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ZEN IN MUSIC
(Diverse Komponisten)
Besuch am
11. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Heißt ein Konzert Zen in Music, sind wir vorgewarnt. Der Klang, soviel hat uns eine jahrzehntelange Rezeption fernöstlicher Musik gelehrt, ist von seiner ritualisierten Ausführung nicht zu trennen. Das muss man mögen. Und vor allem muss man es können, was in diesem Fall eindeutig übers bloß Technische hinausgeht. Was vor allem gefordert ist, sind Einstellung, Haltung, Geschmack, was seinerseits ein gewisses Beheimatetsein in ostasiatischer Musizierpraxis voraussetzt. An Sen VI für Perkussion, dem namengebenden Stück fürs Meditationskonzert in der Michaelskirche, kam es zum Schwur. Geschrieben hat es, vor drei Jahrzehnten schon, Toshio Hosokawa, der vielfach ausgezeichnete japanische Komponist, der in europäischen Konzertsälen eine feste Größe ist. Sein Instrumentarium unspektakulär. Große Trommel, Congas, Bongos, tibetische Zimbeln. Was allenfalls spektakulär ist, sind die mitkomponierten vorausgehenden Bewegungsabläufe. Etwa, wenn das Stück damit beginnt, dass die Arme des Schlagzeugers Kreise beschreiben, wie schwebend in der Luft stehen, uns so mithineinnehmen in die Vorbereitung, die Erwartung des Schlages. Nicht die Aktion, was ihr vorausgeht, bewirkt hier das Spannungsmoment. Weshalb ein hervorragender Perkussionist wie Matthias Würsch, der im Schlussstück Rain Tree für Vibrafon und zwei Marimba von Toru Takemitsu vollkommen überzeugend agiert, hier gewissermaßen neben dem Stück steht, muss offenbleiben. Die Choreografien wirken teils künstlich, teils wirken sie beschwörend, was sie natürlich nicht sein dürfen. Und die ganz am Schluss rituell geschlagenen Zimbeln haben vollends etwas Betuliches, unfreiwillig Komisches.

Dass das Schicksal des Konzerts damit keineswegs besiegelt ist, hängt zusammen mit einem instinktsicheren Glücksgriff des Kurators einerseits, mit einem hochfokussierten Musizieren zweier verinnerlichter Schlüssel-Kompositionen andererseits. Ins Zentrum der ersten wie der zweiten Programmhälfte hat Patrick Demenga je einen Satz aus einem Werk platziert, das Musikgeschichte geschrieben hat, dem Quatuor pour la fin du Temps von Olivier Messiaen in der Besetzung Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier. Inspiriert von der Erscheinung des Engels in der Apokalypse des Johannes, hat Messiaen im fünften und achten Satz zwei Duos konzipiert, die unter den Händen zweier exzellenter Schweizer Musiker, dem Konzert zu seiner meditativen Versenkungs-Mitte verhelfen. In der Nr. 8 Louange à l’Immortalité de Jésus ist es Geiger Sebastian Bohren, der zu den von Björn Lehmann chronometergleich geschlagenden Klavier-Akkorden einen in höchste Lagen führenden Lobpreis musiziert. Spiegelbildlich die Nr. 5, Louange à l’Éternité de Jésus. Hier ist es der bis in die Fingerspitzen konzentrierte Thomas Demenga, der mit seinem Cellospiel die Zuhörer in jene beglückte Stille versetzt, die Zen intendiert. Niemand, der in diesen himmlischen Augenblicken einen Widerspruch bemerkt, insofern da ja ausgerechnet in einer reformierten Kirche zwei mystisch-katholische Jesus-Anbetungen zu Gehör gebracht werden. Geht alles wunderbar auf, transzendiert auf dem Podium, in der Institution des Konzerts so wie es eine Meiringer Konzertwoche inszeniert, organisiert. Und so tritt man hinaus, taucht ein in eine friedlich den Abend erwartende Stadt.
Georg Beck