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Foto © O-Ton

Große Musik im scheinbar kleinen Format

ZEIT – STILLSTAND – WANDEL
(Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
28. Dezember 2020
(Einmalige Aufführung/​Livestream)

 

Compagnia di Punto in der Kultur­villa Mettmann

Impro­vi­sation ist das Zauberwort der Stunde. Und die Musiker sind gefordert wie nie. Wenn eine finan­zielle Unter­stützung zugesagt wird, ist Handlungs­bedarf angesagt. Bloß nichts auf die lange Bank schieben. Als die Compagnia di Punto in Mettmann die Zusage eines Stipen­diums vom Land NRW erhält, zögert der Künst­le­rische Leiter, Christian Binde, keine Sekunde, ein neues Projekt umzusetzen. Das bedeutet, ein geeig­netes Programm zusam­men­zu­stellen, einen geeig­neten Veran­stal­tungsraum zu finden, die Musiker zusam­men­zu­trommeln oder Ersatz zu finden, den Konzert­termin bekannt­zu­machen und – neuer­dings – die Technik für den Livestream zu bekommen. Solche Dinge dauern norma­ler­weise schon mal ein Jahr. Und das mit dem Programm ist sowieso so eine Sache. Was geht denn in diesen Tagen? Die großen Werke sind ja wohl obsolet.

Nicht so ganz. Denn schon zu Zeiten ihrer Entstehung mussten die Werke von Beethoven, Mozart oder Haydn ihre Verbreitung finden, um bekannt zu werden. Da musste für die großen Sinfonien schon auch ein Weg gefunden werden, um sie an den kleineren Höfen aufführen zu können. Ein Umstand, den sich die Compagnia di Punto jetzt zunutze macht. Carl Friedrich Ebers beispiels­weise schrieb große Sinfonien für kleine Orchester um. Diese Parti­turen sind erhalten, aber diskus­si­ons­würdig. Nachdem bei Binde die Entscheidung gefallen war, musste Roland Steinfeld ran, um aus den Arran­ge­ments heute spielbare Noten zu machen. Und er hat, so viel sei schon verraten, gute Arbeit geleistet.

Sergey Malov – Foto © O‑Ton

Das Vorhaben, wenigstens noch ein Jahres­ab­schluss­konzert zu geben und sei es auch nur online, steht für das Ensemble unter einem guten Stern. Hilfreich ist da die gute Verbindung zur Kultur­villa Mettmann, wo die Musiker bereits mehrfach zu Gast waren. Jetzt ist der Konzertsaal gerade groß genug, um ein kleines Orchester und die erfor­der­liche Technik unter­zu­bringen, in dem sonst das Orchester und ein umfang­reiches Publikum Platz hatten. Das Ensemble hatte für die zwei Sinfonien jeweils einen Tag Zeit, um zu proben. Aber das lief höchst konstruktiv, und so sehen die Musiker der Aufführung freudvoll entgegen. Die Technik hat sich mit etlichen Kameras und der Übertra­gungs­technik einge­richtet, letzte Absprachen enden mit gehobenen Daumen.

Nach einer kurzen Ansprache von Binde kann es losgehen mit der 101. Sinfonie in D‑Dur von Joseph Haydn. 1794 als eine der „Londoner Sinfonien“ entstanden, bekam sie später den Titel Die Uhr zugewiesen. In der großen Besetzung sind Pauke und Cembalo vorge­sehen, davon kann in Mettmann natürlich keine Rede sein. Dementspre­chend wird die Aufführung auch vom Konzert­meister geleitet. Für diese Position hat die Compagnia an diesem Abend den Geiger Sergey Malov gewinnen können, der aus St. Petersburg stammt, in Berlin lebt und weltweit wegen seiner Virtuo­sität gefeiert wird. Ihm zur Seite steht Malina Mantcheva. An der Viola spielt niemand Gerin­geres als Corina Golomoz auf. Vervoll­ständigt wird die Streicher-Riege von Alexander Scherf am Cello und Kit Scotney am Bass. Die Flöten werden von der wie immer hinrei­ßenden Annie Laflamme und Gudrun Knop gespielt. Im Hinter­grund stehen an den Hörnern Christian Binde und Jörg Schulteß. Mögli­cher­weise mögen sich im musik­wis­sen­schaft­lichen Vergleich Abstriche gegenüber der großen Besetzung ergeben, hier im Raum jeden­falls entfaltet sich ein pracht­voller Klang, der für sich steht und eine gute halbe Stunde lang nichts anderes als Begeis­terung hervor­rufen kann. Die Gelas­senheit der Techniker deutet darauf hin, dass auch die Menschen an den Monitoren etwas vom Zauber dieser Inter­pre­tation mitbekommen.

Christian Binde – Foto © O‑Ton

Nach einer kurzen Pause, in der sich Binde und Malov über die Arbeit von Ebers und die Leistung von Steinfeld unter­halten, um auch Anhänger großer Orchester von den Vorzügen und der Notwen­digkeit einer Reduktion zu überzeugen, wagen sich die Musiker an die Große g‑moll-Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart. Es wird ein musika­li­sches Fest. Die Flöten werden durch die Klari­netten von Lisa Skylaver und Andrey Chernov ersetzt, Priscilla Rodriguez Cabaleiro erweitert den Bratschen­klang. Man kann es vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der näheren Zukunft nicht anders sagen: Es wird ein grandioser Vortrag. Hier kann auch der Klassik-Fan, der üblicher­weise in den großen Konzert­häusern sitzt, nichts vermissen. Filigranes Spiel und üppige Trans­parenz – so möchte man es am liebsten umschreiben. Ein kurzwei­liges Erlebnis, das man in den Tempeln der Musik eher vermisst. Und, um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, ein Modell, das zukunfts­fähig ist.

Erlebt man im Saal die Nähe zu den Musikern, zum Klang und das Privileg, eine Musik zu hören, die im 18. Jahrhundert schon in eben dieser Minimierung für Begeis­terung sorgte, kann man sich gut vorstellen, dass auch die Menschen an den Monitoren die Faszi­nation des Abends spüren können. Auch, wenn es in der Kultur­villa keine Rückmeldung über die Reaktionen des Publikums gibt, ist doch die tiefe, innere Befrie­digung des Erlebten ein Signal, das hier ein großer Abend stattfindet.

Nach dem Konzert gibt es kein gemüt­liches Zusam­mensein mehr. Jeder beeilt sich, nach Hause zu kommen, sei es, weil die Rückreise, etwa nach Berlin, beschwerlich wird, sei es, weil es nichts mehr zu trinken gibt. Die sozialen Struk­turen zerbrechen. Gut, dass es immerhin eine Musik wie an diesen Abenden gibt, um noch irgend­etwas aufrecht­zu­er­halten, auf dem man nach dieser Krise wieder aufbauen kann.

Michael S. Zerban

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