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CALEIDOSCOPE – EINE FANTASIE DER FARBE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
21. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Vor sieben Jahren reiste der in Frankreich geborene Geiger Jean-Samuel Bez zu einem Festival nach Kanada und lernte dort den Pianisten Jean-Luc Therrien kennen. Ein gemeinsames musikalisches Grundverständnis mag sich zum Teil auch daraus ergeben haben, dass beide in Österreich studiert haben, Bez in Wien und Therrien in Salzburg. So oder so, ihre Begegnung war die Geburtsstunde des J2-Duos. Kurze Zeit später gewannen sie erste internationale Wettbewerbe und touren seitdem gemeinsam durch Europa und Kanada. Wer auch nur die geringste Ahnung von Tourneen hat, die nicht von großen Managements organisiert werden, weiß, welche Kärrnerarbeit dahintersteckt. Selbst, wenn man sich längst einen Namen erarbeitet hat, gibt es kaum einen, der auf einen Anruf oder eine Mail wartet, geschweige denn, sie mit einer fröhlichen Einladung beantwortet. Bez und Therrien lassen sich davon nicht abschrecken. Und so sind sie gerade wieder auf einer Tournee durch Europa – 25 Aufführungen stehen in 30 Tagen an. Eine davon führt sie nach Mettmann in die Kulturvilla. Seit der Pandemie haben immer mehr Spielstätten mit einem Phänomen zu kämpfen, dass ihnen die Arbeit über Gebühr erschwert. Eintrittskarten werden nicht mehr im Voraus gekauft, sondern spontan an der Abendkasse erworben. Drei Tage vor dem geplanten Auftritt des franko-kanadischen Duos sind gerade mal zwölf Karten verkauft. Soll man die Aufführung absagen? Das Duo sagt nein. Und Constanze Backes und Bodo Herlyn, die die Kulturvilla seit vielen Jahren erfolgreich betreiben, sagen: Gut, dann findet der Abend statt.

Die Freude ist groß. 35 Besucher nehmen am Sonntagabend im Konzertsaal der Kulturvilla Platz, um ein wirklich ungewöhnliches Programm zu erleben. Nach einer freundlichen Begrüßung des Publikums kündigen die beiden gleich mal eine Uraufführung eines Werks an, das eigens für sie geschrieben wurde. Alithéa Ripoll wurde in Liège geboren, begann mit 17 Jahren ihr Kompositionsstudium und ist seitdem gut im Geschäft. Von ihr stammt Estuaire de venelles – Mündung der Gassen – aus diesem Jahr. Beginnend mit kurzen Strichen, die von tropfenden Tastenklängen verfolgt werden, steigert sich die Geige in nahezu alptraumhafte Klänge, die auf dem Klavier in immer düsteren Läufen Begleitung finden, geraten beide allmählich in einen maschinenklangähnlichen Verlauf, der nichts Gutes verheißt, ehe das Stück mit einem erstaunten Aufwachen abrupt endet. Aufwühlend, furios, aber nachvollziehbar für das Publikum, das von Bez abschließend getröstet wird. Es sei ja nur neue Musik. Ja, die beiden verstehen es, die Sympathien des Publikums auf sich zu vereinigen.
Ungewöhnlich geht es mit der wunderbaren Violinsonate in A‑Dur von Gabriel Fauré, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre, weiter. Entstanden sind die vier Sätze 1875, gleichwohl geprägt von Zeitlosigkeit. Als „kühn“ wird das erste kammermusikalische Werk des französischen Komponisten seinerzeit bezeichnet. „Monsieur Fauré hat durch diese Sonate mit einem Satz auf dem Niveau der Meister Platz genommen“, erklärt Camille Saint-Saëns nach der Uraufführung. Der Überschwang entstand wohl auch dadurch, dass der wilde Wirbel von Rhythmen, ungewohnten Modulationen und Klängen dem damals neuen Verständnis der Ars gallica entgegenkam, einem Willen, aller deutschen Romantik zu entsagen. Bez und Therrien wissen das mitunter expressiv sehr schön herauszuspielen. Einen Höhepunkt setzen sie dabei mit dem dritten Satz, einem eindrucksvollen Scherzo.

Nach einer Pause wartet die nächste Uraufführung aus dem vergangenen Jahr. Eugénie Alécian ist 1952 in Paris mit armenischen Wurzeln geboren. In seinem Triptychon über die Republik Arzach, die die Republik Bergkarabach 2017 ablöste und inzwischen selbst Geschichte ist, erinnert der Komponist an die Menschen, die überwiegend Armenier waren und den heute geräumten Korridor bevölkerten, den Aserbaidschan für sich beansprucht. Inzwischen sind rund 100.000 Menschen aus dem Gebiet nach Armenien geflohen. Trotzdem beginnt Alécian im ersten Satz Colora me – meine Farben – fröhlich mit buntem Markttreiben, vielleicht sogar einem Volksfest. Im zweiten Satz ist es dann mit Noir et Blanc, also Schwarzweiß, vorbei mit der Lebensfreude. Alécian aber lässt sich nicht entmutigen und schaffte mit dem letzten Teil, der Fantaisie Artsakh, einen Lichtblick für die Zukunft, wie auch immer sie tatsächlich aussehen mag. Menschen, die im falsch verstandenen Pazifismus immer noch glauben, die Ukraine müsste nur aufhören, sich gegen die Angriffe Russlands wehren, dann werde schon alles gut, sollten ihren Blick sehr aufmerksam nach Aserbaidschan richten. Arzach gibt es ja nicht mehr.
Entspannende Momente liefern die beiden Jeans mit den nachfolgenden zwei Werken der französischen Komponistin Lili Boulanger ab. 24 Jahre wurde Boulanger alt, ihr Leben war geprägt von Krankheit und musikalischen Erfolgen. Aus dem Jahr 1911 stammt ihre Nocturne, sechs Jahre später komponierte sie D’un Matin de Printemps, beide nachgerade liebevoll dargeboten von Bez und Therrien. Das offizielle Programm beendet das Duo mit einer Reminiszenz an Österreich. Die Viennese rhapsodic Fantasietta aus dem Jahr 1948 zeugt vom Heimweh des Komponisten Fritz Kreisler, das sich letztlich in Walzerklängen niederschlägt und dem Abend wirklich noch ein wenig Wien-Gefühl einflößt. Es ist erstaunlich, wie lautstark sich der Applaus von 40 Menschen entfalten kann. Der brandet unvermindert noch einmal auf, nachdem die beiden Musiker sich mit Johann Sebastian Bachs Air aus der Suite Nr. 3 in D‑Dur und Gabriel Faurés Lullaby verabschiedet haben.
Ein spannender, abwechslungsreicher und ungewöhnlicher Abend, mit dem man vor dem Besuch gewiss so nicht gerechnet hat. Aber so ist das in der Kulturvilla Mettmann: Sie ist immer wieder für eine gelungene Überraschung gut.
Michael S. Zerban