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ALCESTE
(Christoph Willibald Gluck)
Besuch am
29. Mai 2019
(Premiere am 26. Mai 2019)
Freudige, erwartungsvolle Stimmung in der ausverkauften Bayerischen Staatsoper, das Publikum klappt die Schirme zu, ist doch der Weg ins Opernhaus durch die unwirtliche Wetterlage nur wenig getrübt worden. Nun möchte man sich der Musik Christoph Willibald Glucks hingeben, der in der italienischen Fassung in den Weihnachtstagen 1767 die Oper Alceste erstmalig zur Aufführung brachte. Die französische Fassung, die in München zu sehen ist, erfuhr 1776 an der Académie Royale de Musique in Paris ihre Uraufführung. Diese Fassung hat der Regisseur und Choreograf Sidi Larbi Chaerkaoui für seine Münchner Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda ausgewählt.
Wer in der Erwartung kommt, eine Opernaufführung in der üblichen Gestalt zu erleben, wird, wenn sich der Vorhang hebt, eines Besseren belehrt. Die Geschichte einer großen Liebe, der Liebe zwischen dem König Admète und der Königin Alceste, die sich einander – nach einem Orakel der Götter, das ihnen befiehlt, sich für den Tod zu entscheiden, um den jeweils anderen zu retten – opfern wollen, um nicht allein weiterleben zu müssen. Das wird auf sehr eindrückliche, allerdings auch ungewöhnliche Weise erzählt und illustriert.
Sidi Larbi Chaerkaoui hat sich einen Namen vor allem als Choreograf gemacht. Mit der Compagnie Eastman greift er radikal in das Geschehen der Oper ein. Schon während der Ouvertüre sind die Tänzer auf der Bühne und beanspruchen die Aufmerksamkeit des Publikums auf massive Weise. Sie wirbeln durcheinander, bemühen sich einer kryptischen Zeichensprache, zeigen akrobatische Figuren. Die Musik wird auf den zweiten Platz verwiesen.
Den Solisten bleibt häufig wenig Raum für Bewegung und Artikulation. Er wird fast durchgängig von der Compagnie beansprucht. Und sie setzen das auf oft rätselhafte Weise um. Im Programmheft erläutert Regisseur Chaerkoui, die Tänzer seien für ihn eine „Erweiterung des Chores, ein stummer Chor“. Stumm sind sie, doch degradieren sie den singenden Chor – der eingekleidet ist wie so viele Chöre im zeitgenössischen Opernbetrieb, nämlich in Allerweltskostümen beliebiger Art – zu Randfiguren, zur Staffage. Dieser Effekt betrifft auch die Solisten. Meist werden sie bei ihren Auftritten von unruhigen, Kobolz schießenden oder gar Breakdance darbietenden Akrobaten umgeben, was ihren solistischen Leistungen nicht unbedingt dienlich ist. Nur in wenigen Szenen, meist bei wichtigen Arien, kommen sie dazu, ihre Stimme in angemessener Weise zu präsentieren.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Tanzkompanie wird von Sidi Larbi Cherkaoui so massiv eingesetzt, dass mancher Opernbesucher die wenigen Minuten genießen mag, wenn sie doch einmal die Bühne verlassen hat.
Die sängerischen Leistungen zeigen sich – vielleicht auch aus den geschilderten Umständen heraus – etwas durchwachsen. Dorothea Röschmann als Alceste ist in ihrer Rolle nicht wirklich zu Hause. Ihr Sopran entwickelt erst im Laufe des Abends eine gewisse Klangfarbigkeit, die sie jedoch ausschließlich bei den an der Rampe gesungenen Arien zeigen kann. Ihre Bewegungsabläufe auf der Bühne wirken schwerfällig und muten mitunter recht kurios an, wenn die Tänzer sie mehrfach auf vorher geschwungenen Tüchern über die Bühne ziehen.
Charles Castronovo agiert in der Rolle des Admète durchgängig hektisch bemüht. Stimmlich ausgewogen kann man ihn in dieser Partie nicht erleben, dafür gibt allerdings die Rolle auch wenig Gelegenheit.
Die Partien des Oberpriesters des Apollon sowie des Hercule werden von Michael Nagy engagiert geboten, wobei er als Retter und Sieger über die bösen Mächte der Unterwelt schauspielerisch eher verhalten wirkt. Das trifft auf die meisten der Nebenfiguren – Sean Michael Plomb als Waffenherold und Apollon sowie Manuel Günther als Évandre – ebenfalls zu. Im Unterschied dazu strahlen die jungen Stimmen der Coryphées mit unverbrauchtem Eifer in den wenigen Auftritten.

Besonders beeindruckt die junge Anna El-Khashem mit ihrer ausdrucksstarken Stimme. Sie gibt außerdem der Tanzcompagnie eine besondere Farbigkeit, wenn sie in das tänzerische Geschehen einbezogen wird. Das geschieht auf sehr virtuose Weise, wenn sie kopfüber hängend makellos ihre Rolle singt. Ein weiterer choreografischer Einfall des Regisseurs, dessen Sinnhaftigkeit sich nur wenig erschließt.
Den Kindern des Königspaares, die beide Eltern wegen ihrer Liebe zueinander bedenkenlos opfern wollen, finden weder im Libretto noch in der Inszenierung Cherkaouis einen ihnen zustehenden Platz. In dieser Fassung lässt sie der Regisseur meist steif die Bühne überqueren, stumm sind sie ohnehin, und als sie in der Pause nach dem zweiten Akt die Opfergaben der Alceste und des Tanzensembles vor dem geschlossenen Vorhang in den Souffleurkasten reichen, wird ihre Rolle zur komischen Nummer. „Hoffentlich bleibt für die Kinder wenigstens ein pädagogischer Effekt“, kommentiert das ein Besucher.
Dieses Geschehen findet im Bühnenbild von Hendrik Ahr seinen Ort. Große, seitlich angeordnete Elemente begrenzen die Bühne, werden im letzten Akt, der Unterwelt, zu Käfigen der Gemarterten gewandelt. Variable Treppenstufen bieten vor allem den Tänzern ihre eigentliche Bühne.
Antonello Manacorda führt das Bayerische Staatsorchester sachkundig durch den Abend. Einige Einsätze wackeln, und auch das Zusammenspiel von Tänzern, Chor und Sängern gelingt nicht immer. Dafür geht es auf der Bühne meist zu turbulent zu. Die Feinheiten dieser von Christoph Willibald Gluck im späten 18. Jahrhundert geschaffenen Musik können dem Ansturm der Regieeinfälle des Regisseurs und Choreografen nur selten standhalten.
Der Beifall des Publikums legt die Vermutung nahe, dass das Opernteam alles richtig gemacht hat. Viel Jubel, keine Buhs, und doch – wenn der größte Jubel der jüngsten Sängerin und dem Tanzensemble gilt – fragt man sich: Was war das? Oper, Ballett – oder gar Musical im klassischen Gewand? Die Besucher finden es, lautstark applaudierend, offenbar wunderbar.
Peter E. Rytz