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MEREL-QUARTETT
(Johannes Brahms, Franz Schubert)
Besuch am
5. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Über dem Anfang ein Zauber. Mit dem Merel-Quartett, das die Zauberhand führt. Besser gesagt, dass sie überhaupt selbst ist. Der Meinung jedenfalls war die Stiftung Schweizer Geigenbauschule Brienz. Zum Auftakt der diesjährigen Konzertwoche Meiringen hat sie den fantastischen Vier um Mary Ellen Woodside den Goldenen Bogen verliehen. Eine Auszeichnung, die vor allem prestigeträchtig ist. Geehrt werden „renommierte Musikerpersönlichkeiten für herausragende Leistungen“. Interessant dabei, dass die herstellende Werkstatt, die den gravierten, goldmontierten Bogen liefert, ebenfalls in Brienz ansässig ist, woraus nun unschwer zu entnehmen ist, dass Musik, Geigenbau, Geigenspiel an diesem gesegneten Fleckchen Schweizer Erde am Rande des Brienzersees eine verlässliche Heimstatt haben. Seit Jahrzehnten schon.
Weswegen man gern kommt, wiederkommt. Schwer, zu sagen, was da prächtiger ist. Um es salomonisch zu lösen, ließe sich so sagen: Tagsüber sind es die Schönheiten der Natur, mit denen der Besucher hier geradezu überschüttet wird. Am Abend geht die Auszeichnung an die Kunst. Dann sorgen die Akteure der Meiringer Konzertwoche für Prachtentfaltung anderer Art. Und das Publikum? Es strömt. Es lässt sich nicht zwei Mal bitten. Wie überhaupt der Anteil der Freunde, die hier Gönner heißen, ein beträchtlicher ist. Eine Frucht ganz sicher der segensreichen Präsidentschaft von Haus Rudolf Hösli und seines künstlerischen Leiters Patrick Demenga, dem renommierten Cellisten. Unter dessen, nun gut 20-jähriger Federführung, ist die Konzertwoche Meiringen zum Synonym für Exzellenz geworden. Zusammen mit seiner als Geschäftsführerin agierenden Ehefrau Katja sorgt Demenga für programmatische Handschrift einerseits, für Qualität auf den Podien andererseits, wobei er letztere, was nicht das Geringste ist, nach Kräften mitbespielt.

Womit wir wieder beim Anfangszauber angelangt wären. Verspielt, tänzerisch ist der. Das Duett der beiden Violinen, mit dem Brahms sein Klarinettenquintett opus 115 angehen lässt, hat mit seinem Wiegetakt, etwas Werbendes. Bratsche, Cello sind sofort bereit mitzugehen, legen sich darunter. Es entsteht ein Grund, ein Boden, ein Bett. Eine Miniatur-Schöpfung im Expresstempo von vier Takten ist das, denen, um das Haydnsche Original zu zitieren, nur eines fehlt: der Mensch. Für Brahms hörte der auf den Namen Richard Mühlfeld. Es war der Soloklarinettist der Hofkapelle Meiningen, der auslösend gewesen ist, nicht zum ersten, nicht zum letzten Mal ein Ausführender entscheidend für die Komposition. In der Michaelskirche Meiringen, einem Prachtbau heimischer Zimmermannskunst mit im Chor platzierter Rieger-Orgel – in der traditionellen Konzertkirche der Konzertwoche, vollbesetzt versteht sich, ist es Florent Héau, der die Wohnung, die ihm da gerade angeboten worden ist, bezieht. Die Linie, die der französische Solist, gefragter Klarinetten-Dozent, zieht, erhebt sich, reckt sich, gewinnt aufrechten Gang. Und hat Wärme. Hat eigentlich alles, was die menschliche Stimme hat, haben kann. Hier wird es wahr. Das Motto, das Demenga dem Abend mit dem Merel-Quartett eingeschrieben hat, wird von so manchem Besucher nickend nachvollzogen: Verweile doch.
Leider, oder genauer gesagt, liegen die Dinge komplexer. Im Leben sowieso. Also auch in der Kunst. Plötzlich geht ein Zucken durchs Quartett. Forte-Espressivi, Akzente melden sich. Da kann Adagio drüber stehen. Doch derselbe Mensch, der gerade dabei ist, sich auszusprechen, in warmen Tönen auszusprechen – derselbe muss durchs Feuer gehen. Das Merel-Quartett versteht das. Es spürt, wenn es Zeit ist, mit dem Bogen, dem Körper zu arbeiten, selbst Feuer zu legen. Das sind die Momente, da der Ton des Quartetts in der Besetzung Mary Ellen Woodside, Edouard Mätzener Violinen, Alessandro D’Amico Viola, Rafael Rosenfeld Cello, existenziell wird. Brahms hätte es gefreut. Sein Klarinetten-Quintett, so schön es ist, es ist ein Quintett, das die Vertreibung aus dem Paradies bereits hinter sich hat. Mühe, Arbeit, Schmerz. Alles da. Auch davon erzählt die Musik.
Wie erst recht nach der Pause, wenn zu Schuberts Streichquintett C‑Dur für zwei Violinen, Bratsche, zwei Violoncelli, entstanden im Todesjahr 1828, Patrick Demenga das Podium betritt, um die Merels zu ergänzen. Es wird eine Tour de Force, eine Kraftanstrengung ohnegleichen, die den Ausführenden alles abverlangt. Die sind bereit dafür. Geben alles. Was Thema war schon bei Brahms, das ist auch hier Thema. Schubert wusste davon wie kein Zweiter. Er hat erlebt, dass die Nachbarschaft von Grund Abgrund ist. Es wird, jetzt und hier, in der sommerlich geschmückten Michaelskirche Meiringen, unüberhörbar. Ziehen die Violinen Linien, sind die Celli im nächsten Moment willens, sich quer zu legen, fangen an, zu pochen, setzen, wie mit dem Spachtel gearbeitet, Kerben gegen die Vorwärtsbewegung. Es bleibt auch dabei nicht, auch der Augenblick geht vorüber. Das Schubert-Quintett, das das Publikum über himmlische Längen führt und am Ende von den Sitzen reißt, ist eben auch eine Feier, ist Heiterkeit, ja, ist Ausgelassenheit pur. Das nehmen wir mit. Das sollte bleiben. Mehr davon.
Georg Beck