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Kein Wintersturm, aber ein gräuliches Herbstwetter mit Regen und Windböen empfängt die Zuschauer zur Walküre, dem ersten Tag in Wagners Ring des Nibelungen, der zum zweiten und letzten Mal im kleinen, aber feinen Stadttheater Minden aufgeführt wird. Während es draußen schüttet, könnte es drinnen im Theater dank des Feuers, das Sieglinde in der Feuerschale entzündet, fast etwas heimelig sein. Da leuchten immerhin die Sterne, wenn sich Sieglinde und Siegmund ineinander verlieben, sich zuhören und anschmachten. Eigentlich das perfekte Abendprogramm für einen kuscheligen Herbstabend, aber da ist ja leider noch das große Drama und das hat kein Happy End.
Diese romantischen Anflüge werden allein schon durch das Libretto Wagners pervertiert, da Siegmund und Sieglinde, Wotans außereheliche Kinder, ein Zwillingspaar sind, die nach Jahren der Trennung aufeinandertreffen und sich sozusagen im Moment der Not „schockverlieben“. Sieglinde ist zwangsverheiratet, ihr Mann Hunding ein echter Widerling und ihr Bruder waffenlos. Der Stacheldraht, den Matthias Lippert auf die Bühne projiziert, spricht da deutliche Bände.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Diesen emotionalen Ausbruch hat Wotan wohl nicht einkalkuliert, als er seine Kinder zusammenführt, damit diese sein Erbe antreten und auch den begehrten Ring in die Götterfamilie zurückholen. Regisseur Gerd Heinz lenkt in seiner minimal überarbeiteten Inszenierung, die ganz grob im Frühmittelalter spielt, den Blick auf das nächste Familiendrama. Die Auseinandersetzung zwischen Wotan und Fricka inszeniert er mit scharfsinniger Balance zwischen einem Ehestreit und einer gerichtlichen Anhörung, wenn Fricka gleich mit vier weiblichen Adlaten aufläuft, ihrem Mann erst seine persönlichen Fehler wie politischen Fehlentscheidungen vorhält und sich dann noch vertraglich festhalten lässt, dass Wotan ihren Willen umsetzt. Nicht nur die kleine Mindener Spielfläche sorgt dafür, dass Wotan diesem Kräftemessen nicht entkommen kann. Frank Philipp Schlössmann verzichtet konsequent auf zu viele Requisiten, die die Bewegungsfreiheiten noch weiter einschränken könnten. Zwei Tische für Hundings Hütte sind da schon das Maximum. Schlössmanns Ebene, die den leeren Orchestergraben mitnutzt, sowie sein Bühnenrahmen, eine Mischung aus geregeltem Quadrat und umfassenden Kreis, bietet Michael Kohlhagen die Möglichkeit für stimmungsvolle Beleuchtung, die ihren Höhepunkt beim Feuerzauber erreicht. Die Mittel des Stadttheaters klug einsetzend, erreicht das Regieteam an dieser Stelle mehr und vor allem berührendere Aussagekraft als größere und technisch künstlich aufgeblasene Inszenierungen.
Der vorangegangene Abschied von Wotan und seiner Tochter Brünnhilde lebt durch die Präsenz und Stimmen von Renatus Mészár und Dara Hobbs. Die Sängerin gibt der jungen Walküre besonderes Profil, in dem sie einen wirklich femininen Sopran mit Obertönen einsetzt, der in jeder Phrase sehr jugendlich, angenehm und durchgebildet klingt. Direkt am Publikum stehend, setzt sie gar nicht auf falsche Lautstärke, sondern demonstriert ihre Kampfeslust mit jauchzenden, fast verspielt klingenden Rufen. Dazu ist der satte Bassklang von Mészár als autoritärer Vater, dem die göttliche Macht mehr und mehr abhandenkommt, ein passender Kontrast. Sein berührend vorgetragener Abschied geht unter die Haut. Allerdings muss sich der in Minden vielbeschäftigte Sänger die hohen Töne teilweise abtrotzen. Vor allem im zweiten Akt hat man das Gefühl, dass er mit einem aufkommenden Infekt oder stimmlicher Erschöpfung zu kämpfen hat. Jedenfalls hat die Fricka von der starken Kathrin Göring leichtes Spiel, ihren Gatten mit textlicher Süffisanz und angemessener vokaler Schärfe die Leviten zu lesen. Bravo!

Wie wäre der Ring wohl weiter verlaufen, wenn Wotan diese Auseinandersetzung gewonnen hätte? Vermutlich würde Siegmund auch noch im dritten Akt singen und das hätte sich an diesem Abend wohl jeder gewünscht. Thomas Mohr lebt diese Partie vokal dermaßen strahlend aus, dass man über jeden Satz, jedes Legato und jedes Parlando nur staunen kann. Immer auf die Wortbedeutungen und Aussprache achtend, trifft er vokal den Kern des unfreien Wotan-Sohns besser als darstellerisch, wo er im ersten Akt etwas zu flapsig und ungestüm agiert. Wenn man Loge, Siegmund und beide Siegfriede so dicht an dicht verkörpert, kann man schon mal durcheinanderkommen. Aber das kann man verschmerzen, wenn man die „Wälse“-Rufe in einer derartigen Intensität serviert bekommt. Von der Tiefe bis in die Höhe strotzt die Stimme nur so von Kraft, Leidenschaft und Feingefühl. Dank den richtigen Kollegen an seiner Seite gerät der erste Akt zu einem dieser legendären Sängerfeste. Magdalena Anna Hofmann kostet das Kennenlernen des fremden Mannes am Herd richtig schön aus. Und dann lässt sie ihren Sopran so wunderbar auflodern, wenn sie von ihrem Schicksal als zwangsverheiratete Frau erzählt, ihren Bruder Stück für Stück erkennt und zum Schwert Nothung führt. Das ist die Kunst des Erzählens in ihrer schönsten Form und dazu auch technisch sehr gut gelöst. Eine Idealbesetzung ebenso wie Tijl Faveyts. Sein Bass könnte so schön singen – und zum Glück verlässt er sich nicht darauf. Dieser Hunding ist so bedrohlich, dass man jede Sekunde, die er auf der Bühne steht, um Sieglindes und Siegmunds Leben fürchten muss.
Es ist nicht zu erwarten gewesen, dass die Nordwestdeutsche Philharmonie das Niveau aus dem Rheingold halten kann. Aber es gelingt ihr. Gelegentlich hört man im Laufe der großen Partitur hier und da, dass Instrumenten-Gruppen ihn ihrem Klang eher gegeneinanderprallen als sich zusammenfügen, aber da fehlt dem Orchester dann einfach die nötige Erfahrung mit Wagner. Umso erstaunlicher ist es, wie es den Musiker gelingt, diesen großen Bogen samt seiner – selbst im schönsten Piano immer vorhandenen – Kraft einzufangen. In dieser Musik brennt ein Feuer, das kann man nicht spielen, sondern das muss man fühlen und das bekommt das Orchester an diesem Abend hin. Frank Beermann geht differenziert an die Walküre heran. Scharf bricht der Sturm über den ersten Akt herein, mit klarem Pathos gleitet Nothung aus der Esche Stamm. Die Todesverkündigung kostet er als einen fast übernatürlichen Moment aus. Den Walkürenritt, der von den Solistinnen sehr gut gemeistert wird, leitet er mit Übersicht.
Die knapp 600 Zuschauer sind schon nach dem ersten Akt so ergriffen von dieser Aufführung und jubeln wie zu den besten Bayreuther Zeiten noch dann, als das Orchester in die Pause geht. Der Beifall nach dem Feuerzauber ist so herzlich und lang, dass einigen Sängern fast die Tränen kommen. Emotionen durch und durch. Das Wetter holt die glücklichen Wagnerianer auf den Boden der Tatsachen zurück, Kein Wonnemond scheint, als man das Theater verlässt. Es regnet gnadenlos. Egal!
Rebecca Hoffmann