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Foto © O-Ton

Beethoven zum Einstieg

Am ersten Festival-Tag heißt es vor Ort erst mal, sich in gänzlich ungewohnte Abläufe einzu­fügen, mit dem eigenen Unbehagen auszu­kommen und den Gedanken aufzu­lösen, hier schlicht einer Fernseh­auf­zeichnung beizu­wohnen. Das geht auch den Festival-Mitar­beitern kaum anders, obwohl die sich eigentlich freuen können. Schließlich erreicht das Festival mehr Menschen weltweit, als es vor Ort jemals möglich wäre.

Foto © O‑Ton

Lange hatte das Organi­sa­ti­onsteam um den künst­le­ri­schen Leiter Tim Isfort gezögert, das diesjährige Moers-Festival abzusagen. Erst spät wurde klar, dass ein Festival möglich sein könnte, das es so – jeden­falls in Moers – noch nicht gegeben hat. Und im Endspurt konnte schließlich noch erreicht werden, dass wenigstens Vertreter der Presse am Geschehen vor Ort teilnehmen können. Denn eines stand recht früh fest: Das Publikum muss in diesem Jahr draußen bleiben. Keiner der Verant­wort­lichen wollte damit berühmt werden, am Ende eine Hochburg des Corona-Virus gebaut zu haben. Und damit war auch die Strategie vorge­geben. Die Musiker treten in der Moerser Event­halle live und unter echten Konzert­be­din­gungen auf – für sie glaubt man, sicher­stellen zu können, dass keiner von ihnen einem erhöhten Infek­ti­ons­risiko ausge­setzt werden wird – während die Zuschauer das Geschehen in der Halle live und in Farbe am heimi­schen Monitor verfolgen können und so ebenfalls gesund bleiben, jeden­falls, so weit es das Festival angeht. Möglich wurde das, weil Arte Concert in Kopro­duktion mit dem Fernsehen des Westdeut­schen Rundfunks Livestreams zusagte.

Unter den Vorzeichen „strenger Auflagen“ muss man dem Festival schon im Vorfeld jeden Faux pas verzeihen. Aber anstatt sich darauf auszu­ruhen, haben die Organi­sa­toren wirklich alles unter­nommen, um die Veran­staltung „viren­sicher“ zu gestalten. Fast alle Wege sind als Einbahn­straßen einge­richtet, allüberall finden sich Desin­fek­ti­ons­mit­tel­spender, zusätz­liche Ordner sind bestens instruiert und nehmen ihre Aufgaben gewis­senhaft wahr. Dabei sollen die Gäste so wenig wie möglich einge­schränkt werden. Zwar gibt es Stühle für die Presse­ver­treter, aber sie dürfen sich frei bewegen. In allen geschlos­senen Räumen gilt Masken­pflicht. Wie blödsinnig die ist, zeigt sich auch hier alsbald ebenso sicher wie in jedem Super­markt. Die Träger wähnen sich in Sicherheit und setzen Regel Nummer eins außer Kraft, nämlich, Abstand zu halten. Das ist menschlich. Und weil die Infek­ti­ons­zahlen seit Wochen rückläufig sind, muss man dem vielleicht auch nicht ganz so viel Bedeutung zumessen. Das Festival jeden­falls hat nicht mit Warnhin­weisen gespart. Auch die Neuein­richtung der Halle macht Sinn. Vor der großen Tribüne, auf der sich sonst die Zuschau­er­mengen tummeln, ist ebenerdig eine kleinere Bühne einge­richtet, ihr gegenüber ist eine größere Bühne abgegrenzt, auf der auch Plexiglas-Wände für Bläser vorge­sehen sind. Im Mittelraum befinden sich die Technik-Stationen und im Hinter­grund eine Green­screen-Wand. Denn trotz der Krise will auch diese Festival-Ausgabe nicht auf kleinere Gimmicks in Form von Projek­tionen verzichten. Im Foyer gibt es zudem noch ein Studio für Inter­views mit den Künstlern.

Nach den Auswüchsen im vergan­genen Jahr hat sich das Festival bemüht, den massen­haften Zustrom von Fotografen dieses Mal zu begrenzen. Das ist nur mäßig gelungen, wieder sind die Fotografen in der Überzahl. Sie werden gleich zu Beginn darauf hinge­wiesen, dass Pianist Chilly Gonzales nicht fotogra­fiert werden darf. Später wird man den Musiker im Interview erleben und erstaunt sein, dass er dieser unfreund­lichen Geste fähig ist. Zumal jeder einzelne Zuschauer daheim in der Lage ist, beliebig viele Bildschirm­fotos anzufer­tigen. Aber auch die Fotografen, die ja gerade mit diesen Fotos ihr Geld verdienen, lassen sich von solch unüber­legten Wünschen die Laune nicht verderben. Und unter­lassen auch jede Diskussion über das deutsche Presserecht.

Foto © O‑Ton

Statt­dessen stürzen sich die Bildre­porter auf das Eröff­nungs­konzert, das von The Dorf gespielt wird. The Dorf ist eine Band, die 2006 von Jan Klare gegründet wurde, sich dem Jazz, Krautrock und experi­men­teller Musik verpflichtet fühlt. Rund 25 Musiker treten auf die Bühne, um fulmi­nante Auftritte zu absol­vieren. Im Beethoven-Jahr soll es denn auch „Beethoven-Musik“ sein. Und so gibt es die Fünfte Symphonie – so weit die Theorie und wirklich sind auch hier und da Motive und Themen erkennbar. Als Freund klassi­scher Musik wird man sich mit dieser Inter­pre­tation schwerlich anfreunden können. Als Jazzer und Anhänger von Impro­vi­sation mag das anders sein. Da gibt es einiges zu entdecken, auch wenn vieles einfach im Lärm untergeht. Sorgsam wird der Auftritt zweier Schlag­werke, einer Bläser­gruppe, von Strei­chern und mehreren E‑Gitarren und ‑Bässen sowie einer mensch­lichen Stimme, die so gut wie nicht hörbar ist, von den Kameras verfolgt, und vermutlich wird man später von einem eindrucks­vollen Konzert sprechen.

Das ist aller­dings so ohren­be­täubend laut, dass der nachfol­gende Auftritt auf der kleineren Bühne nahezu untergeht. Es dauert eine Weile, bis man für die leise Virtuo­sität des Auner-Quartetts, das eigens aus Wien angereist ist, wieder ein Gehör entwi­ckeln kann. Und so geht das Streich­quartett Heiliger Dankgesang Beethovens zwischen dem Rückgewinn von Konzen­tration und dem zunehmend schwerer werdenden Atem unter der so genannten Community-Maske nahezu unter. Im zweiten Teil des Auftritts kommen Streicher des Landes­ju­gend­or­chesters NRW hinzu, um die Bagatellen von Beethoven zu inter­pre­tieren. Dazu bedarf es weniger der Virtuo­sität denn der Präzision. Und die liefern die jungen Musiker grandios. Ein wunder­barer Auftritt, auch wenn er nicht so recht in den Kontext des Festivals passen will. Aber Gratu­lation an die Programm­ver­ant­wort­lichen, dass sie den Mut aufge­bracht haben. Eine echte Bereicherung.

Kurz darauf bleibt es thema­tisch angeblich bei Beethoven. In nine for three liefert Wolfgang Mitterer Arran­ge­ments ab, die auf den Symphonien des Jubilars fußen sollen. Vergisst man die thema­tische Angabe mal, bekommt man mit der Unter­stützung von Herbert Pirker am Schlagzeug und Wolfgang Puschnig mit Saxofon und Querflöte großartige Musik geliefert, die von elektro­ni­schen Einspie­lungen am Flügel unter­stützt wird.

Der Abend geht noch lange weiter. Für die Zuschauer an den Bildschirmen dieser Welt. In der Halle spielt sich so etwas wie Routine ein. Trotzdem, die Zuschauer fehlen. Mehr als das Gefühl, an der Aufzeichnung einer Fernsehshow teilzu­nehmen, will sich nicht einstellen. Und wo war Miss UniMoers? Diese fiktive Gestalt, die das Festival mitge­stalten soll, erwacht in der Halle nicht zum Leben. Es gilt also noch einiges zu entdecken in den nächsten Tagen.

Michael S. Zerban

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