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ANNA BOLENA
(Gaetano Donizetti)
Gesehen am
4. Dezember 2020
(Premiere als Livestream)
Nach dem ersten erfolgreichen Livestream von Hänsel und Gretel am Gärtnerplatztheater München steht nun die erste Premiere als Livestream auf dem Programm, und mit der Oper Anna Bolena einer der musikalisch besonders ansprechenden, aber auch herausfordernden Belcanto-Opern von Gaetano Donizetti. Um den Anforderungen der Hygienevorschriften während des Lockdowns gerecht zu werden, wird das Werk in einer gekürzten halbszenischen Aufführung und in einer reduzierten Orchesterfassung von Tony Burke auf die Bühne gebracht.
Es geht um die unglückliche und schicksalhafte Ehe von Anne Boleyn mit dem englischen König Henry VIII. Boleyn, die Mutter der späteren Königin Elisabeth I, stirbt am Ende unschuldig auf dem Schafott. Henry VIII herrscht seit 27 Jahren machtvoll über England, als er sich, gelangweilt von seiner ersten Frau und zahlreichen Mätressen, in die 24-jährige Anne Boleyn verliebt und sie zu seiner zweiten Frau macht. Doch mittlerweile ist auch diese Leidenschaft erkaltet, und Henry hat sich längst Annes Vertraute Jane Seymour als neue Favoritin ausgewählt. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Ehe mit Anne ersinnt der Monarch einen hinterlistigen Plan, der Anne einen angeblichen Ehebruch nachweisend damit eine Scheidung vermeidet und den Weg freimacht für seine Geliebte Giovanna, Annas Hofdame und Vertraute. Diese auch als „lyrische Tragödie“ untertitelte Oper ist voll von Liebe, Eifersucht, Intrige Hass und Tod und verlangt von den Sängerdarstellern ein hohes Maß an kultiviertem Gesang und ausdrucksstarkem Spiel, insbesondere in einer halbszenischen Aufführung, in der der Ausdruck des Gesangs im Vordergrund steht.

Und doch kommt durch den geschickten Bühnenaufbau mit einer großen Videoleinwand im Hintergrund und den historisch erscheinenden, aufwändigen Kostümen großes Operngefühl auf. Die Handlung, 1536 in England spielend, ist auch genau in dieser Zeit verortet. Während der ganz in schwarz gekleidete Chor mit ausreichendem Abstand auf den Stufen der Hinterbühne platziert ist, wird das Bühnenbild durch entsprechende Videoeinspielungen von Meike Ebert und Raphael Kurigund sowie durch eine geschickte Lichtregie von Michael Heidinger ersetzt. Palastfenster in unterschiedlichen Farben sowie vor allem am Schluss dem Plot entsprechende Einspielungen von Regen und Schnee geben die düstere Stimmung am Hofe wieder. Einen schönen Kontrast dazu bietet die Soloharfe auf der Bühne. Für das Staging und auf der Bühne zeigt sich Maximilian Berling verantwortlich. Dieser Minimalismus auf der Bühne stellt natürlich die Sänger in ihren ansprechenden Kostümen von Inge Schäffner in den Vordergrund und überzeugt durch die optischen Reize und die großartige Musik.
Bis auf Margarita Gritskova, die in der Rolle der Giovanna als Gast ihr Debüt am Gärtnerplatztheater gibt, sind alle anderen Sänger feste Ensemblemitglieder. Und das ist einmal besonders hervorzuheben, ein derartig anspruchsvolles Werk fast ausschließlich mit eigenen Kräften, und zwar auf höchstem Niveau zu besetzen, das gelingt nicht vielen Häusern. Chapeau! So bleibt nach drei Stunden Aufführung vor allem die sängerische Klasse des Abends in Erinnerung. Allen voran Jennifer O‘Loughlin, die mit der Anna Bolena nach der Maria Stuarda die zweite große Königinnen-Partie für sich entdeckt hat. Sie gibt die Anna Bolena mit großer Leidenschaft und Ausdruck. Ihr Gefühlsleben, von enttäuschter Liebe, von Betrug und Trauer bis hin zum Wahnsinn drückt sie in kleinen Gesten und zart wechselnder Mimik aus. Ihre warme und etwas dunkle Mittellage trägt sie durch diese große Partie, ihre Spitzentöne sind leuchtend klar, auch die Piano-Töne erklingen scheinbar mühelos. Auch Gritskova in der Rolle der Giovanna zeigt sängerisch eine Spitzenleistung. Durch ihren hoch gelagerten Mezzosopran und ihr ebenfalls warmes Timbre in der Mittellage harmonieren ihre und O‘Loughlins Stimme im Duett sehr harmonisch. Ein ausgesprochen gelungenes Debüt!
Anna-Katharina Tonauer, die vor zwei Wochen im ersten Livestream schon als Hänsel dabei war, zeigt in der Rolle des Pagen Smeton eine ausdrucksstarke und gesanglich höchst ansprechende Leistung und darf sich ohne Abstriche in das Terzett der drei Sängerinnen einreihen. Es ist nobler Belcanto-Gesang an der Rampe, aber im positivsten Sinne. Sava Vemic gibt den König Enrico VIII mit wohltönendem Bass und markantem Ausdruck. Sein Auftreten hat was aristokratisches, ja er wirkt fast zu nobel und edel für diesen hinterlistig verschlagenen König. Lucian Krasznec als Lord Percy, dem ehemaligen Liebhaber Anna Bolenas, überzeugt mit seinem schönen und leichten Mozart-Tenor. Mit einem weichen Timbre und strahlenden Höhen gibt er einen starken Widerpart zu dem Bass von Vemic. Timos Sirlantzis als Annas Bruder Lord Rochefort ist mit seinem wohlklingenden Bassbariton ideal besetzt. Juan Carlos Falcón als Sir Hervey reiht sich mit ausdrucksstarkem Charaktertenor in die Phalanx eines hochkarätigen Sängerensembles ein.

Musikalisch ist der Abend ebenfalls ein Hochgenuss Donizettischer Musik. Howard Arman leitet das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit präzisem Schlag und ausgewogener Tempoführung und führt die Sänger zu Höchstleistungen. Auch der Wechsel zwischen den Rezitativpassagen und den großen Orchesterpassagen gelingt ihm, trotz oder vielleicht wegen der reduzierten Orchesterbesetzung, ausnehmend gut.
Arman, Erster Gastdirigent am Gärtnerplatztheater, sagt über diese Stellen: „In einer Oper wie Anna Bolena aber, in der fast ausschließlich gewichtige Dialoge den Gang der dramatischen Handlung bestimmen – immerhin geht es um nichts weniger als um Leben und Tod, um die Zukunft des Landes und die des eigenen Schicksals – benutzte Donizetti in den Rezitativen das Orchester meisterhaft. Es hat erzählende Funktion, und seine Interpunktionen werden oft auf ein paar Töne reduziert, um inhaltlich vielschichtige Aussagen und komplexe Situationen zu schildern.“ Auch der Chor des Staatstheaters glänzt durch seine großen Ensembles, bestens einstudiert von Pietro Numico.
Am Schluss gibt es dann den wohlverdienten Applaus und Jubel für die Kollegen auf der Bühne. Um nämlich den Live-Charakter so gut wie möglich zu vermitteln und Publikum nicht zugelassen war, dürfen wie schon bei Hänsel und Gretel etwa 50 bis 60 Mitarbeiter des Gärtnerplatztheaters die Vorstellung vor Ort erleben. In der Pause gibt es Interviews, die Köpplinger mit Darstellern und dem Dirigenten führt. Insgesamt ist auch die Qualität der Bildübertragung bei dieser ersten Live-Premiere im Stream deutlich besser als noch zwei Wochen zuvor. Und so darf man sich auf weitere Livestreams aus diesem Hause freuen.
Im umfangreichen Begleitmaterial zur Oper findet sich übrigens auch ein Rezept für einen „Anna-Bolena-Cocktail“. Wer sich also die lohnenswerte Aufführung als Video on Demand noch einmal anschauen möchte, dem sei dieses Cocktail-Rezept nicht vorenthalten:
Zutaten pro Person: 6cl Vodka, 3cl Amaretto, 1cl Cointreau; Zubereitung: Alle drei Zutaten mit Eis in einem Cocktail-Shaker schütteln. Am besten in einer klassischen Cocktail-Schale mit einer Scheibe Orange und ein paar Eiswürfeln servieren. Prost!
Andreas H. Hölscher