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Foto © Matthias Stutte

Göttlicher Wahn

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
23. Juni 2018
(Premiere)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Rheydt

Seien wir ehrlich. Warum schaut man sich 176 Jahre nach ihrer Urauf­führung an der Mailänder Scala die Oper Nabucco von Giuseppe Verdi an? Wenn man kein zynischer, abgestumpfter Kritiker ist, dann doch deshalb, weil man einein­viertel Stunde darauf wartet, dass der Gefan­ge­nenchor Va, pensiero singt. Und jeder Regisseur tut gut daran, die Vorlaufzeit möglichst kurzweilig zu gestalten, und setzt alles darauf, den Chor im entschei­denden Moment genial wirken zu lassen, um anschließend zu einem gnädigen Schluss zu kommen. Mehr verlangt kein Besucher von dieser Oper und ihrem Regisseur.

Roman Hoven­bitzer weiß, dass es so ist. Und er will nicht für die Kritiker, sondern für das Publikum insze­nieren. Also macht er es so einfach wie möglich. Er nimmt die Geschichte mit der Religion und die noch kompli­ziertere Geschichte mit den verschie­denen Völker­stämmen weg und reduziert die Handlung auf einen Famili­en­zwist. Das ist großartig, weil das jeder kennt und versteht. Während der Ouvertüre lässt er einen Familien­ahnen beerdigen. Beim anschlie­ßenden Reue-Essen gerät die Familie in Streit, aus dem sich ein Konflikt über Genera­tionen entwi­ckeln wird.

Hoven­bitzer fokus­siert dabei auf die zeitlose Ausein­an­der­setzung zwischen Nabucco und seinen beiden Töchtern. Magali Gerberon hat dazu fanta­sie­volle Kostüme entwi­ckelt. Da macht es Spaß hinzu­gucken. Beinahe jedes Kostüm hat irgendeine Beson­derheit, die es zu einem außer­ge­wöhn­lichen Kleidungs­stück werden lässt. Gut, der Auftritt der „Goldjungs“ in der Festszene ist so tuntig geraten, dass man sich das hätte sparen können, aber auch hier sind die Kostüme mehr als einfache Theater­kostüme. Ähnlich verhält es sich beim Bühnenbild von Roy Spahn. Der Grund­aufbau ist gewis­ser­maßen eine umgekehrte Drehbühne. Hier werden die Außen­wände der Grund­fläche verschoben, anstatt die Grund­fläche zu bewegen. Die ihrer­seits wird immer wieder klein­teilig umdeko­riert. Das ist sehr liebevoll gemacht und läuft auf die eindrucks­volle Darstellung des Gefan­ge­nen­chors an der entschei­denden Stelle hinaus. Bis heute wird beim Theater Krefeld Mönchen­gladbach die Bedeutung des Lichts nicht erkannt. Zumindest wird in der Beset­zungs­liste bis heute nicht der Licht-Verant­wort­liche genannt. Das ist in diesem Fall besonders unglücklich, weil Tobias Wagener als Beleuch­tungs­meister eine wirklich wunderbare Arbeit leistet. Der Gefan­ge­nenchor wird geradezu genial ausge­leuchtet. Wächsern die Gesichter, fahl, alles Leiden findet hier im Licht statt. Und wirklich hat sich Hoven­bitzer ganz auf diesen Moment kapri­ziert. Auf der Außenwand ist eine Gefan­ge­nen­un­ter­kunft in Form von Mehr-Etagen­betten herge­stellt. Auf den Betten die mageren Gestalten, die kaum mehr Verzweiflung ausdrücken könnten. Nabucco taucht im begin­nenden Irrsinn dort auf, wird von einer Gefan­genen und ihrer Tochter versorgt. Die Drama­turgie feiert sich selbst. Zwischen­durch wird noch ein Toter aus den Bettge­stellen gezogen und in ein weißes Tuch geschlagen. Abgesehen von diesen heraus­ra­genden Momenten fährt der Regisseur einigen Theater­zauber auf, der die Stimmung unterstreicht.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Stimmung macht vor allem Johannes Schwärsky. Der Bariton spielt hier als Nabucco die Rolle seines Lebens. Das hätte an der Wiener Staatsoper nicht besser funktio­nieren können. Textver­ständlich bringt er glaubhaft auf die Bühne, was eigentlich nicht geht: Der ständige Wechsel zwischen gottgläu­bigem, gottgleichem, verzwei­feltem und was nicht noch alles König gelingt ihm, dass es unter die Haut geht. Eines ist er nach diesem Abend gewiss: der König vom Nieder­rhein unter den Sängern. Ansonsten ist die sänge­rische Leistung eher durch­mischt. Matthias Wippich bringt als Zaccaria seinen Bass in den ersten beiden Akten eher näselnd an den Mann, um dann im dritten und vor allem im vierten Akt in Darstellung und Gesang zu begeistern. Ismaele hat ein Problem. Kairschan Schol­dy­bajew überzeugt zwar sänge­risch, wirkt aber neben der über einen Kopf größeren Eva Maria Günschmann unglaub­würdig. Hier hat irgend­jemand in der Besetzung ordentlich gepennt. Ebenso wie bei Lydia Easley. Sie versucht als Gast, der Abigaille Stimme zu verleihen. Dieser Rolle ist sie aber ganz und gar nicht gewachsen. In der Mittellage versagt die Verständ­lichkeit, in den hohen Lagen die Stimme. Darstel­le­risch bleibt sie im Mittelmaß. Besagte Günschmann singt sie als Fenena glatt an die Wand. Im Schau­spiel zeigt sich die Mezzo­so­pra­nistin ohnehin souverän. Die weiteren Rollen fügen sich passend in das Gesamt­ge­schehen ein.

Foto © Matthias Stutte

Was aber ist mit dem Chor? Dem Gefan­ge­nenchor, auf den alles hinaus­läuft? Michael Preiser ist es hier wirklich gelungen, eine sehr eigene Fassung von Va, pensiero zu schaffen. Der Chorleiter verzichtet weitgehend auf das Kämpfe­rische, sondern schafft eher eine poetische Version im Klangbild. Die ganz großen Ausbrüche bleiben aus, dafür hält das Zarte, Zerbrech­liche Einzug. Aber auch, wenn die Gänsehaut ausbleibt, hat das Ganze einen wirklich eigenen Klang, der den Text eindring­licher darbietet als den Effekt. Man könnte so sagen: Es geht mehr unter als auf die Haut. Das Publikum, das bisher mit Szenen­ap­plaus nicht gespart hat, wird an dieser Stelle nachdenklich und vergisst das event­ge­steuerte Klatschen. Kribbelt ja auch irgendwie.

Die Musik läuft dabei so vorbei. Diego Martin-Etxebarria und die Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­niker erledigen einen ordent­lichen Job, der Dirigent hat Orchester wie Sänger im Griff. Ein paar Mal leuchtet die Italianità Verdis auf, einige Male tauchen ungewohnte Klänge auf, aber immer fühlt man sich im Fluss.

Da fällt der Applaus entspre­chend aus. Das Publikum bleibt lange sitzen, klatscht die Applaus­ordnung durch, um sich letztlich doch teilweise zu erheben. Hoven­bitzer hat mit seinem Team alles richtig gemacht und alles in allem eine Reper­toire-Vorstellung geschaffen, die in Mönchen­gladbach und Krefeld noch viel Aufmerk­samkeit erlangen wird.

Michael S. Zerban

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