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Foto © Matthias Stutte

Ostalgie am Stadttheater

ORPHEUS IN DER UNTERWELT
(Jacques Offenbach)

Besuch am
18. Juni 2019
(Premiere am 15. Juni 2019)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Rheydt

In diesem Jahr kommt wohl niemand an Jacques Offenbach vorbei, der vor 200 Jahren in Köln geboren wurde. Das ist weniger schlimm, weil es hier noch einiges zu entdecken gibt. Ärger­licher ist, dass nun jeder Veran­stalter auf die „Verrücktheit“ Offen­bachs abhebt und versucht, seine Werke noch abgedrehter zu gestalten. Da ist der Versuch Hinrich Horst­kottes, am Theater Krefeld Mönchen­gladbach Orpheus in der Unterwelt zu insze­nieren, schon beinahe seriös zu nennen, wenn die Aufführung dann auch ziemlich klamaukig ausfällt. Der Regisseur argumen­tiert, dass kaum ein Deutscher oder Franzose die politi­schen Andeu­tungen und Spitz­fin­dig­keiten der Entste­hungszeit versteht und man deshalb eine politische Situation der Gegenwart wählen müsse, die für den Zuschauer nachvoll­ziehbar sei, um die politische Brisanz der Operette zu verdeut­lichen. So weit, so klar.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auch das Konzept, das er daraus entwi­ckelt, ist schlüssig. Die Oberwelt setzt er mit der ehema­ligen Deutschen Demokra­ti­schen Republik, die Unterwelt mit der Bundes­re­publik Deutschland und den Olymp mit dem Zentralrat der DDR gleich. Das funktio­niert ganz wunderbar. Was daran irritiert, ist, dass Horst­kotte darin eine aktuelle politische Situation sieht. Die Gründung der DDR liegt 70, der Fall der Mauer 30 Jahre zurück. Der gebürtige Bonner hat da offenbar eine ältere Zielgruppe im Visier. Ebenfalls unklar ist, welchen Bezug die Zuschauer im Theater Rheydt, in dem die Premiere der Insze­nierung statt­findet, zum Leben in der DDR haben. Das war wohl auch dem Regisseur nicht bekannt, und so badet er in Klischees, die inzwi­schen so altbacken sind, dass sie für keine Karne­vals­sitzung mehr taugen. Ein paar zusätz­liche Albern­heiten treiben den Spaß weiter in Richtung Klamauk. Es ist der Spiel­freude und der Ernst­haf­tigkeit des Ensembles zu danken, dass sich die Schen­kel­klopfer in Grenzen halten. Martin Dolnik hat eine aufwändige Bühne gebaut, für die ihn die Bühnen­tech­niker und die Werkstatt sicher verflucht haben werden, bis sie gesehen haben, wie großartig sie beim Publikum ankommt. Da gibt es so ziemlich alles, was Theater hergibt – vor dem Zeitalter der Digita­lität. Der Landschafts­pro­spekt mit den verschieb­baren Kornähren, das Haus aus dem aufschieb­baren Karton, die ganz große Bühne für Zentralrat und Party bereiten ebenso viel Freude wie die Drehbühne mit ihren Ungenau­ig­keiten. Dolnik gelingt es, die Faszi­nation für die Traum­land­schaft Bühne zu wecken. Dazu gibt es raffi­nierte, oft in ihrer Detail­ver­liebtheit kaum feststellbare Licht­ef­fekte von Susanne Förster, die die Wirkung des Abends effektvoll unter­streichen. Die fanta­sie­vollen Kostüme, die Horst­kotte entwi­ckelt hat, gehen in ihrer Klischee­haf­tigkeit häufig in Richtung Boulevard, aber das ist wohl der Auffassung von Offen­bachs Arbeit geschuldet.

Michael Grosse und Sophie Witte – Foto © Matthias Stutte

Die Darsteller sind in ihre komplexen Aufgaben so einge­bunden, dass sie sich um solche Übertrei­bungen nicht kümmern. Wie beispiels­weise Sophie Witte, die sich als Eurydike im pinkfar­benen Kostüm mit Tüll und Fellpu­schen zeigen muss, um am Ende gar im unattrak­tiven Kanin­chen­kostüm aufzu­treten. Fröhlich singt sie gewohnt virtuos ihre Kolora­turen, inzwi­schen mühelos, fast spiele­risch, schwatzt unbekümmert sächsisch und gewinnt so mühelos die Herzen der Zuschauer. Das passiert alles, nachdem sich die öffent­liche Meinung längst aus dem Zuschau­erraum heraus einge­mischt hat. Gabriela Kuhn beschimpft den Regisseur, trägt auf der Bühne ein Manifest für das gute, alte Theater vor und bringt sich auch im weiteren Verlauf überzeugend aufmüpfig ein. Ein bisschen blass bleibt David Esteban in seiner Rolle als der berühmte Geiger Orpheus, was aber mehr an der Rolle als an der Darstellung liegt. Hayk Deinyan spielt Jupiter und damit in erster Linie Erich Honnecker. Oder in erster Linie Fliege? Beim Publikum ist sein Auftritt als dicker Brummer der Brüller. Ähnlich wie Intendant Michael Grosse. Der gebürtige Ost-Berliner verkörpert als Hans Styx den ehema­ligen ostdeut­schen Komiker Eberhard Cohrs, dem sein „Rüber­machen“ zum Verhängnis wurde. Von dieser Rander­scheinung hätte man sich mehr gewünscht, weil hier statt Klischee Reflexion statt­findet. Im Hinter­grund bleibt Rafael Bruck als Pluto, der Gott der Unterwelt. Debra Hays, eigentlich Sänger­dar­stel­lerin, muss sich hier als „Margöttin“ bewähren: Ein starker Auftritt. Eva Maria Günschmann gefällt in ihrer Dynamik als Diana. Besonders erwäh­nenswert sind die Mitglieder des Opern­studios Nieder­rhein. Alexander Kalina tritt eher nebenbei als Kriegsgott Mars auf. Valerie Eickhoff bringt als Cupido neben komödi­an­ti­schem Talent vor allem das Kuss-Lied großartig auf die Bühne, unter­stützt vom Chor, der von Michael Preiser gut einstu­diert wurde. Robert North hat die Choreo­grafie der Ballett­ein­lagen übernommen, auf die hier dankens­wer­ter­weise nicht verzichtet wurde. Und so ist auch in dieser Insze­nierung der absolute Höhepunkt der Cancan, der aller­dings nicht mehr die rüschen­be­wehrten Höschen in den Vorder­grund stellt, die es hier auch gibt, sondern strip­pende Männer, die sich schließlich in Unter­hosen in bundes­deut­schen Farben mit angenähten Schwänzchen präsen­tieren. So ändern sich die Zeiten.

Wenn ein Dirigent auf die Idee käme, die Musik Monte­verdis von vier auf zwei Stunden zu kürzen, wäre er vermutlich anschließend seinen Job los, obwohl er der Menschheit damit einen Gefallen getan und Monte­verdi keine Schmerzen zugefügt hätte. Das ist bei Offenbach anders. Hier fühlt sich anscheinend jeder befähigt, Eingriffe in die Musik vorzu­nehmen. Ob das zur gewünschten Profi­lierung der Musik Offen­bachs beiträgt, darf bezweifelt werden. Auch in Rheydt kann man nicht mehr zwischen Original und Erwei­terung oder Kürzung unter­scheiden. Immerhin aber gelingt so ein lebhafter, schmis­siger Abend, den Diego Martin-Extebarria mit den Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­nikern gestaltet, ohne die Sänger dabei außer Acht zu lassen.

Eine Zugabe des Cancans wird von den Zuschauern dankbar mit rhyth­mi­schem Klatschen angenommen, Darsteller, Chor und Orchester werden gefeiert, ansonsten hält sich der Applaus nach fast drei Stunden in Grenzen. Quälend langsam treibt das überal­terte Publikum ins Freie. Hat Horst­kotte Recht gehabt mit der Einschätzung der Zielgruppe. Dass an dem Abend auch eine Schul­klasse zu Besuch ist, lässt hoffen.

Michael S. Zerban

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