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Psychodelischer Liebestrank

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
12. April 2025
(Premiere)

 

Staats­theater Meiningen

In seiner Handlung in drei Aufzügen erzählt Richard Wagner die tragische Geschichte zweier Liebender, denen ein Zusam­mensein einzig im Tod vergönnt ist. Der Komponist schrieb seine Oper unter dem Einfluss seiner glühenden, doch unerfüllten Liebe zu Mathilde Wesen­donck – so kommt es nicht von ungefähr, dass Wagner mit Tristan und Isolde eines seiner anrüh­rendsten und sinnlichsten Werke schuf. Und was ist nicht alles über dieses Werk, das einst als unauf­führbar galt, geschrieben worden? Die Musik mache süchtig, sei sogar gefährlich. Der Dirigent Joseph Keilberth starb 1968 in München während einer Festspiel­auf­führung des Tristans. Es passierte im zweiten Aufzug, nach Tristans Worten: „So stürben wir, um ungetrennt ewig einig ohne End‘, ohn‘ Erwachen …“. Keilberth stürzt wie vom Blitz getroffen zu Boden, bleibt reglos liegen und stirbt wenig später. Exakt an dieser Stelle erlitt 1911 Felix Mottl, auch bekannt durch seine Orches­trierung der Wesen­donck-Lieder, einen Herzanfall. Zwölf Tage später erlag er dem Herzleiden. Und Christian Thielemann hat mal eine zwölf­jährige Pause vom Tristan gemacht, da er nach eigenen Aussagen das Gefühl hatte, wenn er es zu viel dirigiere, verlöre er sich selbst. Ist Wagners Tristan also gefährlich, macht seine Musik süchtig? Zu einem gewissen Maß kann man das in der Meininger Neuin­sze­nierung fühlen, was die Musik und Handlung mit einem machen können. Regis­seurin Verena Stoiber, die am Meininger Staats­theater schon Salome insze­niert und vor einigen Jahren ein vielbe­ach­tetes Rheingold in Chemnitz auf die Bühne gebracht hat, wählt mit ihrem psycho­de­li­schen Ansatz eine Reali­täts­flucht in durch Video­in­stal­la­tionen großartig präsen­tierte Traum­welten, die wie ein Tsunami über die Bühne fegen und den Zuschauer in den Bann ziehen.

Foto © Christina Iberl

Für Stoiber geht alles vom zweiten Aufzug aus, dem großen Liebes­duett. Hier werden auch die Sinnfragen zu Endlo­sigkeit und Ewigkeit gestellt. Tristans eigene Geschichte, als Waise bei seinem Onkel aufge­wachsen, spielt für Stoiber eine elementare Rolle. Und so insze­niert sie das Werk als eine große Liebes­ge­schichte, die aber ihre Erfüllung nur mit Hilfe des Tranks findet, der sie in sagen­hafte Traum­welten entführt. So kommt an diesem Abend den Video­in­stal­la­tionen und ‑projek­tionen von Jonas Dahl eine besondere Bedeutung zu.

Zum Vorspiel öffnet sich der Vorhang, und das Bühnenbild ist von einer großen Leinwand verdeckt. Es wird ein Film gezeigt. Ein kleiner Junge sitzt am Rande einer Burg, schaut verträumt und bastelt dann ein kleines Segel­schiff, dem er ein winziges selbst­ge­machtes Holzschwert beifügt und es in einen kleinen Fluss setzt. Das Schiff kentert irgendwann und setzt sich an einem kleinen Felsen fest, der wie eine Insel im Fluss liegt. Dort findet ein rothaa­riges junges Mädchen das Schiff, repariert es und setzt es wieder in die Fluten. Immer wieder schwenkt die Kamera zwischen idylli­schen Landschafts­auf­nahmen. Man sieht die Burg, Wälder, aber auch das Meer ist zu sehen. Und immer wieder die beiden Kinder, die sich aber nicht begegnen. Mit solchem Kunst­griff erzählt Verena Stoiber fast schon zärtlich die Vorge­schichte von Tristan und Isolde, mit den beiden Protago­nisten als Kinder.

Als der Vorhang sich öffnet, sieht man einen recht­eckigen Bau, der von einem großen Rahmen umgeben ist. Der Rahmen wird die Projek­ti­ons­fläche für die Instal­la­tionen sein, im engen Raum spielt sich die Handlung in der Realität ab. Das Bühnenbild stammt von Susanne Gschwender. Das Innere des Raums stellt eine Schiffs­kabine dar, in der Tristan und Kurwenal als Kapitän und Erster Offizier sowie Isolde und Brangäne als Passa­giere in einem modernen Setting sitzen. Oberhalb des Bühnen­raums wird nicht nur der Text als Übertitel einge­blendet, sondern das ganze ist ein Split­screen, wo die Szene in der Kabine live übertragen wird. Wer jetzt denkt, der Split­screen ist ein neuer und moderner Service, den Gesangstext besonders zu präsen­tieren, der weiß noch nicht um die besondere Bedeutung des Screens.

Bis zur Darrei­chung des „Liebes­tranks“ verläuft die Inter­aktion zwischen den Protago­nisten wie in einem Kammer­spiel, ohne große Höhepunkte. Bis auf eine Ausnahme. Stoiber kreiert von Anfang an eine erotische Spannung zwischen den beiden, dass es da nur so knistert. Folge­richtig erfolgt der erste Kuss, bevor sie den vermeint­lichen „Todes­trank“ zu sich nehmen. Es ist die logische Fortführung der Vorge­schichte, in der Isolde sich in den schwer verwun­deten „Tantris“ verliebt hat.       Der Trank verändert alles, nicht nur die Handlung, sondern das komplette Setting der Insze­nierung. Wie nach dem Genuss einer Droge erleben Tristan und Isolde einen Rausch, der sie aus der öden und beengten Realität in eine farben­frohe Traumwelt katapul­tiert. Die Projektion zeigt, wie die beiden aus der Schiffs­kabine in die Unter­was­serwelt abtauchen, weit unterhalb des Kiels, mit Fisch­schwärmen und großen fluores­zie­renden Fisch­mäulern. Während Tristan und Isolde in der Unter­was­serwelt ungestört ihrer Liebe frönen können, bleibt das Bild auf dem Split­screen einge­froren und zeigt die beiden ohnmächtig in ihren Sesseln in der Schiffs­kabine. Das böse Erwachen nach dem Trip ist die grausame Realität, König Marke wartet auf seine Braut.

Foto © Christina Iberl

Der zweite Aufzug zeigt in dem schon bekannten Bühnen­aufbau ein großes modernes Ehebett mit einem weiß getäfelten Aufbau, der mit der Wandtä­felung identisch ist. Marke steht auf und zieht sich an, um mit Melot auf die Jagd zu gehen, während Isolde so tut, als ob sie schläft. Kaum ist Marke weg, erscheint Brangäne, um Isolde vor der verhäng­nis­vollen Affäre mit Tristan zu warnen. Doch dann erscheint Tristan im ehelichen Schlaf­zimmer Markes, die beiden fallen überein­ander her, und genießen ein zweites Mal den „Liebes­trank“, nachdem sie nach einer Kissen­schlacht das Bett kurzerhand ausein­an­der­gebaut und umfunk­tio­niert haben. Diese künst­le­rische Freiheit nutzen Stoiber und Dahl, um mit einer Abfolge von Video­in­stal­la­tionen und ‑projek­tionen Tristan und Isoldens psycho­de­li­schen Rausch während des kompletten Liebes­du­ettes im zweiten Aufzug darzu­stellen. Ihre Reise beginnt als wilde Kutsch­fahrt durch die Wälder, geht mit einem Candle­light-Dinner weiter, während im Hinter­grund die Skyline einer Großstadt vorbei­zieht, um dann plötzlich das Bett als Kahn umzufunk­tio­nieren und idyllisch vor dem Bergpan­orama in einem See zu paddeln. Höhepunkt des Trips ist ein Weltraum­spa­ziergang à la Space Odyssey in Astro­nau­ten­an­zügen, Künst­liche Intel­ligenz macht es möglich. Dann finden sich Tristan und Isolde als Brautpaar in einer Kathe­drale wieder, Isolde in einem weißen Braut­kleid. Doch auch diese bürger­liche Konvention wird rasch über Bord geworfen, die Kathe­drale einfach mit Benzin angezündet. Die Flammen sind nur animiert, aber wirken eindrucksvoll. Die Flucht geht weiter, das Brautpaar zieht sich schnell um in ganz konven­tio­nelle Freizeit­kleidung, und auf der Bühne steht plötzlich eine alte Harley, der Inbegriff für Freiheit. Und auf dem Motorrad entfliehen beide, während im Hinter­grund die Kathe­drale in einem Feuerball verschwindet. Der Roadtrip scheint durch die Wüste Arizonas zu gehen, die Video­pro­jek­tionen werden immer schneller, doch jeder Trip endet einmal, und das Erwachen ist meist grausam. Marke und Melot sind von der Jagd zurück und haben Tristan und Isolde quasi in flagranti erwischt. Nur, dass Marke und Melot im frühmit­tel­al­ter­lichen Gewand herkommen, die gut in die Entste­hungszeit des Epos von Gottfried von Straßburg passen. Die Kostüme stammen von Clara Hertel. Der Trank, oder besser die Droge, wirkt noch nach, und die Ebenen der Realität und der Zeit verschieben sich erneut. Während Isolde sich ihrem Schicksal ergibt und ihr mittel­al­ter­liches Gewand mit Hilfe Melots überstreift, verweigert Tristan das und stürzt sich in Melots Schwert.

Der dritte Aufzug zeigt in dem kasten­för­migen Bau im Mittel­punkt ein Kranken­hausbett mit Infusionen, ein alter Mann liegt regungslos im Bett, Kurwenal wacht an seiner Seite. Tristan liegt bewusstlos am Boden, und der alte kranke Mann, der im Verlaufe des dritten Aufzuges sein Krankenbett verlässt und verschwindet, soll wohl Tristans Vater darstellen, den er ja nie kennen­ge­lernt hat, da er vor seiner Geburt starb. Auch der kleine Junge, den wir aus dem Film zum Vorspiel schon kennen, kommt mit seinem kleinen Segel­schiff auf die Bühne. Stoiber stellt also nicht nur die Liebes­ge­schichte in den Mittel­punkt, sondern beleuchtet auf einer anderen Ebene auch die Lebens­ge­schichte Tristans, die zum Verständnis des Werkes unermesslich ist.

Für den Schluss gönnt sich Stoiber noch einmal eine künst­le­rische Freiheit. Tristan stirbt nicht, nachdem Isolde endlich wieder zurück­ge­kehrt ist, Markes Gesang nimmt er nur wie in Trance war. Und auch Isoldes „Liebestod“ ist keiner, auch sie stirbt nicht, sondern verab­schiedet sich liebevoll von ihrem Geliebten, um dann die Bühne zu verlassen. Tristan bleibt in einer Art Wachkoma allein zurück. Die Insze­nierung vom Regieteam um Verena Stoiber mit den Video­pro­jek­tionen von Jonas Dahl wecken so viele Emotionen, die bei einer konven­tio­nellen Erzählung der „Handlung in drei Aufzügen“ in solcher Inten­sität nur sehr selten zu erleben sind. Es ist, als genösse man selbst den Trank und erlebe den Rausch mit.

Das liegt aber auch daran, dass der Abend musika­lisch und sänge­risch auf aller­höchstem Niveau ist, und das alles mit der Hausbe­setzung ohne Gäste. Heraus­ragend Lena Kutzner als Isolde. Als Senta im Fliegenden Holländer hatte sie schon ein furioses Debüt gegeben, als Elsa im Lohengrin setzte sie noch eins drauf. Mit der Isolde hat sie auch den Fachwechsel vom jugendlich-drama­ti­schen zum hochdra­ma­ti­schen Sopran vollzogen, und dass innerhalb nur weniger Jahre. Mit ihrer warmen und schönen Mittellage bis zu den hochdra­ma­ti­schen Ausbrüchen, die wie schnei­dender Stahl sind, übertönt sie noch das lauteste Fortissimo des Orchesters. Ohne jede Ermüdungs­er­schei­nungen meistert sie die Partie, um am Schluss sänge­risch einen tief berüh­renden „Liebestod“ zu gestalten, der ja in der Insze­nierung keiner ist. Ihr „Liebestod“ ist eine elegische Darbietung des Strömens und Versinkens, fast schon sphärisch gesungen, das ist Gänsehaut pur! Ihr Auftritt ist eine Stern­stunde, und am Schluss wird sie vom Publikum zu Recht frene­tisch umjubelt. Meiningen kann sich glücklich schätzen, so eine großartige Sängerin fest im Ensemble zu haben. Vom Bayreuther Festspielhaus bis zum Meininger Staats­theater sind es keine 140 Kilometer, da sollte Katharina Wagner bei einer der nächsten Vorstel­lungen mal vorbeischauen.

Foto © Christina Iberl

Marco Jentzsch gibt den Tristan mit sehr jugend­lichem Tenor. Sein strahl­kräf­tiger Tenor mit barito­nalem Timbre meistert die Höhen seiner Partie norma­ler­weise ohne Probleme. Doch an diesem Abend gibt es leichte Anzeichen einer Indis­po­sition, was Intendant Jens Neundorff von Enzberg vor dem dritten Aufzug zu einer kurzen Ansage veran­lasst. Vielleicht ist der kleine, kaum hörbare Einbruch auch Ausdruck eines kräfte­zeh­renden Ansingens gegen das manchmal übermächtige Fortissimo im Orches­ter­graben. Dennoch eine insgesamt überzeu­gende Darbietung, sänge­risch wie schau­spie­le­risch. Man kann dem sympa­thi­schen Sänger nur wünschen, dass er sich bis zur nächsten Aufführung stimmlich wieder erholt.

Die Mezzo­so­pra­nistin Tamta Tarie­lashvili in der Rolle der Brangäne ist in dieser Konstel­lation an diesem Haus ebenfalls eine Ideal­be­setzung. Mit ihrer sehr tiefen Mittellage und gleich­zeitig strah­lenden Höhen ergänzt sich ihre Stimme mit Lena Kutzners hochdra­ma­ti­schem Sopran auf ideale Weise, da auch Tarie­lashvili hochdra­ma­tisch sein kann und damit auf derselben Linie liegt wie Kutzner. Ihr Wachtruf im zweiten Aufzug ist sehr lyrisch gesungen und voller Anteil­nahme und Mitgefühl geprägt. Shin Taniguchi als Kurwenal meistert die Partie mit kraft­vollem Bariton. Selcuk Hakan Tiraşoğlu beein­druckt mit seinem markanten und ausdrucks­starken Bass als König Marke. Die Rolle des Melot ist mit Johannes Mooser gut besetzt, und Aleksey Kursanov singt das Klagelied des jungen Seemanns als auch die Weise des Hirten mit ausdrucks­starkem Tenor und großer Textver­ständ­lichkeit. Hans Gebhardt als Steuermann fügt sich gut in das Sänger­ensemble ein. Der Chor des Staats­theaters Meiningen ist von Roman David Rothe­naicher hervor­ragend einge­stimmt und stimmlich voll präsent.

GMD Killian Farrell am Pult der Meininger Hofka­pelle spielt einen dynami­schen und wuchtigen Tristan, manchmal fast an der oberen Grenze der Lautstärke, aber immer mit dem Gefühl für den Moment. Berückend sind die sympho­ni­schen Elemente wie das Vorspiel zum ersten Aufzug, das filigran und voller Emotion aus dem Graben ertönt, sowie der Beginn des dritten Aufzuges mit dem Englischhorn-Solo. Ein Orches­ter­mu­siker spielt das Solo auf offener Bühne und bekommt zum Schluss dafür zurecht großen Applaus. Der berühmte disso­nante Tristan-Akkord weckt die Hoffnung auf eine verströ­mende Tonsprache, die so charak­te­ris­tisch für das Werk ist. Es entstehen große Bilder, rausch­hafte Klänge der Unend­lichkeit, die die überwäl­ti­genden Gefühle der kaum noch aktiv handelnden Figuren deutlich machen, grandios unter­stützt durch die Video­pro­jek­tionen. Es ist insgesamt wieder eine überzeu­gende Leistung der Meininger Hofka­pelle und von Farrell, der zu Beginn des zweiten und dritten Aufzugs vom Publikum schon gefeiert wird.

Am Schluss gibt es großen Jubel und stehende Ovationen für alle Betei­ligten aus dem Publikum, und besonders Lena Kutzner, Marco Jentzsch, Killian Farrell und die Meininger Hofka­pelle werden gefeiert. Zwei einzelne aggressive und völlig unange­brachte Buhrufe gegen Shin Taniguchi und Selcuk Hakan Tiraşoğlu sorgen für eine prompte Gegen­re­aktion der Zuschauer rundherum um den einzelnen Krakeler, der auch als einziger Verena Stoiber ausbuht.  Denn das Regieteam darf viel Applaus und Jubel entge­gen­nehmen, die Insze­nierung hat dem Meininger Publikum gefallen. Leider ist das Publikum zumindest im Parkett mal wieder sehr unruhig. Unsen­sibles Husten an den leisesten Stellen, Handy­klinge und so weiter. All das beein­trächtigt den Hörgenuss, kann aber den fantas­ti­schen Gesamt­ein­druck der Insze­nierung nicht schmälern. Wer den Tristan einmal aus einer ganz anderen Perspektive sehen möchte, der hat bis zum Ende der Spielzeit noch an sechs Abenden die Gelegenheit. Und im kommenden Jahr gibt es mit dem Rheingold in der Insze­nierung von Markus Lüpertz die nächste Wagner-Premiere in Meiningen.

Andreas H. Hölscher

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