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Foto © Matthias Stutte

Ästhetik pur

LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
2. November 2024
(Premiere am 15. September 2024)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Mönchengladbach

Ästhetik pur – so lässt sich die Neupro­duktion von La Traviata am Gemein­schafts­theater Krefeld Mönchen­gladbach überschreiben.

Regisseur Michiel Dijkema führt Regie und gestaltet das Bühnenbild. Die überwiegend schwarzen, histo­ri­sie­renden Kostüme stammen von Tatjana Ivschina.

Es ist das Marken­zeichen von Dijkema, Regie und Bühnenbild in eigenen Händen zu halten. So sind in den letzten Jahren zahlreiche Produk­tionen an verschie­denen Häusern – auch in der Nachbar­schaft – entstanden, die allesamt für einen großen Augen­schmaus sorgen konnten. Beispielhaft sei in diesem Zusam­menhang auf die Insze­nierung von Salome in Wuppertal, Die Liebe zu den drei Orangen in Koblenz und vor allem auf Schwanda, der Dudel­sack­pfeifer am Musik­theater im Revier hinge­wiesen. Allesamt stimmige, drama­tur­gische Umset­zungen der thema­ti­schen Vorgaben in stimmungsvoll ausge­schmückten Szenerien.

Nun folgt am Theater in Mönchen­gladbach die musika­lische Umsetzung von Dumas’ Kameli­endame durch Giuseppe Verdi, immer noch eines der belieb­testen Reper­toire­stücke des Opern­be­triebs der Gegenwart:

Während der strahlend rote Vorhang zur Ouvertüre langsam den Blick auf die Bühne freigibt, zeigt sich ein überdi­men­sio­naler, gebro­chener Spiegel als zentrales Element, dessen Risse einem Spinnennetz ähneln. Sie versinn­bild­lichen das Schicksal der Edelmä­tresse Violetta und halten der Gesell­schaft im wahrsten Sinne ihre verlogene Moral vor. Sie selbst steht, ihr Spiegelbild betrachtend, als fragile Erscheinung vereinsamt in Vorweg­nahme ihres eigenen Schicksals auf leerer Bühne.

Foto © Matthias Stutte

Erst als der riesige Spiegel sich leicht hebt, ergießt sich die Festge­sell­schaft unter ihm hindurch auf die Bühne, und das drama­tische Spiel nimmt seinen Verlauf. Dabei werden die verschie­denen Stimmungen der Protago­nisten durch effektvoll wechselnde Farbver­läufe in Szene gesetzt. Während Violetta zur Ouvertüre noch vor einem kühlen, schwarz-weißen Hinter­grund steht, wird der gesamte Bühnenraum mit Einlass der geladenen Gäste durch die Spiegel­re­fle­xionen in ein strahlend blaues Licht getaucht. Langsam wandeln sich die Farbge­bungen im Laufe des ersten Aktes entlang der Bruch­kanten des Spiegels von einem zarten Rosé hin zu tiefem Rot. Die stimmungs­volle Licht­regie ist ein beson­deres Marken­zeichen der Produk­tionen von Dijkema und auch an diesem Abend einfühlsam und faszinierend.

Während der große, gebro­chene Spiegel im Bühnen­hin­ter­grund als zentrales Motiv mit seinen wechselnden Facetten die Bilder des ersten und zweiten Aktes bestimmt, werden die gleißenden Farbver­läufe im dritten Akt mit dem Absenken eines schwarzen Vorhangs jäh unter­brochen. Der nun entste­hende enge und extrem reduzierte Bühnenraum ist der Ort des finalen Geschehens, in dem Violetta, ganz auf sich zurück­ge­worfen, die Handlung nur noch als fiebrige Traum­se­quenz zu erleben scheint.

Das durch­schim­mernde Material des schwarzen Gazevor­hangs gewährt für einen Moment einen schemen­haften Rückblick in das fröhlich-verruchte Treiben der Pariser Gesell­schaft. Brennende Fackeln lodern, schemenhaft bewegen sich die Körper zu bacchan­ti­schen Klängen der Musik. Auf ihrem Sterbebett vernimmt die dahin­sie­chende Violetta die Stimmen Alfredos und seines Vaters aus dem Orches­ter­graben nurmehr als Vision. Auf der Bühne treten sie nicht in Erscheinung. Nachdem Violetta bereits zu Beginn des letzten Aktes die ihr noch treu ergebene Annina fortge­schickt hat, bleibt sie einsam und verängstigt ihrem ausweg­losen Schicksal überlassen. Der sonst final prägende, herzzer­rei­ßende Abschied der Titel­figur in den Armen Alfredos gerät zu einem bedin­gungs­losen Ende in bedrü­ckender Leere.

Foto © Matthias Stutte

Dieser ungewöhn­liche, aber eindring­liche Regie-Coup zum Schluss der Insze­nierung macht den boden­losen Fall der einst selbst­be­stimmten Kurtisane Violetta Valéry, nun gnadenlos abgestraft von fremd­be­stimmten Zwängen und Erwar­tungen, besonders deutlich.

Musika­lisch und darstel­le­risch steht Sophie Witte mit lyrischem Sopran als Violetta unein­ge­schränkt im Mittel­punkt des Abends. Die Besetzung der Rolle entscheidet über Erfolg und Misserfolg – und die Erwar­tungen werden am Gemein­schafts­theater nicht enttäuscht. Kolora­tur­sicher vermag Witte allen Ansprüchen der Partie im Wesent­lichen zu entsprechen. Besonders beein­dru­ckend ist die Darstellung der Fragi­lität und Verwund­barkeit im Faden­kreuz der gesell­schaft­lichen Konven­tionen. An ihrer Seite steht Woongyi Lee als Alfredo mit wunderbar timbrierter Stimme, die besonders in der Mittellage sehr anspricht. In den Höhen fehlt es zuweilen noch etwas an Strahl­kraft, doch insgesamt eine veritable stimm­liche Leistung, die mit inten­sivem Spiel­einsatz den Erfolg des Abends begleitet.

Johannes Schwärsky als Vater Germont mit sonorem Bariton komplet­tiert den von Regisseur Dijkema gewählten engen Fokus auf die drei Haupt­fi­guren souverän.

Alle anderen Sänger sind ebenfalls gut besetzt, gehen drama­tur­gisch weitgehend im Ensemble der Pariser Gesell­schaft auf und runden den positiven Gesamt­ein­druck der Insze­nierung ab. Eva Maria Günschmann als Flora, Annina Heßling als Annina, Arthur Meunier als Gastone und Rafael Bruck als Marquis von Obigny tragen im Beson­deren zu einer überzeu­genden Ensem­ble­leistung bei.

Überragend der Chor des Gemein­schafts­theaters, der in beacht­licher Größe ungemein nuanciert und stimm­ge­waltig auftritt, die musika­lische Seite der Produktion entscheidend mitprägt und auch darstel­le­risch kompro­misslos die Abgründe der Pariser Gesell­schaft bebildert.

Unter der musika­li­schen Leitung von Mihkel Kütson formen die Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­niker einen präzise aufspie­lenden Klang­körper, der ausge­sprochen engagiert Verdis Partitur ausge­staltet und damit den nachhal­tigen Gesamt­ein­druck bedingt.

Es ist aber insbe­sondere die Macht der Bilder, die an diesem Abend den Erwar­tungen an das Gesamt­kunstwerk Oper gerecht wird und den großen Applaus des Publikums im sehr gut besuchten Theater Mönchen­gladbach verdient.

Bernd Lausberg

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