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VOYAGES NATURELS
(Diverse Komponisten)
Besuch am
20. September 2024
(Einmalige Aufführung)
Niederrhein-Musikfestival, Kirche Wickrathberg, Mönchengladbach
Zum Abschluss darf es in jeder Hinsicht etwas Besonderes sein. Findet Anette Maiburg, künstlerische Leiterin des Niederrhein-Musikfestivals, und lädt zum Abschlusskonzert des diesjährigen Festivals zwei Meister ihres Fachs an einen beeindruckenden Spielort ein. Inmitten eines eher unscheinbaren Mönchengladbacher Stadtteils liegt die Kirche Wickrathberg, ein Juwel der Kirchenbaukunst. Der sakrale Bau aus dem 11. Jahrhundert gilt als das am besten erhaltene Kirchengebäude am linken Niederrhein und älteste Kirche im Mönchengladbacher Stadtgebiet. Von außen eher unscheinbar, entwickelt die Kirche ihre ganze Schönheit im Innenraum. Ganz in weiß gehalten, verleihen Rokoko-Verzierungen in Form goldener Ranken dem Raum schlichte Eleganz. Die Patronatsloge, gerne Grafenstuhl genannt, ragt mächtig in das Kirchenschiff hinein, wirkt aber eher anheimelnd wie ein falsch herum eingebauter Wintergarten. Kristallene Lüster verbreiten ein anheimelndes Licht. Hier kann man sich wohlfühlen, um seinem Gott näherzukommen und seiner Gnade zu überlassen. Der Altarraum ist geräumt und bietet eine schöne Bühne, wenn auch zahlreiche Säulen die Sicht einschränken. Aber so richtig stört das keinen der zahlreichen Besucher, die sich in enge Bankreihen zwängen.

Obwohl er – neben zahlreichen anderen Wettbewerbserfolgen – den ersten Preis beim ARD-Musikwettbewerb gewonnen hat, kennt man ihn in Deutschland kaum. Außer beim Niederrhein-Musikfestival, wo er seit vielen Jahren immer wieder auftritt. Seine Karriere als Solo-Harfenist spielt sich allerdings eher in Frankreich und Amerika ab. Dort ist Emmanuel Ceysson umso bekannter. Als Solist war er in allen namhaften Konzertsälen zuhause. Heute ist er als Harfenist beim Los Angeles Philharmonic beschäftigt, wo er sich gegen 70 Mitbewerber im anonymisierten Vorspiel durchsetzte. Wenn allerdings Freundin Anette ruft, reist er schon mal von LA nach Paris, um seine eigens für ihn angefertigte, markant rot bemalte Harfe in den Transporter zu packen und nach Wickrathberg zu fahren. Auch das zeichnet das Niederrhein-Musikfestival aus. Musiker von Weltrang reisen in die niederrheinische Provinz, um dort an vergleichsweise kleinen Spielstätten aufzutreten, als sei es das Normalste und Vergnüglichste auf der Welt.
Unter dem Titel Voyages naturels, was man vielleicht am ehesten mit Reisen zur Natur übersetzen könnte, haben die beiden Musiker ein Programm zusammengestellt, das den Abschluss des diesjährigen Festivals würdigt. Zur visuellen Unterstützung haben sie die Tänzerin Chiara Jovy eingeladen. Die hat in Mannheim studiert, war an der Deutschen Oper am Rhein beschäftigt, ehe sie sich für eine freiberufliche Tätigkeit als Tänzerin und Tanzpädagogin entschied. Für das Abschlusskonzert hat sie eigene Choreografien entwickelt und einstudiert.

Nach einer lieblich gespielten Einführung mit Claude Debussys Nuit d’Etoiles – Sternennacht – für Harfe und Querflöte, geht es mit himmlischen Klängen ins Boot. Zu Debussys En bateau zeigt Jovy ihr Spiel mit einem Seidentuch. Ein gelungener Auftakt. Ceysson führt etwas handfester in die Bandbreite des Harfenspiels mit der Komposition des Harfenisten Albert Zabel Am Springbrunnen. Mit Maiburg präsentiert er die Suite en duo von Jean Cras, einem bretonischen Komponisten und Konteradmiral. Da geht es allerdings weniger militärisch als viel eher tänzerisch zu. Erfrischend schwungvoll werden die vier Sätze interpretiert, die durch extravagante Tonfolgen ständig neue Aufmerksamkeit erregen. Nach Robert Schumanns Nussbaum aus dem Liederkreis Myrthen, der ein wenig blass daherkommt, darf Jovy zu Franz Schuberts Forelle mit einem Fisch tanzen, der in der Größe allerdings eher an einen Karpfen erinnert. Ein hübscher Spaß.
Auch bei diesem Konzert sorgt ein Förderer dafür, dass die Gäste in der Pause mit Getränken versorgt werden. Zum festlichen Anlass beschränkt man sich diesmal auf Wein und Wasser. Und so kann das Publikum sich frisch gestärkt wieder auf Claude Debussy einlassen. Nach der Arabesque No. 1 hat Jovy zu Syrinx für Flöte solo und Tanz einen weiteren großen Auftritt – im dritten und glanzvollsten Kostüm. Ceysson begeistert anschließend mit Alphonse Hasselmans‘ La source – Die Quelle – ehe Maiburg sich wieder dazugesellt, um Joseph Kosmas Autumn Leaves, also die Herbstblätter, zu Gehör zu bringen. Eines der schönsten Stücke des Abends kennt man eigentlich nur vom Klavier. Der Vogel als Prophet aus den Waldszenen von Robert Schumann gewinnt bei Flöte und Harfe enorm. In der Interpretation von Maiburg und Ceysson fühlt man sich eher an ein italienisches Liebeslied erinnert, das man gern an der Costiera Amalfitana in Abendstimmung genießt.
Mit der Panflöte, einem dreisätzigen Werk von Jules Mouquet, wird es fast geheimnisvoll, während die Flöte mit Staccatos und Trillern für Aufmerksamkeit sorgt. Dass das Trio dann zur Zugabe kommt, ohne dass Maiburg ein paar Worte des Abschieds oder wenigstens der Vorfreude auf das kommende Jahr findet, ist ein klitzekleiner Wermutstropfen, der von Franz Schubert mit seinem Ständchen aus dem Schwanengesang aufgefangen wird. Ein letztes Mal bewegt sich Jovy anmutig zu den Klängen von Maiburg und Ceysson, dann beendet noch einmal rauschender Applaus ein wunderbar farbenreiches Konzert, das in einer gelungenen Mischung aus bekannten und weniger bekannten Komponisten für viel Abwechslung sorgt. So wird man das Niederrhein-Musikfestival in seiner diesjährigen Ausgabe in mehr als guter Erinnerung behalten.