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Konfliktpotenzial gut erkannt

DIE POLIZEY
(Anna-Elisabeth Frick)

Besuch am
30. Oktober 2021
(Urauf­führung)

 

Schloss­theater Moers

Damit hat kein Kultur­schaf­fender gerechnet: In den Theatern, Konzert- und Opern­häuser bleiben die Plätze leer. Der große Ansturm ist nach Wieder­eröffnung der Insti­tu­tionen ausge­blieben. Es ist viel bequemer, zu Hause auf dem Sofa Serien zu schauen. Und billiger ist es auch, was angesichts der Kosten­ex­plosion nicht zu verachten ist. Überdies fühlt sich ohnehin keiner mehr angesprochen, wenn die Kulturwelt ihre eigene Sprache erfindet, in der es nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Geschlech­ter­fragen zu gehen scheint. Ein Thema, das übrigens auch die Chefideo­logen der Tages­zei­tungen angehen wird, wenn ihnen die Abonnenten wegbleiben. Bis dahin fordern Sie die verblie­benen Leser – ohne Erfolg – dazu auf, doch wieder in die Theater zu gehen. Um dem Publi­kums­schwund entge­gen­zu­wirken, hat der Regio­nal­verband Ruhr die Ruhr-Bühnen ins Leben gerufen, „das Theater­netzwerk der Metropole Ruhr“, das sogar eine eigene Website spendiert bekommen hat. Und die Ruhr-Bühnen treten nun mit einer konzer­tierten Aktion an das Publikum heran. Zehn x Freiheit wird ein Theater­wo­chenende überschrieben, bei dem die Besucher theore­tisch die Möglichkeit bekommen, an zwei Tagen vier verschiedene Auffüh­rungen zu sehen. Ob das jemanden inter­es­siert, der gerade keine Lust hat, ins Theater zu gehen, wird man sehen müssen.

In diesem Zusam­menhang bietet das Schloss­theater Moers, nach eigenem Bekunden das kleinste Stadt­theater Nordrhein-Westfalens, die Aufführung des Fragments Die Polizey von Friedrich Schiller in einer Textfassung von Anna-Elisabeth Frick an. Nachdem mangels Nachfrage die Abend­ver­an­staltung bereits gestrichen wurde, finden sich am Nachmittag etliche Presse­ver­treter ein, die helfen, die Stühle zu besetzen, so dass in dem kleinen Theater die Atmosphäre stimmt. Die Guckkas­ten­bühne hat Martha Pinsker aufgelöst. Statt­dessen sitzen die Besucher in zwei Reihen jeweils entlang eines Ganges, der mit einem grünen Belag gekenn­zeichnet und mit allerlei Stuhlwerk vollge­stellt ist. Einige Mikrofone hängen an den Seiten des Laufstegs herab. Am Kopfende, also neben dem Eingang, ist ein Schreib­tisch im Stil der 1970-er Jahre aufgebaut. Ein paar Wählscheiben-Telefone sind zusätzlich drapiert. In Spinden, die zwischen den Zuschau­er­stühlen aufgebaut sind, können sich die Darsteller an Kostümen bedienen, die ebenfalls Pinsker entwi­ckelt hat und die verschie­denen Rollen verdeutlichen.

In diesem Umfeld will Frick vom Konflikt­po­tenzial der Ordnungs­macht Polizei damals und heute erzählen. Einer­seits soll sie für jeden Bürger die größt­mög­liche Freiheit bewahren und den Bürger dabei nicht beläs­tigen, anderer­seits soll sie für den gleichen Bürger ein Höchstmaß an Sicherheit gewähr­leisten. Damit das funktio­niert, ist innerhalb des Polizei­ap­parats ein hoher Organi­sa­ti­onsgrad notwendig, den man früher allein durch Hierarchie zu erreichen können glaubte, und anderer­seits klare politische Vorgaben, die sich in dezidierte Vorschriften ergießen. Weil es in der Polizei­arbeit immer um Menschen und ihre Sorgen geht, reichen Vorschriften allein aber nicht. Ein Erkennt­nis­prozess, der seit Schiller-Zeiten erheblich an Fahrt aufge­nommen hat. Bei den inneren Struk­turen des Macht­ap­pa­rates gilt, was immer gegolten hat: Wo Menschen sind, da menschelt’s. Karrie­re­denken, Strebertum bis hin zum Mobbing gehören zur alltäg­lichen Polizei­arbeit wie in jedem anderen Betrieb auch. Wie also will man solche Komple­xität auf die Bühne bringen? Indem man die Themen in Szenen aufteilt, denkt sich Frick.

Foto © Jakob Studnar

Eingangs ist eine Kinder­stimme vom Band zu hören. In der zweiten Szene wird das Getriebe innerhalb der Polizei darge­stellt. Dazu spielt Hannes Strobl Maschi­nen­musik ein. Und der Zuschauer erfährt, dass er Zeuge zweier Ermitt­lungs­ver­fahren werden wird. In einem Mordfall kommt es zu einer exempla­ri­schen Zeugen­be­fragung, bei der die Darsteller in unter­schied­lichen Dialekten Stellung nehmen. Soll lustig sein, ist aber vielleicht ein wenig abgedro­schen. Überhaupt ist es mit dem Humor bei dem Stück so eine Sache. Vieles gerät ein wenig schief. Die Ermitt­lungs­ar­beiten im Mordfall, die von „unheim­licher“ Musik unterlegt werden, führen zum Erfolg. Wenn sich Emily Klinge im nächsten Bild eine Affen­maske über den Kopf zieht und ziemlich heftig gemobbt wird, drängt sich eine böse Botschaft auf: Wer sich zum Affen macht, wird gemobbt. Da kann man nur hoffen, dass das lediglich schief­ge­raten ist, wäre es doch ansonsten ein recht unsen­sibler Umgang mit dem Thema.

Dass auch bei der Polizei die eine Hand oft nicht weiß, was die andere macht, wird im nachfol­genden Vermiss­tenfall deutlich, wenn das vermisste Kind auf der Wache steht, während die Beamten auf der Straße nach ihm suchen. Und noch einmal meldet sich der oberste Vorge­setzte telefo­nisch zu Wort. Wie immer, steigen auch bei der Polizei die größten Idioten zu den höchsten Posten auf – so könnte hier die Botschaft lauten. Denn viel mehr als ein opulenter Raucher­husten ist auch diesmal nicht zu hören. Danach geraten die Dinge ein bisschen aus dem Ufer. Neben Klinge müssen Joanne Gläsel, Georg Grohmann, Matthias Heße und Roman Mucha viel nackte Haut zeigen und der Zuschauer erfährt etwa über Phyto­lin­gu­istik, die die Weisheit aus den Flechten liest. Zum Schluss erfährt das Publikum dann noch eine Aufzählung, welche neuen Aufgaben auf die Polizei zukommen. Das ist nach anderthalb Stunden der Fall. Ein Abbruch nach einer Stunde hätte nichts vermissen lassen.

Schade, dass den deutschen Bühnen Sprachwitz und die Liebe zur Sprache abhanden zu kommen scheint. Wenn nicht mehr dabei heraus­kommt als die altmo­dische Schreib­weise der Polizei mit einem ameri­ka­ni­schen ey auszu­sprechen und bei dreimal „Gendern“ drei Verhaspler der Erfolg sind, sollten sich die Regis­seure und Autoren vielleicht mal Gedanken darüber machen, ob Intel­ligenz und Origi­na­lität nicht doch die besseren Ratgeber als die politische Korrektheit und irgend­welche Geschlechts­spra­chen­fan­tasien sind.

Die gemischten Gefühle an diesem Nachmittag drücken sich auch im verhal­tenen Applaus aus. Da bleibt zu hoffen, dass die Erfolge an den anderen Spiel­stätten an diesem Wochenende größer waren.

Michael S. Zerban

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