsenriff am Meeresstrand, das bedrohlich und über die handelnden Charaktere nichts Gutes verheißend unter der Eisdecke die Untiefen des menschlichen Charakters vermuten lässt.
Helene hat in der Vergangenheit mit Pastor Manders eine Nacht verbracht und mit ihm ihren Sohn Osvald gezeugt. Sie muss das weitere Leben nach einer Zurückweisung durch ihn an der Seite ihres ungeliebten Ehemannes Erik in innerer Einsamkeit und Erstarrung bezwingen. Der wiederum sucht in der Affäre mit Johanne, Ehefrau von Jacob Engstrand, das, was ihm seine Frau verweigert. „In diesem Haus haben wir gelebt als lebende Tote, verstrickt in unseren Lügen“ heißt es im Terzett der zweiten Szene und verdeutlicht die Düsternis, die Abgründe.
Nach einem Zeitsprung in die Gegenwart kommt Osvald, der in Paris als Maler gelebt und dort ein freies Leben genossen hat, wegen der Beerdigung von Erik zurück. Regine, Dienstmädchen im Hause Alving, und Osvald empfinden gegenseitig eine große Anziehung und träumen von einem anderen, einem freieren Leben. Regine gibt Osvald psychoanalytische Hinweise zum Verhalten seiner narzisstischen Mutter Helene.
Die nächsten zwei Szenen schildern die pathologisch enge Beziehung von Helene zu Osvald als Baby – „wir beide gegen den Rest der Welt“ – und den Mord Jacob Engstrands an seiner Frau Johanne. Im weiteren Verlauf will Jacob Engstrand Regine mit zu sich nehmen, die lehnt aber ab.
In einer Schlüsselszene wird Pastor Manders in seiner Bigotterie angeprangert, er, der Osvalds Vater ist und gleichzeitig für dessen Vater Erik starke Gefühle entwickelt hatte.
Nach der Pause werden die im ersten Teil angelegten Zusammenhänge vertieft: Johanne erscheint als Geist ihrem Mann, der sich über alle Konventionen mit der Macht des Stärksten hinweg setzen will. Und auch Eriks Geist macht Helene klar, dass sie die Ursache allen Übels ist, dass nichts mehr zu retten ist.
Regine und Osvald schmieden den Plan, Helene eine ererbte Krankheit vorzuspielen. Das Motiv der Sterbehilfe aus dem Schauspiel tritt nun verwandelt auf: Osvald teilt seiner Mutter zwar mit, dass er unheilbar erkrankt sei, aber die verstrickt sich dennoch weiter in Lügen, will Osvald durch eine Inzestlüge die Möglichkeit vereiteln, mit Regine ein Leben fern der Zwänge, fern von ihr zu führen. Aber ihr Sohn und Regine sind bereit, den Ort des Schreckens zu verlassen, Osvald gibt vor, gemeinsam mit seiner Mutter Selbstmord begehen zu wollen, aber nur Helene nimmt die Tabletten und stirbt, Osvald wirft sie weg. Der Weg ist zumindest von außen gesehen frei für Osvald und Regine, die auf der Türschwelle zu einem neuen Leben stehen – das Licht erlischt.

Das Team um Regisseur Haag, Bühnenbildner Richter und Kostümbildnerin Kerstin Jacobssen hat eine hochkonzentrierte Fassung des Stoffes auf die Bühne gebracht. In der reduzierten Bühnenlandschaft kann sich das sich immer weiter vertiefende, unausweichliche Geschehen frei entfalten, nur durch sehr klug und sparsam eingesetzte Bühneneffekte verstärkt. Die Lichtregie von Rolf Schreiber setzt klare, unerbittliche Akzente und lässt das alles überragende Bild Friedrichs im Hintergrund von schaurig blaugrün bis zu blass-rosa erglühen und die Geschehnisse kommentieren.
Die Kostüme sind der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verpflichtet, bleiben recht unaufdringlich, aber sehr passend. Osvald als Maler kommt mit Kittel und Künstler-Hut aus Paris, die Kostüme aller Beteiligten spiegeln ein durchaus vermögendes Bürgertum wider. Geld spielt überhaupt im Hintergrund eine große Rolle, Geld aus Geldwäsche bei Erik und Geld zur Bestechung heiratsunwilliger Männer.
Die Musik in Aagaard-Nilsens erster Oper fasziniert vom ersten Takt an. Obwohl er auch andere Komponisten zitiert, ist das Werk beileibe kein Plagiat, er hat seinen ureigenen Stil gefunden, der den Zuhörer tief im Innern erreicht. Sehr durchsichtig wirkt alles und macht aber eben dadurch die feinen Zwischentöne der Charaktere sichtbar, was die Meininger Hofkapelle und das sehr homogene Ensemble unter der Leitung von Philippe Bach sehr wach und präzise umsetzt. Das Orchester ist recht überschaubar, aber interessant und effektvoll besetzt, mit einem umfangreichen Schlagwerk mit Xylophon, Vibraphon, Marimbaphon, Glasharfe und Akkordeon. Glasklare, zerrissene, atmosphärisch wabernde, aber auch mächtig auftrumpfende Klänge ziehen einen in den Bann und spiegeln die Wucht der Worte wider. Leitmotive sind den einzelnen Personen zugeordnet, am Ende wird selbst das Tristan-Motiv zitiert, allerdings als Helene in den Armen von Osvald stirbt. Elektronische Klänge, jazzig-bluesige Musik, marschmäßige Klänge des Chores bei der Trauerfeier mit Trompeten und Flöten, am Ende eine Sarabande und Tarantella zu Helenes Ableben zeugen von der Vielschichtigkeit und dem Einfallsreichtum des Komponisten.
Der Chor in der Einstudierung von Roman David Rothenaicher wird recht sparsam eingesetzt, überzeugt aber absolut in Sauberkeit und Wucht als Folie für die Gedanken der Hauptperson.
Das Stück lebt von der ungemein präsenten und schauspielerisch wie gesanglich überragenden Marianne Schechtel als alte Helene. Mit kräftigem und immer mit vollem Körper gesungenem Ton schafft es die Mezzosopranistin, alle Nuancen der schwierigen Partie scheinbar mühelos auszuloten. Ihr zur Seite steht die Figur der jungen Helene, verkörpert durch Sara Maria Saalmann, die mit ausdrucksstarkem, intensivem lyrischem Mezzosopran das Gefühlskarussell, dem sie ausgesetzt ist, greifbar macht. Sie harmoniert sehr gut mit Schechtel in den Duetten. Shin Taniguchi als Pastor Manders lässt wieder einmal gesanglich und schauspielerisch keine Wünsche offen. Er ist in jeder Hinsicht voll in seiner Rolle und veredelt mit seinem noblen Ton sowohl weiche, lyrische als auch intrigante Szenen. Tenor Alex Kim gibt den Erik souverän mit hellem Timbre. Mykhailo Kushlyk als Osvald zeigt mit klarem Tenor auch kräftiges Potenzial und passt gut zur Regine von Monika Reinhard. Die stellt ihre Koloraturfähigkeiten unter Beweis und brilliert mit blitzsauberen höchsten Tönen, liefert zudem überzeugende schauspielerische Qualitäten. Emma McNairy hat nur eine kleine Rolle als bereits verstorbene Johanne, bringt aber ihren wohltimbrierten, warmen Sopran auch hier voll zur Geltung. Mikko Järviluoto als Jacob Engstrand verfügt über einen Bass, mit dem er seine Autorität gemäß der Rolle kräftig strömen lassen kann.
Das Theater ist bei der dritten Vorstellung der Gespenster nur halb gefüllt, das Publikum spendet aber kräftigen, teils begeisterten Applaus. Bis Juni ist das Werk noch fünf Mal in Meiningen zu sehen, es lohnt sich in jedem Fall.
Jutta Schwegler