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Foto © Dorothée Rapp

Revolution gegen die Herrscher

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
26. September 2019
(Premiere)

 

Stadt­theater Minden

Seit 2015 wird ausge­rechnet im westfä­li­schen Minden ein Ring des Nibelungen erarbeitet, der 2018 mit einer beacht­lichen Götter­däm­merung sein großar­tiges Ende fand. Allein das war schon eine kleine Sensation für sich. Während sich schon größere Theater an Wagners Zyklus die Zähne ausbeißen und in der Belie­bigkeit der Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten verschwinden, verbünden sich drei Insti­tu­tionen aus der Region und erzielen zu Recht große Aufmerk­samkeit. Angeführt von der unermüdlich organi­sie­renden Vorsit­zenden Jutta Hering-Winckler ist der Richard-Wagner-Verband Minden das strip­pen­zie­hende Organ und hat mit dem Stadt­theater Minden und der Nordwest­deut­schen Philhar­monie aus dem benach­barten Herford zwei mutige Kultur­schaf­fende an seiner Seite.

Nachdem man von 2015 bis 2018 die vier Opern­abende einzeln und mit Erfolg gespielt hatte, stehen zum Abschluss zwei komplette Zyklen auf dem Programm. Gemessen am Rheingold könnten sich die positiven Eindrücke der vergan­genen Jahre sogar noch steigern. Denn mit dem Vorabend landen alle Betei­ligten sozusagen eine Punkt­landung, mal davon abgesehen, dass der Motor der Aufführung, die Nordwest­deutsche Philhar­monie, im Stau steht. Nachdem das Orchester hinten auf der Bühne seinen Platz bezogen hat – der Orches­ter­graben ist zu klein für Wagners üppige Klang­massen – beginnt vorne dicht vor den Zuschauern der Anfang vom Ende knapp 15 Minuten später als geplant.

Frank Philipp Schlössmann nutzt für sein Bühnenbild den eigent­lichen Orches­ter­graben als Hebebühne, so dass in den Zwischen­spielen schnelle Umbau­phasen gewähr­leistet sind. Wobei Umbau ein übertrie­benes Wort ist. Nur ein austausch­bares Kulis­sen­element ergänzt das eindrucks­volle Bühnen­portal, in dem die Weltkugel oder eben der Ring angedeutet wird. Jeden­falls begeht Schlössmann nicht den Fehler, den geringen Platz unnötig zuzustellen. Denn nicht mal beim Schluss­ap­plaus passen die 14 Sänge­rinnen und Sänger neben­ein­ander auf die Bühne, sondern stellen sich im Halbkreis auf.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In Schlöss­manns schlichten Kostümen wird eine mythische Vorzeit angedeutet. Grün, grau und schwarz dominieren das Bild. Insbe­sondere bei Fricka, Loge und Wotan werden die Charaktere durch ein beein­dru­ckendes Makeup unter­strichen. Regisseur Gerd Heinz erzählt nun den Niedergang der herrschenden Klasse. Hier in diesem Ring sind die Götter entgegen vieler anderer Insze­nie­rungen keine Schwäch­linge, sondern eindeutig die Spitze der Nahrungs­kette. Ihre Macht beginnt – das wird in vielen kleinen Details sichtbar – erst zu bröckeln. Eine Revolution der unter­ge­benen Klassen bahnt sich an. Wenn die Riesen es wagen, sich der Götter Freia zu nähern, zucken sie unter­würfig zurück, als sich ihnen Fricka, die oberste Göttin, in den Weg stellt. Es kommt einen Affront gleich, als Fasolt Wotan, dem Hüter der Verträge, schwere Vorwürfe macht.

Es ist die Hybris des Wotan, seine Arroganz, dass man ihn, den obersten Gott, nicht antasten kann, die seine Schwäche wird. Wie er verliebt in die Höhen seine neue Burg anschaut, die noch nicht mal bezahlt ist. Doch schon bald erfährt er Schwä­chung und das sogar aus den eigenen Reihen. Freia, Göttin der ewigen Jugend, Symbol der Weiblichkeit, geht fast freiwillig mit den Riesen als Unter­pfand mit, weil sie gerade durch Fasolt eine Anerkennung erfährt, die ihr Wotan nicht gibt.

Fricke nimmt den Text und die Musik beim Wort und erzählt den Auftakt zur Götter­däm­merung so, dass man kein Psycho­ana­ly­tiker sein muss, um den Sinn dahinter zu verstehen. Im Gengenteil: Weil Fricke eben so sachlich und auch gleich­zeitig etwas verspielt dieses Ring-Personal führt, erschließt sich der Subtext Wagners fast von selbst. Dass es eben nur vorder­gründig um Götter und Zwerge, sondern um Politik und Machtgier geht. Dass es die Sorge um die Natur nicht erst gibt, seitdem eine Greta Thunberg zu einem Mini-Parsifal der Klima­be­wegung stili­siert wird.

Foto © Dorothée Rapp

Doch in erster Linie geht es hier eben einfach um Wagners Ring des Nibelungen und gutes Theater­handwerk. Damit letzteres auch nicht zu kurz kommt, sorgen die Videos von Matthias Lippert und die Licht­regie von Michael Kohlhagen für viele unter­schied­liche Stimmungen, die sich perfekt an die Filmmusik des Abends anpassen. Denn nichts anderes zelebriert die Nordwest­deutsche Philhar­monie an diesem Abend. Obgleich gestresst durch die verspätete Ankunft, sind die Musiker so konzen­triert, dass ihnen unter der Leitung von Frank Beermann ein nahezu perfektes Rheingold von der Hand geht. Natürlich geht da mal ein Ton, ein Einsatz in die Binsen, was aber eh nicht der Gradmesser für Perfektion sein sollte. Es ist einfach unfassbar schön, wie das Orchester in den Melodien liegt und sie auch technisch umsetzen kann. Die weiten Bögen der Streicher, der wunder­schöne Klang der Holzbläser, die Opulenz der Blech­bläser – all das liegt an diesem Abend in der Luft. Frank Beermann lässt sie spielen, fordert überwiegend flüssige Tempi, die den Opern­abend kurzweilig halten, und hält über den Monitor Kontakt zu den Sängern. Alle wirken aufein­ander einge­spielt und einge­sungen. Wackel­kon­takte gibt es wenig.

Dass die Rhein­töchter in den Höhen etwas vage in der Intonation sind, fällt weniger ins Gewicht. Viel wichtiger ist, dass Ines Lex, Christine Buffle und Tiina Penttinen ihren jewei­ligen Rollen auch vokal unter­schied­liche Facetten abgewinnen können und auch sehr schön mitein­ander harmo­nieren. Man kann es gleich vorweg­nehmen, dass es nur einen Wermuts­tropfen an diesem Opern­abend gibt. Janina Baechle verschenkt die zentrale Warnung der Erda, weil ihre Stimm­bänder nicht so recht die Töne packen wollen. Ansonsten wird auf gutem bis sehr gutem Niveau gesungen und das weitgehend sogar textver­ständlich ohne die Mithilfe von Übertiteln.

André Riemer wirkt als Froh etwas unbeteiligt im Vergleich mit seinen aktiveren Kollegen, erschafft aber den Regen­bogen mit tenoralem Wohlklang. Andreas Kindschuh gibt den Donner mit Verve und Spiel­laune. Als echter Charak­ter­tenor empfiehlt sich Jeff Martin in der kleinen Rolle des Mime, der dann im Siegfried zu großer Form auflaufen kann. Julia Bauer singt auch die drama­ti­schen Phrasen der Freia mit jugend­licher Leich­tigkeit. Zwei Bässe mit Format sind der passende Kontrast zu ihr: Johannes Stermann, neu in dieser Wagner-Familie in Minden, ist mit schwarzer Stimm­farbe der bedrohlich abwar­tende Fafner. Tijl Faveyts verpackt die ungestüme Art des verliebten Fasolt in voluminöse Phrasen, die in großer Belcanto-Manier vorge­tragen werden.

Man darf bei all dem nicht vergessen, dass die Sänger schon einen kompletten Zyklus hinter sich haben. Beispiels­weise Renatus Mészár, der nicht nur die drei Wotan-Rollen, sondern auch den Gunther singt, und jetzt schon wieder kraftvoll aussingt. Da wirken die exponierten Töne doch schon leicht müde gegenüber den restlichen, autoritär vorge­tra­genen Phrasen, die zu seiner Bühnen­präsenz passen. Kathrin Göring ist als Fricka an seiner Seite die angemessene First Lady, eine Autorität durch und durch in Stimme und Erscheinung. Verblüffend der Loge von Thomas Mohr, ebenfalls wie Mészár vierfach beschäftigt. Sein Feuergott hat elegante Durch­schlags­kraft und gleich­zeitig auch diese verspielte, windige Ader. Diese Rolle sollte öfter von einem wohlklin­gendem Helden­tenor gesungen werden. Heiko Trinsinger sorgt bei seinem „Auftauchen“ im Orches­ter­graben für Humor, wenn er zuerst das Rhein­wasser ausspuckt und tollpat­schig die Rhein­töchter angräbt. Doch schnell ist Schluss mit lustig, denn der großartige Trinsinger läuft als verletzter Alberich mit seinem Kavalier­ba­riton zu dämoni­scher Hochform auf und präsen­tiert sich so als treibende Kraft, die dem Titel des Gesamt­werks gerecht wird.

Dementspre­chend ist es logisch, dass er sich in der Applaus­ordnung auch als letzter dem begeis­terten Beifall des Publikums stellt, das konzen­triert der Aufführung gelauscht hat, ohne das je das Klingeln eines Smart­phones zu hören gewesen wäre. Das sollte mal erwähnt werden! Aber blamieren können sich einzelne ja trotzdem. Der eine setzt sich mitten im leisen Es-Dur-Vorspiel geräuschvoll auf einen besseren Platz um. Der andere verlässt seinen Platz, während das Orchester den Einzug der Götter in Wallhall prachtvoll ausmalt, um dann den Schluss­ap­plaus an der Tür abzuwarten. Der Beifall im nicht völlig ausver­kauften Theater ist groß und gerecht­fertigt für eine Vorstellung, die ein großar­tiger Einstieg in einen spannenden Kosmos voller aktueller Querver­weise ist.

Rebecca Hoffmann

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