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Foto © O-Ton

Neue Routine

Am zweiten Festival-Tag ist in der Halle so etwas wie routi­nierte Ruhe und auch ein wenig Ungehorsam einge­zogen. Die Menschen an den Bildschirmen halten sich mit der gewünschten Inter­aktion arg zurück. Und wie die Aktivi­täten des Festivals in der Stadt angenommen werden, muss sich erst noch zeigen.

Foto © O‑Ton

Bleierne Stille lastet auf dem Parkplatz vor Eishalle, Event­halle und Schwimmbad. Da, wo in anderen Jahren das Festival-Dorf ein buntes Treiben beher­bergte, stehen jetzt Autos. Nur wenig deutet darauf hin, dass an diesem Ort überaus etwas statt­findet. Selbst in der Eishalle, die zu Festival-Zeiten als Catering-Platz, Rückzugsort für die Künstler und Presse­zentrum dient, ist erstaunlich wenig los. Die Journa­listen werden jetzt, am zweiten Tag, dazu verpflichtet, Melde­zettel auszu­füllen. Als ob hier ein Presse-Vertreter vorbeikäme, der sich nicht im Vorfeld angemeldet hätte und also dessen Adresse längst bekannt wäre. Es lebe die deutsche Gründ­lichkeit. Mit New Ways to Fly, dem diesjäh­rigen Festival-Motto, hat das weniger zu tun. Der Hang des Deutschen zum Formular ist wohl so alt wie Deutschland selbst.

In der Halle selbst herrscht am Nachmittag entspanntes Treiben. Von Miss UniMoers ist nichts mehr zu sehen außer ein paar Projek­tionen. Das Spannendste ist der Moment, wenn die Sende­lei­terin das Signal zum Beginn des Auftritts gibt. Die Fotografen verfallen in alte Muster und kommen gar nicht dicht genug mit ihren Tele-Objek­tiven an die ebenerdige Bühne heran. Offenbar müssen zwanghaft auch die Nasen­haare der Schlag­zeuger noch im Bild erkennbar sein. Auch der Rüffel des Aufnah­me­leiters nach dem ersten Auftritt hilft nur kurzzeitig.

Den musika­li­schen Auftakt gestalten debacker – zwißler – hübsch – nilesen. Die in Belgien geborene Marlies Debacker hat sich nach ihrem Studium in Köln und Essen auf das zeitge­nös­sische Klavier mit all seinen Spiel­arten kapri­ziert, gern, wie auch in Moers, ergänzt um Keyboards. Dabei zieht sie sich auf puris­tische Klänge und Akkorde zurück, die sich ideal in die 40-minütige Impro­vi­sation der Band einfügen.

In den Pausen werden sämtliche Außen­türen geöffnet, um so für Belüftung zu sorgen. Ob das irgend­einen Effekt auf ein mögli­cher­weise vorhan­denes Virus hat, weiß niemand, aber tatsächlich scheinen die Infek­tionen in geschlos­senen Räumen mit vielen Menschen häufiger aufzu­treten als an der frischen Luft. Nicht von ungefähr gibt es geflü­gelte Wort von der frischen Luft, die noch niemandem geschadet habe.

Erfri­schend ist auch das 20-minütige Impro­vi­sa­ti­onssolo von Wolfgang Puschnig, der mit Saxofon und Querflöte sein Moers Revisited intoniert. Man darf den Mann wohl getrost als Legende des öster­rei­chi­schen Jazz bezeichnen. Lässt er in der Green Box zunächst tonlos die Luft ins Saxofon strömen – so wird er beispiels­weise auf das Kitz proji­ziert, was aber mehr Gimmick als sinnstif­tende Idee ist – bedient er beide Instru­mente auf der Kleinen Bühne in gewohnter Perfektion. Auf dem Festival gehört er zu den wenigen, die zeigen, dass Impro­vi­sa­tionen auch gelingen können, ohne das Instrument zweckzuentfremden.

In der nächsten Belüf­tungs­pause baut das Ensemble Ventil seine Instru­mente auf der Großen Bühne auf. Im Vorder­grund der Gruppierung steht Ute Wassermann, die der mensch­lichen Stimme immer wieder ungewöhn­liche Aspekte entlockt und diese mit Vogel­pfeifen verstärkt. Im Zusam­men­klang mit Erhard Hirt, Stefan Keune, Hans Schneider und Birgit Uhler entsteht hier in 45 Minuten ein medita­tiver Klang, der zwar die Fotografen nicht inter­es­siert, die sich folge­richtig verkrümeln, aber zum ersten Mal vergessen lassen, dass hier lediglich ein Konzert aufge­zeichnet wird.

Wenn man in diesen Tagen eines lernen kann, dann ist es die Bedeutung des Publikums durch seine Abwesenheit. Und umso zwingender wird die Notwen­digkeit, die Konzert- und Theatersäle wieder zu öffnen. In Nordrhein-Westfalen lassen die Tonhalle Düsseldorf, die Kölner Philhar­monie, das Konzerthaus Dortmund und die Philhar­monie Essen in diesen Tagen zaghaft wieder Miniatur-Publika in die Säle. Auf die Wirkung solcher Maßnahmen will sich aber niemand so recht verlassen und so scheint sich das Hybrid-Modell bei allen Insti­tu­tionen zu etablieren: Ein paar Menschen dürfen in die Konzertsäle, der Rest bekommt Gelegenheit, das Geschehen im Internet mitzu­ver­folgen. Ein Begriff, den man sich nicht zu merken braucht, denn er wird uns wohl noch lange begleiten.

Inwieweit die Bürger von Moers in diesem Jahr das Festival, das sonst das Geschehen in der Stadt am Pfingst­wo­chenende bestimmt, zur Kenntnis nehmen, bleibt unklar. Aber Tim Isfort und sein Team haben Möglich­keiten geschaffen, dass man das Festival auch unter freiem Himmel wahrnehmen kann. So gibt es an allen vier Tagen ein kleines Programm mit Solo-Einlagen und Trio-Auftritten am Schloss und im Park. Und während das zweite Parkkonzert am frühen Abend sein Ende findet, können die Zuschauer an den Bildschirmen die Aufzeich­nungen aus der Event­halle noch bis spät in die Nacht hineinverfolgen.

Michael S. Zerban

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