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Foto © Michael Zerban

Fantastische Reise in die Nacht

NOCTURNE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
1. März 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Theater an der Ruhr, Foyer, Mülheim an der Ruhr

Vittoria Quartararo hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass sie zu den hervor­ra­genden Ausnah­me­erschei­nungen in der Klavier-Welt gehört. Sie zieht musik­thea­tra­lische Auffüh­rungen und genre­über­grei­fende Formate den Auftritten auf den Bühnen der herkömm­lichen Konzert­bühnen vor, wartet immer wieder mit außer­ge­wöhn­lichen Programmen an Spiel­stätten auf, die eigentlich nicht als solche gedacht sind. Musik­theater in leerste­henden Fabrik­hallen, Konzerte in Verbindung mit bildender Kunst in Museen sind nur zwei Beispiele ihrer sprühenden Fantasie. Nach der letzten Konzert­reihe Vogel und Feder Ende 2022 ist es um die Verfech­terin neuer Musik in Deutschland still geworden. Aus gutem Grund, wie sie selbst im persön­lichen Gespräch erzählt. Inzwi­schen ist sie in Frank­reich, insbe­sondere in Paris, beruflich so erfolg­reich, dass ihr schlicht kaum noch Zeit für Auftritte in der Heimat bleibt.

Jetzt hat das Theater an der Ruhr sie zum Festival Geheimnis 2 einge­laden, das vom 7. Februar bis zum 15. März statt­findet. Ein Konzert im Foyer des Theaters soll es werden, gleich im Anschluss an eine Theater­auf­führung. Das Foyer ist kaum wieder­zu­er­kennen. Die Bar in der Ecke ist genauso verschwunden wie die Bühne. Neben ein paar Tischen, an denen früher die Gäste Platz genommen haben, um vor einer Vorstellung etwas zu trinken, sind jetzt zahlreiche Sitzreihen aufge­stellt. Im Zentrum stehen zwei Tische mit Lampen und ein Tisch mit Compu­ter­zu­behör, ein Stutz­flügel, an der Längswand davor ist eine Leinwand für Projek­tionen aufgehängt.

Foto © Michael Zerban

Beglü­ckend aus Quartararos Sicht ist, dass sie die beiden Künst­le­rinnen Katharina Huber und Anna Lytton erneut für eine Zusam­men­arbeit gewinnen konnte. Huber arbeitet nach ihrem Studium in Köln und London als Malerin und Filme­ma­cherin, Lytton studierte Grafik­design in den Nieder­landen und Medien­kunst in Köln, arbeitet heute als visuelle Künst­lerin ebenfalls in Köln. Die beiden waren bereits beim Vogel-und-Feder-Programm dabei. Heute Abend verwenden sie dieselbe Technik. Unter den beiden Glasti­schen, an denen die Künst­le­rinnen kurz vor Beginn der Aufführung Platz nehmen, sind Kameras aufgebaut, die das Geschehen auf der Glasplatte einfangen. Mittels eines Steuer­geräts kann Lytton entscheiden, ob sie das Live-Geschehen, bereits vorhan­denes Material oder beides in verschie­denen Ebenen auf der Leinwand zeigt. Huber und Lytton malen heute, anders als bei Vogel und Feder, ausschließlich mit schwarzer Aquarell­farbe. Während sich Huber auf filigrane Striche beschränkt, ist Lytton für den flächigen Auftrag zuständig. Noch vor Ende des Konzerts werden so viele Bilder entstanden sein, dass sie für eine eigene Ausstellung ausreichten. Wenn Quartararo über einen Zauberer sprechen wird, werden die beiden von ihren abstrakten Malereien ablassen und mit Worten spielen, um die kurze Rede der Pianistin nachhallen zu lassen.

Zunächst aber heißt es erst mal für die Besucher, die aus der vorher­ge­henden Aufführung im Theatersaal strömen, im Foyer Platz zu nehmen. Derweil erklingt aus den vier Lautspre­chern, die für einen wunderbar räumlichen Klang sorgen, The Sun Can’t Compare, Disco-House-Musik, die Quartararo selbst einge­spielt und mit Impro­vi­sa­tionen auf dem Cristal Baschet angerei­chert hat. Das Cristal Baschet ist ein Instrument, das auf dem Euphon von 1789 basiert. 1952 haben es die Brüder Bernard und François Baschet wieder­ent­deckt und neu gebaut. Beim Gebrauch reiben feuchte Finger über Glasstäbe, die die entste­henden Schwin­gungen an Metall übertragen. Quartararo hat sich damit und mit anderen Instru­menten der Brüder Baschet viel in Paris beschäftigt und ist von deren Möglich­keiten bis heute begeistert. Wenn die Pianistin mit eigenen Impro­vi­sa­tionen allmählich die ausblen­denden Klänge von der Festplatte ablöst, kann die eigent­liche Aufführung von Musik und Malerei unter dem Titel Nocturne beginnen.

Foto © Michael Zerban

Unter einem Nocturne oder Notturno, zu Deutsch Nacht­stück, versteht man eine Musikform, die in ihrer Besetzung und Satzstruktur nicht festgelegt ist. Bezog sich in der Klassik der Name eher auf den abend­lichen Auffüh­rungs­rahmen, wurde daraus in der Romantik ein Charak­ter­stück, meist für das Klavier bestimmt. Berühmt wurden die 21 Nocturnes von Frédéric Chopin. Die drei Künst­le­rinnen in Mülheim wollen den Begriff erweitern, die Besucher in eine Zwischenwelt der Dunkelheit entführen. Und dazu erscheint der Ausflug zu Leoš Janáček mehr als passend. Der hatte im Frühjahr 1912 seinen viertei­ligen Klavier­zyklus Im Nebel als sein letztes größeres Klavierwerk geschaffen. Aus dem ersten Teil Auf verwach­senem Pfade trägt Quartararo unter anderem vier Titel vor: Naše večery, Frýdecká panna Maria, Dobrou noc! und Sýček ještě neodletěl! Gleichsam düsterer und mysti­scher noch erklingen die nächsten Stücke von Henri Dutilleux. Der franzö­sische Komponist wurde 97 Jahre alt. Bis ins hohe Alter kompo­nierte er, unter anderem auch Klavier-Solo-Werke, die Quartararo 2021 komplett einspielte. Heute Abend wählt sie daraus die Trois Préludes, die sie zu ihren Lieblings­stücken erklärt hat: D’ombre et de silence, Sur un même accord und Le jeu de contraires. Beim Vortrag weiß man oft gar nicht, wohin man eigentlich lieber schaut. Auf die Aktivi­täten auf der Leinwand, auf der immer wieder die Umrisse von Händen aufscheinen, die neue Gemälde formen. Oder auf das Spiel der Pianistin. Heute Abend wirkt sie vollkommen durch­geistigt. Hände und Arme wirken nicht mehr von der Musku­latur bewegt, sondern ausschließlich von Gedan­ken­strömen. Und so klingt dann auch die Musik von Béla Bartók, die als nächstes folgt, ein bisschen wie aus einer anderen Welt. Ausge­wählt hat Quartararo Werke aus dem pädago­gi­schen Klavier­zyklus Mikro­kosmos, der in der Zeit von 1926 bis 1937 entstand und schluss­endlich 153 Stücke umfasste. Unter anderem sind zu hören Nocturne, Melodie im Nebel oder auch Ausschnitte aus Bagatelle und Im freien Lento.

Für das Finale hat sich Quartararo noch etwas Beson­deres ausge­dacht. Es geht zurück in den Barock. Von Domenico Scarlatti spielt die Pianistin die Arie aus der Kantate Pur nel sonno als Klavier­stück. Unver­mittelt taucht „aus der Ferne“ ihr Gesang auf, kommt näher. Eine letzte, höhere Dimension, die den Abend nach einer guten Stunde überwäl­tigend beschließt. Aus deutscher Sicht gibt es nur einen Wermuts­tropfen. Vittoria Quartararo wird bereits am nächsten Morgen wieder nach Paris abreisen.

Michael S. Zerban

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