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HERRSCHER UND HELDEN
(Compagnia di Punto)
Besuch am
17. August 2019
(Premiere)
Die Villa in der Beckershoffstraße 20 in Mettmann ist ein Bau im klassischen Bergischen Stil. Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, diente sie allerdings nicht als Heim wohlhabender Unternehmer, sondern von Anfang an als Domizil eines Herrenvereins. Ein Ort der gepflegten Geselligkeit mit Theatersaal, Gastronomie und Kegelbahn. 2012 stand es schlecht um das luxuriös vollverschieferte Gebäude mit seinen grünen Fensterläden und weißen Fensterlaibungen. Mit einer nachträglichen Erklärung des Denkmalschutzes konnte das Haus vor der Abrissbirne gerettet werden. Und drei Jahre später geschah das kleine Wunder, wie es manchmal in Kleinstädten geschieht. Sopranistin Constanze Backes und IT-Berater Bodo Herlyn erwarben das Haus und erklärten, die repräsentativen Räume weiterhin der Öffentlichkeit zu erhalten.
Der Theatersaal im Erdgeschoss der Kulturvilla Mettmann, wie das Gebäude heute heißt, scheint wie geschaffen für das neueste Projekt der Compagnia di Punto, einem Alte-Musik-Ensemble, das 2010 aus internationalen Solisten entstanden ist, die sich allesamt der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben. Der Name des Kammerorchesters ist eine Hommage an den Hornvirtuosen Giovanni Punto, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Ruhm und Ehren in ganz Europa gekommen ist. Rechtzeitig zum großen Beethoven-Jahr springt auch die Compagnia di Punto auf den Zug der Komponistenfeierlichkeiten – allerdings in ganz anderer Form als üblich. Wenn wir Beethoven-Sinfonien zu hören zu bekommen, sind wir es gewohnt, einen möglichst großen Orchester-Apparat unter der Leitung eines möglichst bekannten Dirigenten zu erleben. Wenn sie dann noch möglichst pathetisch klingen, eignen sie sich sogar für Rundfunkaufnahmen. Allerdings, so erzählt Gründungsmitglied Christian Binde, habe das mit der Lebenswirklichkeit zu Zeiten Beethovens so gut wie gar nichts gemein. Und so hat sich die Compagnia zum Ziel gesetzt, drei Sinfonien in historischer Aufführungspraxis einzuspielen. Und das bedeutet erst mal Reduktion. Große Orchester haben immer viel Geld gekostet. Also waren sie auch zu Zeiten Beethovens eher die Ausnahme. Wenn aber die Musik bekannt, ja, sogar berühmt werden sollte, reichte es nicht aus, sie an zwei, drei Orten aufzuführen. Dann musste sie an vielen Orten gespielt werden können. Also schufen Freunde und Schüler Beethovens Bearbeitungen seiner großen Werke, die geeignet waren, sie in kleinen Sälen oder großbürgerlichen Salons, was ungefähr auf das Gleiche hinauskam, aufzuführen. Für den Komponisten war es bekanntermaßen ein Gräuel, wenn sich andere Menschen seiner Werke bemächtigten. Aber hin und wieder ließ er es zu.

Diese Bearbeitungen hat sich Compagnia di Punto vorgenommen. Bereits vor zwei Monaten hat das Ensemble die Sinfonie Nr. 1 C‑Dur Opus 21 in der Bearbeitung von Carl Friedrich Ebers in Kombination mit zwei Werken Mozarts in der Kulturvilla Mettmann vorgestellt. Jetzt steht die Sinfonie Nr. 3 Es-Dur, besser bekannt unter dem Namen Eroica, auf dem Programm, ebenfalls von Ebers adaptiert. Vorangestellt ist die Sinfonie D‑Dur L’Imperiale von Joseph Haydn. Aber erst mal geht zum Glück alles schief. Während die einen den Beginn der Veranstaltung um 19 Uhr angekündigt haben, haben die anderen 19.30 Uhr gemeldet. Um 19 Uhr ist „die Hütte voll“. Also muss Binde die halbe Stunde überbrücken. So kommt das Publikum in den Genuss einer äußerst gelungenen Einführung, inklusive einiger praktischer Musikbeispiele zum Thema historische Instrumente. Da ist die Stimmung schon auf dem Höhepunkt, ehe das Orchester die Bühne überhaupt betreten hat. Und die Besucher wissen nun auch, warum der Saal sozusagen umgedreht wurde. Denn für zehn Musiker ist die Bühne viel zu klein. Also ist das Ensemble kurzerhand an das andere Ende des Saals gezogen, während ein Teil des Publikums auf der eigentlichen Bühne Platz genommen hat. So haben alle eine wunderbare Sicht, die Welt ist in Ordnung.
Und das ist gut so. Denn der Auftakt zu Haydns Imperiale klingt reichlich dissonant. Nach ein paar Takten hat sich das Orchester gefangen, und dann läuft es rund. Na ja, fast, aber dazu später mehr. Im Andante, dem zweiten Satz, wird deutlich, worauf der Abend hinausläuft. Zwar herrscht das warme Timbre der historischen Instrumente, aber lieblich-süß ist nicht angesagt. Herzhaft zugreifend wird hier eine Musik akzentuiert, die keinen Edelmut verheißt, sondern der Unterhaltung in rauer Zeit dient. Vielleicht ist das nichts für die Haydn-Fans, die sich in großen Konzertsälen finden, für den Rest der Welt ist es eine Bereicherung. Als „Vorspiel“ verzichtet das Kammerorchester auf das Menuett und wählt die Urfassung des vierten Satzes. Da bleibt einiges offen, denn Haydn entwarf drei weitere Fassungen, war also mit der Urfassung eigentlich nicht einverstanden. Aber es steigert die Erwartungshaltung auf die Eroica.
Rau, derb, fokussiert, mit scharfen Akzenten kommt die Beethoven-Sinfonie daher. Während die Streicher für bissige Schnitte sorgen, bemühen sich die Holzbläser um Wärme. Die Wirkung ist großartig. Fern von Pathos und Weihrauch erleben die Hörer, was Rock’n’Roll zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutete.

Evgeniy Sviridov erwischt es als Konzertmeister. Seine Saite reißt. Jeder Konzertbesucher in den Großbetrieben wünscht sich, das einmal zu erleben, wie dann blitzschnell eine Geige von den hinteren Rängen durchgereicht wird, damit der Erste Geiger weiterspielen kann. In der Kulturvilla Mettmann gibt es an diesem Abend exakt zwei Geiger. Also wird das Konzert abgebrochen, Binde springt auf und überbrückt gekonnt, während Sviridov eine neue Saite aufzieht. Aber bitte schön, hier sind doch längst alle eine große Familie, und so wartet das Publikum geduldig, bis die Violine wieder einsatzbereit ist. Es ist ein wunderbar intimer Abend, weil die Musiker mit Leidenschaft arbeiten. Anna Dmitrieva stellt an der zweiten Geige die Kommunikation zwischen Konzertmeister und dem Cello von Alexander Scherf her, der mehr wie ein Band-Mitglied als ein seriöser klassischer Violoncello-Spieler wirkt. Mit seiner zupackenden Art vermittelt er das Gefühl, authentisch und modern zu sein. Florian Schulte bleibt mit seiner Bratsche ein wenig im Hintergrund. Ganz anders als Kit Scotney, der mit seinem Bass zwar hinter dem Orchester platziert ist, aber vermutlich auch einen guten Jazz-Bassisten abgäbe. Während Markus Schön und Sebastian Kürzl an den Klarinetten die Wärme herstellen, ist Annie Laflamme an der Flöte so etwas wie ein souveräner Libero, auf dessen Klang man immer wieder gerne wartet. Christian Binde und Jörg Schultess bedienen sich der historischen Hörner, um die Fülle des Orchesterklangs gekonnt zu vervollständigen.
Als der letzte Ton verklungen ist, erfüllen die bravi den Raum und der Applaus reicht weit über das übliche Maß in kleinen Sälen hinaus. Schließlich haben die Besucher dieses Abends verstanden, was den Genius dieser Musik ausmacht – eine Erkenntnis, die in den großen Konzertsälen längst vergangen ist. Der heutige Abend war eine Art Generalprobe für die Brühler Schlosskonzerte. Dort also kann man die Compagnia di Punto mit diesem Programm noch einmal erleben. Und wer noch einmal der ganz besonderen Atmosphäre der Kulturvilla Mettmann nachspüren will: Am 28. August tritt die Compagnia di Punto erneut auf, dann in Begleitung der Sängerin Anna Herbst. Es steht die zweite Sinfonie Beethovens in Kombination mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Zettel.
Michael S. Zerban