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In seiner Handlung in drei Aufzügen erzählt Richard Wagner die tragische Geschichte zweier Liebender, denen ein Zusammensein einzig im Tod vergönnt ist. Der Komponist schrieb seine Oper unter dem Einfluss seiner glühenden, doch unerfüllten Liebe zu Mathilde Wesendonck – so kommt es nicht von ungefähr, dass Wagner mit Tristan und Isolde eines seiner anrührendsten und sinnlichsten Werke schuf. Und was ist nicht alles über dieses Werk, das einst als unaufführbar galt, geschrieben worden? Die Musik mache süchtig, sei sogar gefährlich. Der Dirigent Joseph Keilberth starb 1968 in München während einer Festspielaufführung des Tristans. Es passierte im zweiten Aufzug, nach Tristans Worten: „So stürben wir, um ungetrennt ewig einig ohne End‘, ohn‘ Erwachen …“. Keilberth stürzt wie vom Blitz getroffen zu Boden, bleibt reglos liegen und stirbt wenig später. Exakt an dieser Stelle erlitt 1911 Felix Mottl, auch bekannt durch seine Orchestrierung der Wesendonck-Lieder, einen Herzanfall. Zwölf Tage später erlag er dem Herzleiden. Und Christian Thielemann hat mal eine zwölfjährige Pause vom Tristan gemacht, da er nach eigenen Aussagen das Gefühl hatte, wenn er es zu viel dirigiere, verlöre er sich selbst. Ist Wagners Tristan also gefährlich, macht seine Musik süchtig? Zu einem gewissen Maß kann man das in der Meininger Neuinszenierung fühlen, was die Musik und Handlung mit einem machen können. Regisseurin Verena Stoiber, die am Meininger Staatstheater schon Salome inszeniert und vor einigen Jahren ein vielbeachtetes Rheingold in Chemnitz auf die Bühne gebracht hat, wählt mit ihrem psychodelischen Ansatz eine Realitätsflucht in durch Videoinstallationen großartig präsentierte Traumwelten, die wie ein Tsunami über die Bühne fegen und den Zuschauer in den Bann ziehen.

Für Stoiber geht alles vom zweiten Aufzug aus, dem großen Liebesduett. Hier werden auch die Sinnfragen zu Endlosigkeit und Ewigkeit gestellt. Tristans eigene Geschichte, als Waise bei seinem Onkel aufgewachsen, spielt für Stoiber eine elementare Rolle. Und so inszeniert sie das Werk als eine große Liebesgeschichte, die aber ihre Erfüllung nur mit Hilfe des Tranks findet, der sie in sagenhafte Traumwelten entführt. So kommt an diesem Abend den Videoinstallationen und ‑projektionen von Jonas Dahl eine besondere Bedeutung zu.
Zum Vorspiel öffnet sich der Vorhang, und das Bühnenbild ist von einer großen Leinwand verdeckt. Es wird ein Film gezeigt. Ein kleiner Junge sitzt am Rande einer Burg, schaut verträumt und bastelt dann ein kleines Segelschiff, dem er ein winziges selbstgemachtes Holzschwert beifügt und es in einen kleinen Fluss setzt. Das Schiff kentert irgendwann und setzt sich an einem kleinen Felsen fest, der wie eine Insel im Fluss liegt. Dort findet ein rothaariges junges Mädchen das Schiff, repariert es und setzt es wieder in die Fluten. Immer wieder schwenkt die Kamera zwischen idyllischen Landschaftsaufnahmen. Man sieht die Burg, Wälder, aber auch das Meer ist zu sehen. Und immer wieder die beiden Kinder, die sich aber nicht begegnen. Mit solchem Kunstgriff erzählt Verena Stoiber fast schon zärtlich die Vorgeschichte von Tristan und Isolde, mit den beiden Protagonisten als Kinder.
Als der Vorhang sich öffnet, sieht man einen rechteckigen Bau, der von einem großen Rahmen umgeben ist. Der Rahmen wird die Projektionsfläche für die Installationen sein, im engen Raum spielt sich die Handlung in der Realität ab. Das Bühnenbild stammt von Susanne Gschwender. Das Innere des Raums stellt eine Schiffskabine dar, in der Tristan und Kurwenal als Kapitän und Erster Offizier sowie Isolde und Brangäne als Passagiere in einem modernen Setting sitzen. Oberhalb des Bühnenraums wird nicht nur der Text als Übertitel eingeblendet, sondern das ganze ist ein Splitscreen, wo die Szene in der Kabine live übertragen wird. Wer jetzt denkt, der Splitscreen ist ein neuer und moderner Service, den Gesangstext besonders zu präsentieren, der weiß noch nicht um die besondere Bedeutung des Screens.
Bis zur Darreichung des „Liebestranks“ verläuft die Interaktion zwischen den Protagonisten wie in einem Kammerspiel, ohne große Höhepunkte. Bis auf eine Ausnahme. Stoiber kreiert von Anfang an eine erotische Spannung zwischen den beiden, dass es da nur so knistert. Folgerichtig erfolgt der erste Kuss, bevor sie den vermeintlichen „Todestrank“ zu sich nehmen. Es ist die logische Fortführung der Vorgeschichte, in der Isolde sich in den schwer verwundeten „Tantris“ verliebt hat. Der Trank verändert alles, nicht nur die Handlung, sondern das komplette Setting der Inszenierung. Wie nach dem Genuss einer Droge erleben Tristan und Isolde einen Rausch, der sie aus der öden und beengten Realität in eine farbenfrohe Traumwelt katapultiert. Die Projektion zeigt, wie die beiden aus der Schiffskabine in die Unterwasserwelt abtauchen, weit unterhalb des Kiels, mit Fischschwärmen und großen fluoreszierenden Fischmäulern. Während Tristan und Isolde in der Unterwasserwelt ungestört ihrer Liebe frönen können, bleibt das Bild auf dem Splitscreen eingefroren und zeigt die beiden ohnmächtig in ihren Sesseln in der Schiffskabine. Das böse Erwachen nach dem Trip ist die grausame Realität, König Marke wartet auf seine Braut.

Der zweite Aufzug zeigt in dem schon bekannten Bühnenaufbau ein großes modernes Ehebett mit einem weiß getäfelten Aufbau, der mit der Wandtäfelung identisch ist. Marke steht auf und zieht sich an, um mit Melot auf die Jagd zu gehen, während Isolde so tut, als ob sie schläft. Kaum ist Marke weg, erscheint Brangäne, um Isolde vor der verhängnisvollen Affäre mit Tristan zu warnen. Doch dann erscheint Tristan im ehelichen Schlafzimmer Markes, die beiden fallen übereinander her, und genießen ein zweites Mal den „Liebestrank“, nachdem sie nach einer Kissenschlacht das Bett kurzerhand auseinandergebaut und umfunktioniert haben. Diese künstlerische Freiheit nutzen Stoiber und Dahl, um mit einer Abfolge von Videoinstallationen und ‑projektionen Tristan und Isoldens psychodelischen Rausch während des kompletten Liebesduettes im zweiten Aufzug darzustellen. Ihre Reise beginnt als wilde Kutschfahrt durch die Wälder, geht mit einem Candlelight-Dinner weiter, während im Hintergrund die Skyline einer Großstadt vorbeizieht, um dann plötzlich das Bett als Kahn umzufunktionieren und idyllisch vor dem Bergpanorama in einem See zu paddeln. Höhepunkt des Trips ist ein Weltraumspaziergang à la Space Odyssey in Astronautenanzügen, Künstliche Intelligenz macht es möglich. Dann finden sich Tristan und Isolde als Brautpaar in einer Kathedrale wieder, Isolde in einem weißen Brautkleid. Doch auch diese bürgerliche Konvention wird rasch über Bord geworfen, die Kathedrale einfach mit Benzin angezündet. Die Flammen sind nur animiert, aber wirken eindrucksvoll. Die Flucht geht weiter, das Brautpaar zieht sich schnell um in ganz konventionelle Freizeitkleidung, und auf der Bühne steht plötzlich eine alte Harley, der Inbegriff für Freiheit. Und auf dem Motorrad entfliehen beide, während im Hintergrund die Kathedrale in einem Feuerball verschwindet. Der Roadtrip scheint durch die Wüste Arizonas zu gehen, die Videoprojektionen werden immer schneller, doch jeder Trip endet einmal, und das Erwachen ist meist grausam. Marke und Melot sind von der Jagd zurück und haben Tristan und Isolde quasi in flagranti erwischt. Nur, dass Marke und Melot im frühmittelalterlichen Gewand herkommen, die gut in die Entstehungszeit des Epos von Gottfried von Straßburg passen. Die Kostüme stammen von Clara Hertel. Der Trank, oder besser die Droge, wirkt noch nach, und die Ebenen der Realität und der Zeit verschieben sich erneut. Während Isolde sich ihrem Schicksal ergibt und ihr mittelalterliches Gewand mit Hilfe Melots überstreift, verweigert Tristan das und stürzt sich in Melots Schwert.
Der dritte Aufzug zeigt in dem kastenförmigen Bau im Mittelpunkt ein Krankenhausbett mit Infusionen, ein alter Mann liegt regungslos im Bett, Kurwenal wacht an seiner Seite. Tristan liegt bewusstlos am Boden, und der alte kranke Mann, der im Verlaufe des dritten Aufzuges sein Krankenbett verlässt und verschwindet, soll wohl Tristans Vater darstellen, den er ja nie kennengelernt hat, da er vor seiner Geburt starb. Auch der kleine Junge, den wir aus dem Film zum Vorspiel schon kennen, kommt mit seinem kleinen Segelschiff auf die Bühne. Stoiber stellt also nicht nur die Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, sondern beleuchtet auf einer anderen Ebene auch die Lebensgeschichte Tristans, die zum Verständnis des Werkes unermesslich ist.
Für den Schluss gönnt sich Stoiber noch einmal eine künstlerische Freiheit. Tristan stirbt nicht, nachdem Isolde endlich wieder zurückgekehrt ist, Markes Gesang nimmt er nur wie in Trance war. Und auch Isoldes „Liebestod“ ist keiner, auch sie stirbt nicht, sondern verabschiedet sich liebevoll von ihrem Geliebten, um dann die Bühne zu verlassen. Tristan bleibt in einer Art Wachkoma allein zurück. Die Inszenierung vom Regieteam um Verena Stoiber mit den Videoprojektionen von Jonas Dahl wecken so viele Emotionen, die bei einer konventionellen Erzählung der „Handlung in drei Aufzügen“ in solcher Intensität nur sehr selten zu erleben sind. Es ist, als genösse man selbst den Trank und erlebe den Rausch mit.
Das liegt aber auch daran, dass der Abend musikalisch und sängerisch auf allerhöchstem Niveau ist, und das alles mit der Hausbesetzung ohne Gäste. Herausragend Lena Kutzner als Isolde. Als Senta im Fliegenden Holländer hatte sie schon ein furioses Debüt gegeben, als Elsa im Lohengrin setzte sie noch eins drauf. Mit der Isolde hat sie auch den Fachwechsel vom jugendlich-dramatischen zum hochdramatischen Sopran vollzogen, und dass innerhalb nur weniger Jahre. Mit ihrer warmen und schönen Mittellage bis zu den hochdramatischen Ausbrüchen, die wie schneidender Stahl sind, übertönt sie noch das lauteste Fortissimo des Orchesters. Ohne jede Ermüdungserscheinungen meistert sie die Partie, um am Schluss sängerisch einen tief berührenden „Liebestod“ zu gestalten, der ja in der Inszenierung keiner ist. Ihr „Liebestod“ ist eine elegische Darbietung des Strömens und Versinkens, fast schon sphärisch gesungen, das ist Gänsehaut pur! Ihr Auftritt ist eine Sternstunde, und am Schluss wird sie vom Publikum zu Recht frenetisch umjubelt. Meiningen kann sich glücklich schätzen, so eine großartige Sängerin fest im Ensemble zu haben. Vom Bayreuther Festspielhaus bis zum Meininger Staatstheater sind es keine 140 Kilometer, da sollte Katharina Wagner bei einer der nächsten Vorstellungen mal vorbeischauen.

Marco Jentzsch gibt den Tristan mit sehr jugendlichem Tenor. Sein strahlkräftiger Tenor mit baritonalem Timbre meistert die Höhen seiner Partie normalerweise ohne Probleme. Doch an diesem Abend gibt es leichte Anzeichen einer Indisposition, was Intendant Jens Neundorff von Enzberg vor dem dritten Aufzug zu einer kurzen Ansage veranlasst. Vielleicht ist der kleine, kaum hörbare Einbruch auch Ausdruck eines kräftezehrenden Ansingens gegen das manchmal übermächtige Fortissimo im Orchestergraben. Dennoch eine insgesamt überzeugende Darbietung, sängerisch wie schauspielerisch. Man kann dem sympathischen Sänger nur wünschen, dass er sich bis zur nächsten Aufführung stimmlich wieder erholt.
Die Mezzosopranistin Tamta Tarielashvili in der Rolle der Brangäne ist in dieser Konstellation an diesem Haus ebenfalls eine Idealbesetzung. Mit ihrer sehr tiefen Mittellage und gleichzeitig strahlenden Höhen ergänzt sich ihre Stimme mit Lena Kutzners hochdramatischem Sopran auf ideale Weise, da auch Tarielashvili hochdramatisch sein kann und damit auf derselben Linie liegt wie Kutzner. Ihr Wachtruf im zweiten Aufzug ist sehr lyrisch gesungen und voller Anteilnahme und Mitgefühl geprägt. Shin Taniguchi als Kurwenal meistert die Partie mit kraftvollem Bariton. Selcuk Hakan Tiraşoğlu beeindruckt mit seinem markanten und ausdrucksstarken Bass als König Marke. Die Rolle des Melot ist mit Johannes Mooser gut besetzt, und Aleksey Kursanov singt das Klagelied des jungen Seemanns als auch die Weise des Hirten mit ausdrucksstarkem Tenor und großer Textverständlichkeit. Hans Gebhardt als Steuermann fügt sich gut in das Sängerensemble ein. Der Chor des Staatstheaters Meiningen ist von Roman David Rothenaicher hervorragend eingestimmt und stimmlich voll präsent.
GMD Killian Farrell am Pult der Meininger Hofkapelle spielt einen dynamischen und wuchtigen Tristan, manchmal fast an der oberen Grenze der Lautstärke, aber immer mit dem Gefühl für den Moment. Berückend sind die symphonischen Elemente wie das Vorspiel zum ersten Aufzug, das filigran und voller Emotion aus dem Graben ertönt, sowie der Beginn des dritten Aufzuges mit dem Englischhorn-Solo. Ein Orchestermusiker spielt das Solo auf offener Bühne und bekommt zum Schluss dafür zurecht großen Applaus. Der berühmte dissonante Tristan-Akkord weckt die Hoffnung auf eine verströmende Tonsprache, die so charakteristisch für das Werk ist. Es entstehen große Bilder, rauschhafte Klänge der Unendlichkeit, die die überwältigenden Gefühle der kaum noch aktiv handelnden Figuren deutlich machen, grandios unterstützt durch die Videoprojektionen. Es ist insgesamt wieder eine überzeugende Leistung der Meininger Hofkapelle und von Farrell, der zu Beginn des zweiten und dritten Aufzugs vom Publikum schon gefeiert wird.
Am Schluss gibt es großen Jubel und stehende Ovationen für alle Beteiligten aus dem Publikum, und besonders Lena Kutzner, Marco Jentzsch, Killian Farrell und die Meininger Hofkapelle werden gefeiert. Zwei einzelne aggressive und völlig unangebrachte Buhrufe gegen Shin Taniguchi und Selcuk Hakan Tiraşoğlu sorgen für eine prompte Gegenreaktion der Zuschauer rundherum um den einzelnen Krakeler, der auch als einziger Verena Stoiber ausbuht. Denn das Regieteam darf viel Applaus und Jubel entgegennehmen, die Inszenierung hat dem Meininger Publikum gefallen. Leider ist das Publikum zumindest im Parkett mal wieder sehr unruhig. Unsensibles Husten an den leisesten Stellen, Handyklinge und so weiter. All das beeinträchtigt den Hörgenuss, kann aber den fantastischen Gesamteindruck der Inszenierung nicht schmälern. Wer den Tristan einmal aus einer ganz anderen Perspektive sehen möchte, der hat bis zum Ende der Spielzeit noch an sechs Abenden die Gelegenheit. Und im kommenden Jahr gibt es mit dem Rheingold in der Inszenierung von Markus Lüpertz die nächste Wagner-Premiere in Meiningen.
Andreas H. Hölscher