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DER RÄUBER HOTZENPLOTZ
(Andreas N. Tarkmann)
Besuch am
28. Oktober 2018
(Premiere)
Entspannt lehnt Intendant Michael Grosse am Geländer am Rande des Foyers. Er erlebt gerade einen der wohl schönsten Momente im Leben eines Theatermachers. Am Sonntagnachmittag ist das Foyer des Theaters Rheydt wie auch das angrenzende Café gefüllt wie ein Bienenstock. Menschen aller Generationen versammeln sich, um gemeinsam ein neues Stück Musiktheater zu erleben. Warum kann es nicht immer so sein?
Na ja, weil man kaum jeden Tag eine der beliebtesten Kindergeschichten der Neuzeit auf die Bühne bringen kann. Die Rede ist von Räuber Hotzenplotz, den Otfried Preußler 1962 erfand, weil er mit Krabat nicht recht weiterkam. Insgesamt entstanden vier Geschichten um den Räuber, die weltweit über sechs Millionen Mal allein als Bücher verkauft und in 34 Sprachen übersetzt wurden. Aus dem ersten Buch hat der Musiker Andreas N. Tarkmann zusammen mit dem Librettisten Jörg Schade eine Kinderoper für sieben Sänger und acht Instrumente komponiert, die 2009 am Theater Aachen zur Uraufführung kam. Jetzt zeigt das Theater Krefeld Mönchengladbach eine eigene Fassung auf der großen Bühne im Theater Rheydt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Katja Bening ist seit 2011 als Regie-Assistentin und Abendspielleiterin in Krefeld und Mönchengladbach beschäftigt. Zuvor studierte sie klassischen Gesang und Musiktheaterregie in Sofia. Am Gemeinschaftstheater hat sie bereits zwei eigene Arbeiten vorgestellt. Nun inszeniert sie also die Kinderoper. An ihrer Seite wirkt Bühnen- und Kostümbildner Heiko Mönnich, der hier sehr naturalistisch, aber wunderbar durchdacht arbeitet. Zunächst versperren vier Stellwände mit Holzbrettern den Bühnenhintergrund. In der linken Wand sind Tür und Fenster von Großmutters Wohnung eingelassen. Später werden die Wände beiseite gefahren und geben den Blick auf die Baumstämme des Waldes frei, ehe die Wände gedreht werden, um so das Treppenhaus des Schlosses von Petrosilius Zwackelmann darzustellen. Vorne links über dem Graben stellt eine Plattform die „Roiberhölle“ von Hotzenplotz dar, wie ein Schild verrät. Wachtmeister Dimpfelmoser schließlich ist mit einem Fahrrad unterwegs, das durch ein auf dem Gepäckträger aufgesetztes Blaulicht als polizeiliches Dienstfahrzeug ausgewiesen ist. Zwar ist Dimpfelmosers Pickelhaube inzwischen einer Dienstmütze gewichen, aber ansonsten sind die Kostüme quasi aus dem Buch abgeschrieben beziehungsweise den Illustrationen Franz Josef Tripps abgeschaut. Ein Sonderlob gibt es für das fantastische Frosch-Kostüm. Benings Handschrift macht sich vor allen Dingen in einer sauberen Personenführung und dem Einsatz theatraler „Zaubereien“ bemerkbar. Da gibt es Zaubertricks von Zwackelmann, der anschließend davonfliegt, ein bisschen Pyrotechnik und einen blinkenden Wunschring. Wunderbar. Da werden Kindheitserinnerungen wach, die einst die lebenslange Faszination am Theater geweckt haben. Nein, altbacken wirkt das in keiner Weise. Dafür sorgen schon die Akteure mit ihrer Spielfreude.

Auch wenn die Figuren von Preußler bewusst holzschnittartig angelegt wurden, bleibt den Darstellern genügend Freiraum, viel Spaß auf die Bühne zu bringen, ohne in Albernheiten zu verfallen. Gesanglich bietet das Stück keine wesentlichen Herausforderungen, so dass es viel Bewegungsfreiheit gibt. Matthias Wippich hat die richtige Statur und eine diebische Freude daran, den Räuber zu spielen. Schon vor Beginn der Vorstellung zeigt er sich vergnügt mit seinem großartigen Hut in Foyer und Café – und trickst da gleich zum ersten Mal den Dimpfelmoser aus. Markus Heinrich spielt den Wachtmeister ein wenig ernsthafter, als Preußler es vorsah, was der Rolle gut bekommt, sorgt dann aber für unfreiwillige Komik, weil er immer wieder mit dem Dienstfahrzeug hadert. Debra Hays hat die Verzweiflung der Großmutter über den Raub der Kaffeemühle gut im Griff und verkörpert die Oma sehr glaubhaft. Da freut man sich gleich mit, wenn die Kaffeemühle endlich wieder da ist und eine noch schönere Melodie spielt als schon zuvor. Die restlichen Rollen sind von Teilnehmern des Opernstudios besetzt. Für das Opernstudio gehört es ja zum Pflichtprogramm, Einsätze bei allem zu übernehmen, was mit Kindern in Zusammenhang steht. In Krefeld und Mönchengladbach geht das insofern völlig in Ordnung, weil die Nachwuchssänger auch tatsächlich nach ihren Fähigkeiten bei großen Produktionen zum Einsatz kommen. In der Premiere sorgt Panagiota Sofroniadou als Frosch und Fee Amaryllis nebenbei noch dafür, dass die Kaffeemühle eine solch wunderbare Melodie produziert. Auch als Fee ist sie ein Augenschmaus und glänzt mit unbekümmertem Spiel. Alexander Kalina als Kasperl und Woongyi Lee als Seppel sitzt gekonnt der Schalk im Nacken.
Vor den Räubereien des Hotzenplotz ist auch Dirigent Andreas Fellner nicht gefeit und muss kurzerhand den Taktstock abgeben. Was der musikalischen Qualität des Abends glücklicherweise keinen Moment schadet. Die Mitglieder der Niederrheinischen Sinfoniker folgen engagiert dem Taktschlag und bemühen sich, die Sänger nicht zu überdecken. Das klappt ganz famos, und so fügt sich auch dieser Bestandteil nahtlos ein, um den Besuchern einen unbeschwerten, heiteren und, ja, unvergesslichen Opernnachmittag zu bescheren.
Nach gut einer Stunde endet das Grundrauschen im Saal, das dadurch entsteht, dass die Kinder gebannt die Vorstellung verfolgen, kommentieren und nachfragen. Herrlich. Eltern, deren Kinder das vierte Lebensjahr vollendet haben, bekommen nun noch eine wichtige Aufgabe für den Rest des Jahres. Sie müssen unbedingt mit ihren Kindern an den Niederrhein reisen, um ihnen ein Erlebnis zu ermöglichen, das unter Umständen ihr künftiges Leben prägen könnte.
Michael S. Zerban