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Foto © Friedrich Luchterhandt

Abschiedsschmerz

GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
6. Oktober 2019
(Premiere am 6. September 2018)

 

Stadt­theater Minden

Schon 2018 ist alles über diese Götter­däm­merung gesagt worden, was notwendig ist. Das Kammer­spiel von Regisseur Gerd Heinz, der die diesjährige Wieder­auf­nahme des gesamten Rings seit Mitte Juli selbst geleitet hat, geht auch in diesem Jahr wieder auf. Da werden den zu den Zwischen­spielen bewusst gesetzten Ruhepausen ein gesunder Aktio­nismus in den Ensembles gegen­über­ge­stellt. Das menschlich-göttliche Drama endet nach Vorzeit, Mittel­alter und Indus­tria­li­sierung im Heute, und die Nornen schieben sich ihre Prognosen auf Tablets zu. Als Projek­tionen werden Herzschläge sichtbar, die erliegen, wenn das Seil der Nornen reißt. Heinz hat es nicht auf aktuelle Vergleiche angelegt, sondern nur auf die Wirkung von Täuschung, Verrat und Tod. Die glatte Spiel­fläche von Frank Philipp Schlößmann, die bislang immer sehr geordnet war, ist in den leeren Orches­ter­graben des Stadt­theaters Minden hinab mit Treppen und Stegen in einen chaoti­schen Zustand geraten. Schmale Geländer täuschen Sicherheit vor.

Auf der Leinwand vor dem hinten auf der Bühne positio­nierten Orchester sind die Video­ge­stal­tungen von Matthias Lippert in blauer Farbe zu sehen. Die Runen, Raben und Wolken spiegeln sich auf der roten Spiel­fläche dann in grün wieder, was einen tollen Effekt ergibt. In der punkt­ge­nauen Beleuchtung von Michael Kohlhagen fehlt nur die Farbe blau zum Finale, wenn der Rhein musika­lisch über die Ufer tritt. Aber vielleicht ist die Reduzierung auf das Feuer so gewollt. Denn szenisch passiert so gut wie nichts mehr in diesem Moment, nachdem die Rhein­töchter mit Ring und Hagen verschwunden sind. Nach und nach nimmt das Personal – egal ob gut oder böse, tot oder lebendig – auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum Platz. Der Blick geht zur Nordwest­deut­schen Philhar­monie, die nun im vollen Licht dasitzt. Nun liegt es am Orchester, das Ende der bestehenden Ordnung auszu­malen. Dieses Vertrauen zahlt es doppelt und dreifach zurück. Nicht nur, dass die Instru­men­ta­listen musika­lisch diesen Moment meistern, der ihre großartig gespielte Vorstellung krönt, sie schaffen es sogar noch, einen gewissen Abschieds­schmerz einzufangen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Es ist nicht einfach nur das Finale einer Oper, es ist auch nicht nur die zweite und letzte Götter­däm­merung im Jahr 2019 in Minden. Es ist das Ende einer Ära. Es ist das Ende des sogenannten „Mindener Modells“, das 2002 als Tugend aus der Not entstanden ist, dass ein großes Wagner-Orchester nicht in den Orches­ter­graben passt. Was mit dem fliegenden Holländer beginnt, wird 2005 und 2009 mit Tannhäuser und Lohengrin fortge­setzt. Wieder drei Jahre später folgt Tristan und Isolde. Und wieder drei Jahre später beginnt mit dem Rheingold der Auftakt zum gesamten Ring des Nibelungen. Immer sitzt die Nordwest­deutsche Philhar­monie, seit 2009 unter der Leitung von Frank Beermann, hinten im Bühnenraum. Mit diesem Mammut­projekt setzt sich nicht nur das Orchester, sondern auch das Stadt­theater Minden und der Richard-Wagner-Verband Minden ein Denkmal. Trotz aller Kosten und Mühen, trotz vieler Warnrufe ist es ein Denkmal, das nie pathe­tisch und aufge­blasen wirkt, sondern einfach authen­tisch, weil hier Musik­theater im besten Sinne geschaffen worden ist. Weil viele Leute an ein Projekt geglaubt und es mitein­ander über alle Schwie­rig­keiten hinweg umgesetzt haben. Das Ergebnis ist nicht nur einfach zu bestaunen und zu beklat­schen, weil eben ein kleines Theater den Ring gestemmt hat. Es ist deshalb so besonders, weil alle Betei­ligten auf ihre Art und Weise Maßstäbe gesetzt haben – und das ganz im Sinne des Werkes und nie im Sinne der Selbstdarstellung.

Neben der in sich geschlos­senen Insze­nierung und der wirklich aufwüh­lenden Inter­pre­tation durch Frank Beermann und die Nordwest­deutsche Philhar­monie, die jetzt in der Götter­däm­merung noch einmal alles aus ihren Instru­menten heraus­holen, ist da die Sänger­fa­milie zu nennen, die sich über die letzten fünf Jahre in Minden getroffen hat. Umbeset­zungen sind die Ausnahmen. Heiko Trinsinger ist als Alberich erstmals in allen drei Opern, die seine Anwesenheit verlangen, präsent und ein Gewinn für die Dramatik. Julia Bauer, Christine Buffle und Tiina Penttinnen sind als Nornen und noch besser als Rhein­töchter aufein­ander einge­spielt. Kathrin Görings Vortrag der Waltraute ist genau so mitreißend wie ihre Inter­pre­tation der Fricka. Magdalena Anna Hoffmann ist als Sieglinde noch eine Spur besser als ihre Gutrune.

Foto © Friedrich Luchterhandt

Bei Renatus Mészár und Thomas Mohr muss man an sportlich-musika­lische Weltre­korde denken. Beide sind in allen vier Teilen präsent, singen die großen Rollen ihres Fachs mit Bravour. Mag sich bei dem Bassba­riton Mészár doch zuletzt eine etwas enge Höhe gezeigt haben, so setzt sich sein aufge­bla­sener und zugleich so ängst­licher Gunther doch in der Charak­te­ri­sierung deutlich von dem machtvoll schei­ternden Gott Wotan ab, den er zuvor verkörpert hat. Ist sein Spiel dem von Thomas Mohr noch etwas überlegen, zeigt sich der Tenor an keinem Abend um Belcanto-Quali­täten verlegen. Sein wendiger Loge, der fantas­tische Siegmund, und dann die beiden Siegfriede. Bis zu seinem Tod durch Hagen – den der starke Andreas Hörl mit vokal angemes­sener, brutaler Wucht singt – ist der Helden­tenor nie um eine schöne, textgenaue Gesangs­linie, nie um einen bombenfest auf dem Körper sitzenden Klang verlegen. Dara Hobbs darf als Brünn­hilde als eine Entde­ckung gelten, denn einen so glocken­hellen, oberton­reichen Sopran hört man in dieser Rolle wirklich selten. Die Anklage im zweiten Akt ist furios, ihr Abschieds­gesang ein letzter Moment des Reflek­tierens, voller schöner Legato-Bögen und nachdenk­licher, schmerz­licher Worte.

Ganz besonders sie wird vom Publikum gefeiert, aber überhaupt bedanken sich die Zuschauer so, wie es alle Betei­ligten verdient haben, aber wie man es zunächst nicht erwartet hätte. Denn mit der voran­ge­gan­genen Siegfried-Vorstellung scheinen sich ein Drittel der Akteure gegen­seitig mit der Herbst-Erkältung angesteckt haben. Es wird gehustet und geschnieft – nicht alle bekommen das dezent hin. Geschnarcht und geredet wird auch, leider ebenfalls nicht leise. Aber dann der Schluss­ap­plaus – fast 20 Minuten spielen die Besucher für ihre Wagner-Helden ihre eigene spontane Symphonie des Beifalls, nie in geküns­telte Rhythmen verfallend, ergriffen stehend und mit nicht enden wollenden Bravo-Salven. Bei einigen Sängern sieht man Tränen in den Augen. Als die Orches­ter­mit­glieder glauben, dass der Applaus endet, fallen sich einige in die Arme – Puste­kuchen, weiter geht es.

Ob es in Minden weiter geht mit Wagner, ist fraglich. Zwei Werke des sogenannten Bayreuther Kanons stehen noch aus, aber alle Verant­wort­lichen äußern sich eher zurück­haltend bis ablehnend. „Weitere Planungen für kommende Jahre gibt es derzeit nicht“, heißt es offiziell. Und so wie Wagner musika­lisch seine Götter­däm­merung mit einem positiven, aber insgesamt doch offenen Ende beschließt, so erreicht auch diese Ära in Minden ein offenes, aber vor allem glück­liches Ende. Vielleicht sollte man dann trotz Abschieds­schmerz aufhören, wenn es am schönsten ist.

Rebecca Hoffmann

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