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STRENGT EUCH AN, TAG 2
(Tim Isfort et al.)
Besuch am
8. Juni 2019
(Verschiedene Aufführungen)
Moers-Festival, Festivalhalle, Festivaldorf, Schlosstheater
Sonnig und bewölkt, Temperaturen knapp unter 20 Grad. Schön wäre, wenn die Wettervorhersage für den zweiten Tag des Moers-Festivals unter dem Motto Strengt euch an! stimmte. Wer sich nämlich ganz und gar nicht anstrengt, ist das Wetter am Niederrhein. Permanente Regenschauer, eine kräftige Brise und Temperaturen, die kaum über die 17 Grad hinausreichen, sorgen dafür, dass die Festivalleitung zum Krisenmanagement wird. Das Team um den Künstlerischen Leiter Tim Isfort bekommt also wenig Gelegenheit mitzufeiern, sondern muss sämtliche Alternativpläne aus der Schublade ziehen, was Open-Air-Veranstaltungen angeht, die ja eigentlich das Salz in der Suppe eines solchen Festivals sind. Das gelingt vorbildlich. Und wer als Besucher in den vollen Genuss der guten Planung kommen will, ist gut beraten, die App zum Festival auf sein mobiles Telefon zu laden. Denn dort pflegt der Freiwillige Lennart Fischer regelmäßig und zeitnah alle Veränderungen im Spielplan ein. Großes Lob auch für dieses zeitgemäße Engagement. Dass es trotzdem Pannen gibt, wird sich erst später zeigen.

Bereits seit elf Uhr am Morgen geht das Festival weiter. Bei den Moers Sessions finden sich verschiedene Künstler in ungewöhnlichen Formationen zusammen, um neue Musik zu kreieren. Im eher familiären Kreis kommen die Besucher hier in einen besonderen Hörgenuss. Auch die Diskussionen, heute am Mittag zum Thema Heimat-Variationen, gehören zu den ursprünglichen Programmpunkten, die das Festival von anderen abhebt. Und schließlich gibt es ebenfalls am Vormittag bereits Veranstaltungen in der Rubrik moersify – das sind Konzerte, die an ungewöhnlichen Spielstätten im Stadtkern stattfinden und das Festival noch stärker in die Stadt einbinden sollen.
Wir steigen am frühen Nachmittag wieder im Festivaldorf an der Außenbühne in das Geschehen ein. Hier gibt es – noch ehe die Sonne bis zum späten Abend in Pause geht – Spatzenschwatzen von der Gruppe Weltenentdecker. Dahinter verbirgt sich die Sängerin Nadja Karasjew, die mit Tobias Sykora am Cello und Laura Hiller an der Gitarre fröhlich-frische Kinderlieder zum Besten gibt und mit mehr oder weniger Erfolg versucht, die Kinder vor der Bühne zum Mitmachen zu bewegen. Dann aber steht der Nachmittag im Zeichen der Improvisation. In der Festivalhalle tritt Emilio Gordoas Move-Quintet an. Zur Erinnerung: Gordoa ist der diesjährige improviser in residence. Unter seiner Ägide treten Sopransaxofonist Harri Sjöström, Achim Kaufmann am Klavier, Bassist Adam Pultz Melby und Dag Magnus Narversen als Schlagzeuger an, um ihr Improvisationsvermögen unter Beweis zu stellen. Die Halle ist deutlich besser besucht als am Vortag, und so fällt der Applaus entsprechend stärker aus. Vergleichsweise gut besucht ist auch die nächste Aufführung, die wiederum auf der Außenbühne im Festivaldorf gezeigt wird.

Pünktlich setzt der Regen ein, als Thiago França, der am Vorabend bereits als Tenorsaxofonist und Flötenspieler begeisterte, in Begleitung des Bassisten Marcelo Cabral, des Gitarristen Rodrigo Campos und des Schlagzeugers Thomas Harres sein Sambanzo zu Gehör bringt. Da klingen vielversprechend die Samba und der Tanz im Titel mit. Und genau da liegt die Stärke des Projekts. Von den Samba-Einflüssen gibt es allerdings zu wenig zu hören. Trotzdem bleiben die Besucher hartnäckig bis zum Ende der Aufführung im Regen stehen, in den sich ein kalter Wind mischt. Da ist es gut, wieder in die von Scheinwerfern aufgeheizte Festivalhalle zu kommen. Hier bittet Isfort die Fotografen um die nötige Zurückhaltung. Tatsächlich erweisen sich die allmählich als Plage. Kaum erlöschen die Saallichter, strömen zehn bis fünfzehn Fotografen an den Bühnenrand, um dort hartnäckig den Zuschauern die Sicht zu versperren. Natürlich sind Bilder für eine vernünftige Berichterstattung unerlässlich. In Moers entsteht allerdings eher der Eindruck, Teilnehmer eines Foto-Events zu sein, bei dem sämtliche Hobby-Fotografen des Niederrheins ihr Stelldichein geben. Profis verhalten sich extrem unauffällig und ziehen sich schnell zurück, wenn sie ihr Material gesichert haben. Davon ist in Moers nichts zu erkennen. Hier wird man für die Zukunft über die Akkreditierungspraxis nachdenken müssen. Geradezu trotzig gehen die Fotografen nach der Bitte Isforts wieder in Stellung, als das Global Improviser Orchestra die Bühne betritt.
Der Auftritt der gemischten Formation wird einer der Höhepunkte des zweiten Festivaltages. Musiker aus neun Ländern kommen zusammen, um den Besuchern die ganz große Improvisation zu Gehör zu bringen: Valentin Garvie an der Trompete, Jan Klare am Altsaxofon, Bex Burch zeigt noch einmal die Stärken der Gyil, Sein Hla Myaing trommelt, Owen Gardner spielt die Gitarre, Pieter Theuns die Theorbe, Yegor Zabelov zeigt, was alles in einem Akkordeon steckt, Andrea Taeggi steuert die elektronischen Klänge bei, Luke Stewart traktiert mit ungewöhnlichen Griffkombinationen seinen Bass und Mariá Portugal entzückt an den Schlaginstrumenten. Größte Begeisterung entsteht beim Solo von Myaing, der 21 hufeisenartig angeordnete Trommeln aus Burma händisch bearbeitet.

Der letzte Besuch des Tages führt in das Schlosstheater Moers. Dorthin ist die Aufführung des Angelika Niescir New York Trio verlegt worden. Und hier klafft die Lücke im System. Der Auftritt wird wegen schlechten Wetters in das Theater verlegt. Und dann werden die Besucher wortwörtlich im Regen stehengelassen. Nicht nur, dass der Einlass erst fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung vorgesehen ist, verzögert er sich auch noch um zehn Minuten. Da hat jemand deutlich gepennt und die Besucher vor lauter Veranstalterehrgeiz nicht mehr gesehen. Schließlich sitzen aber doch alle in dem gemütlichen Theater, das bis zum letzten, zusätzlich bereitgestellten Sitzplatz besetzt ist. Die Stühle sind tribünenartig angeordnet, so dass keiner Angst vor dem Sitzriesen vor ihm haben muss. Die Anzahl der Scheinwerfer lässt auf vielfältige Beleuchtungsmöglichkeiten schließen. Davon wird an diesem Abend kein Gebrauch gemacht. Im Standardlicht treten Angelika Niscier am Altsaxofon, Chris Tordini am Bass und Gerald Cleaver am Schlagzeug an, um insbesondere die Virtuosität der Saxofonistin zu zeigen. Tempo, Fantasie und Themenvielfalt begeistern hier das Publikum. Auch hier vergeht die Zeit im Flug, aber Niscier verspricht für den kommenden Tag einen weiteren Auftritt.
Das Festival geht mit durchweg interessanten Angeboten, teilweise gnadenlos konkurrierend, noch bis tief in die Nacht hinein. Und der nächste Tag wartet schon.
Michael S. Zerban