O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Explosive Energie

HYBRIDITY
(Rafaële Giovanola)

Besuch am
19. September 2020
(Premiere am 18. September 2020)

 

Ringlok­schuppen, Mülheim an der Ruhr

Lange war sie erwartet worden, die neue Produktion von Cocoon Dance. Und die Puristen unter den Fans der Tanzcom­pagnie, die sie zuerst im Ballsaal in Bonn-Endenich sehen wollen, müssen sogar noch länger warten. Erst Ende September, Anfang Oktober wird sie dort zu sehen sein. Alle anderen konnten die Urauf­führung am Vorabend im Ringlok­schuppen Ruhr in Mülheim an der Ruhr erleben. Bei den Besucher­zahlen, die derzeit möglich sind, war die sofort ausver­kauft, wie auch heute bei der zweiten Aufführung kein erlaubter Platz mehr frei ist.

Das Einlass­per­sonal ist freundlich, aber bestimmt. Nur jeder zweite Platz darf besetzt werden, es herrscht also ein Abstand von rund einem halben Meter zwischen den Gästen. Das ist albern, wird aber beherzt auch dann durch­ge­setzt, wenn sich Paare in dem guten Willen neben­ein­an­der­setzen, um mehr Abstand zu den anderen Gästen zu schaffen. Sei’s drum. In diesen Tagen geht es nicht darum, über Sinnhaf­tigkeit zu disku­tieren, sondern Auffüh­rungen möglichst anstandsfrei zu genießen. Pünktlich beginnt die Vorstellung, auch das derzeit schon ein großer Gewinn, den man selten erlebt.

Die Bühne ist leer. Auf dem Boden ist ein raumfül­lendes, graues Viereck ausgelegt. Nebel wabert. Auf der linken Seite sammeln sich im Hinter­grund die sechs Tänzer, vom Boden­licht gegen­be­leuchtet. Die vibrie­renden Beine verströmen unbändige Energie. Ein großar­tiges Bild, das vielleicht etwas kürzer ausge­fallen auch funktio­niert hätte. Sogleich stellt sich die Frage, um was es an diesem Abend eigentlich geht. Hybritidy bedeutet im Deutschen so etwas wie Mischung oder Kreuzung. Gegen­ein­ander durch­lässig gemacht werden sollen hier zwei Kulturen. Auf der einen Seite steht, so sagt die Choreo­grafin Rafaële Giovanola, die Kultur des klassi­schen Balletts, auf der anderen die des Thai-Boxens. Angesichts der bevor­ste­henden Aufführung sollte man diesen theore­ti­schen Überbau ebenso schnell wieder vergessen wie die Ausfüh­rungen „zum hybriden Körper, der für eine Zeit geschaffen ist, in der die Evolution und die Natur das Wirken des Menschen nicht mehr bewäl­tigte“. Denn was kann schöner sein als die Praxis, die die Theorie überflügelt?

Foto © Klaus Fröhlich

Von der ersten Sekunde an ist der Raum von der Energie der Tänzer gefüllt. Gestört wird sie nur vorüber­gehend von den Schein­werfern, die Boris Kahnert gegen das Publikum richtet. Auch in dieser Aufführung wird nicht klar, was es dem Licht­ge­stalter bringt, die Besucher zu blenden. Aus der fehlenden Sicht der Zuschauer vollkommen überflüssig, ja, ärgerlich. Davor wandern die Tänzer zur anderen Seite. Erst allmählich ist das Publikum wieder bereit, die vibrie­renden Impulse wahrzu­nehmen. Fa-Hsuan Chen, Martina De Dominicis, Alváro Esteban, Susanne Schneider, Anna Harms und Frédéric Voeffray können aus dieser pulsie­renden Grund­en­ergie immer wieder blitz­schnelle Bewegungen generieren. Giovanola hat hier etwas völlig Neues entwi­ckelt. Wie vom Flitze­gummi – so nennt man die Zwille im Rheinland – schießen sie über die Tanzfläche, ohne sich einander zu berühren. Immer aber sind es die Beine, die hier für die explo­siven Bewegungen sorgen. Die Arme bleiben steif am Körper.

Nach einer halben Stunde finden sich die Tänzer wieder zu einem gebückten Körper zusammen. Als sie sich erneut erheben, langsam, zögerlich, hat Giovanola noch eine Idee in petto. Dabei steht die ganze Zeit die Frage im Raum, ob die Kostüme von Mathilde Grebot wirklich der Situation gerecht werden. Nein, möchte man sagen. Mit unför­migen Trainings­hosen, unter denen Strumpf­hosen leuchten, und vielfäl­tigen, verschie­denen T‑Shirts ausge­stattet, geraten die Körper zur Belie­bigkeit. Wer Körper auf ein nicht gekanntes Energie-Level hebt, darf sie auch auf der eroti­schen Ebene befördern. Nein, dazu reicht es nicht. Aber immerhin sind die selbst­ge­nähten Ballett-Trikots mit integrierten Knieschonern und Schuhen geeignet, für ein lustiges Quiet­schen zu sorgen, wenn sie die Tänzer auf dem Boden bewegen. In der zweiten Hälfte werden plötzlich die Hände aktiv, führen die Fäuste in atembe­rau­bender Geschwin­digkeit zu Thai-Box-Bewegungen. Damit wird eine neue Energie-Ebene erreicht, die nach der rasanten Aufführung zuvor unvor­stellbar war.

Unter­stützt wird die Aufführung durch die Musik von Franco Mento nach Motiven von Jörg Ritzenhoff, dem Kölner Kompo­nisten, mit dem Coccon Dance so gern zusam­men­ar­beitet. Während Ritzenhoff immer gern selbst live an seinen Instru­menten arbeitet, kommen die Klang­land­schaften von Mento von der Festplatte. Das reicht von melodiösen Einfällen bis zu kosmi­schem Knistern. Immer laut, immer energie­ge­laden, gibt Mento den Takt vor.

Als das Corps zum Applaus antritt, ist De Dominicis schweiß­über­strömt. Wie statisch aufge­laden fühlt sich aller­dings das Publikum, wenn der Rest der Mannschaft so tut, als habe sie die Anstren­gungen des Abends nicht weiter berührt. Das Publikum indes verweigert die Noncha­lance und johlt unbeherrscht und grenzenlos. Cocoon Dance darf mit Vorfreude auf die kommenden Auffüh­rungen schauen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: