O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
BAUM, HERZ & KANTILENE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
22. Juli 2024
(Uraufführung)
Theater-Werk München im Deutschen Jagd- und Fischereimuseum München
Wer in München ein Museum besuchen mochte, der hat die Qual der Wahl. Neben dem großen Deutschen Museum und den Pinakotheken gibt es dutzende von interessanten Ausstellungsräumen, die entdeckt werden wollen. Eins davon ist das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum, das sich seit 1958 in der ehemaligen Augustinerkirche mitten im Zentrum von München befindet, unweit der Frauenkirche. Herzstück ist der Weiße Saal, der durch seine einzigartige Architektur besticht. Der hohe, imposante Raum präsentiert an der Wand und in Vitrinen eine vielseitige Bandbreite spannender Exponate, die die Geschichte der Jagd darstellen. Die weißen Wände, mit ihren bestuckten und figurativen Pilastern und die großen Kirchenfenster des Saals schaffen eine einmalige Atmosphäre. Ein idealer Raum für ein Konzert, mit einer wunderbaren Akustik. Die beiden alten hohen Treppen dienen hierbei als Zuschauerraum, etwa 100 Zuschauer sitzen auf Kissen auf den Treppenstufen.
Vor gut einem Jahr hat Regisseurin Kristina Wuss hier die Musiktheatercollage In der Strömung inszeniert, mit jungen Sängern, die mit ihren Wunschstücken ein begeisterndes Konzert dargeboten haben. Nun steht erneut eine Musiktheater-Szenencollage auf dem Programm, diesmal sehr frei nach dem Märchen Das kalte Herz von Wilhelm Hauff sowie dem Isarmärchen mit dem Münchner Revierförster Thomas Mayr. Wuss kombiniert hier ein bekanntes, traditionelles Märchen mit urgrünen Themen wie Natur, Nachhaltigkeit und Ökologie.
In dem Märchen Das kalte Herz des schwäbischen Schriftstellers Wilhelm Hauff wird die Geschichte vom sozialen Aufstieg und Fall des 16-jährigen Kohlenbrenners Peter Munk erzählt, der sich – getrieben von seinem unbändigen Wunsch nach Reichtum und Ansehen – mit dunklen Mächten einlässt. Der arme Köhlerjunge geht einen folgeschweren Tauschhandel mit dem unheimlichen Holländermichel ein, der ihm schnell zu finanziellem und materiellem Besitz verhilft, im Gegenzug aber Peters warmes, pochendes Herz verlangt und ihm stattdessen einen kalten Stein einpflanzt. Ein Handel, der Peters gesamtes Leben verändert. Die Märchenhandlung spielt vor der Kulisse des geheimnisvoll-magischen Schwarzwaldes zur Zeit des boomenden Holzhandels mit den begehrten Schwarzwaldtannen und des beginnenden Kapitalismus im ausgehenden 18. Jahrhundert. Hauffs parabolischer Märchentext über Machtgier, Geltungsbedürfnis und Verrohung der Gesellschaft hat bis heute nicht an Brisanz und Aktualität verloren.
Das Märchen über Unzufriedene, die ihr Herz austauschen, um schnellen Erfolg im Beruf zu erhaben, erschließt für Wuss einen neuen Personenkreis – aus Oper und Musical. Der Holländermichel reißt keine Bäume mehr aus, geht aktuell in seinem Tauschgeschäft „Herz gegen Steinherz“ subtiler vor. Doch zum Glück gibt es immer noch den weisen Glasmann, der sein Wirkungsfeld nun auch auf die Ufer der Isar und auf München ausdehnt: „Schatzhauser im grünen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dir gehört all Land, wo Tannen stehn – lässt Dich nur Sonntagskindern sehn …“, so die Interpretation ihrer Musiktheater-Szenencollage.

Das Konzept von Wuss ist gleich: Die Szenen aus dem Märchen sind in Opern‑, Operetten- oder Musicalarien eingebettet, dargeboten von den meist sehr jungen Solisten vom Kurs Musiktheater sowie vom Kurs Vocal Coaching. Im Gegensatz zu früheren Aufführungen ist der gesprochene Anteil deutlich reduziert, die Musik steht im Vordergrund, was einerseits das Konzerterlebnis hebt, andererseits aber das Verständnis der Szenerie deutlich erschwert. Insgesamt stehen 42 kurze Szenen auf dem Programm, die meisten davon mit Musik kombiniert. Wer jedoch das Märchen Das kalte Herz nicht kennt, der hat große Schwierigkeiten, der Szenerie zu folgen, zumal die gewählten Musikstücke in keinem Zusammenhang zu dem Stück stehen, sondern Wunschstücke der Solisten sind, die sie meistenteils einfach mal ausprobieren möchten. An diesem Abend ist das Leistungsgefälle im Vergleich zu vorherigen Aufführungen deutlich stärker, zumal zwei hochprofessionelle und leistungsstarke Sänger als Gäste das Gefüge komplett sprengen.
Das ist zum einen der Bayreuth-erfahrene Bass Andreas Hörl in der „Rolle“ des reichen Ezechiel, der mit seinem kraftvollen schwarzen Bass die große Halle des Jagd- und Fischereimuseums bis in die Rotunde füllt, sei es mit der ersten Strophe aus dem Trinklied des Kasper aus Webers Freischütz, sei es Hundings Erzählung Ich weiß ein wildes Geschlecht aus Wagners Walküre oder Hagens Wacht am Rhein aus der Götterdämmerung, der Auftritt des großartigen Basses ist alleine schon sein Eintrittsgeld wert. Gleiches gilt für den jungen Tenor Alexandros Tsilogiannis vom Staatstheater am Gärtnerplatz, der großes Gefühl und Operettenschmelz mit dem wunderbaren Lied Dein ist mein ganzes Herz aus der Operette Das Land des Lächelns von Franz Lehár darbietet. Schöner und eleganter kann man die Arie, die Lehár einst für Richard Tauber schrieb, kaum noch singen, Tsilogiannis, der die Arie 24 Stunden zuvor noch vor mehreren tausend Zuschauern beim Gärtnerplatz Open Air dargeboten hat, begeistert aber auch mit der Arie des Pinkerton aus Puccinis Madama Butterfly mit schönem lyrischem Tenor und strahlenden Höhen.
Da haben es die anderen, zum Teil noch sehr jungen Solisten deutlich schwerer, denn sie sind in ihrer Entwicklung noch nicht so weit, oder haben, was die Auswahl der Arien anbelangt, noch nicht das richtige Gespür für ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen. Aus dieser Gruppe ragt die lyrische Koloratursopranistin Seung-Hee Jang noch heraus. Insbesondere ihre Cio-Cio San lässt aufhorchen, sowohl im Duett mit Tsilogiannis, als auch mit der bewegend vorgetragenen Arie Un bel di vedremo. Die Rheintochter Woglinde, Frau Fluth aus den Lustigen Weibern von Windsor von Otto Nicolai, Violetta in Verdis La Traviata und die Sophie im Rosenkavalier sind weitere Partien, die sie eindrucksvoll präsentiert.
Magda Wszeborowska begeistert an diesem Abend sowohl sängerisch als auch tänzerisch mit großer Verve unter anderem als das Schlaue Füchslein von Leoš Janáček, als Rheintochter Wellgunde, und als Eliza Dolittle aus dem Musical My Fair Lady von Frederic Loewe. Auch die Mezzosopranistin Michaela Polkehn lässt als Rheintochter Flosshilde, als Frau Reich, als Erda im Rheingold und als Hexe Ježibaba aus Rusalka von Antonín Dvořák mit warmer und ausdrucksstarker Tiefe aufhorchen, während ihr Octavian bei der Rosenüberreichung für die Szene zu dramatisch angelegt ist.

Bei der Sopranistin Carla Antunes wechseln Licht und Schatten sehr stark. Ihre stärksten Momente hat sie mit zwei Liedern aus ihrer brasilianischen Heimat, nämlich mit den farbenreichen Stücken Boi Bumbá – Batuque Amazônico und mit Uirapuru. Canção Amazônica von Waldemar Henrique. Hingegen müssen ihre Interpretationen von Elsas Traumerzählung Einsam in trüben Tagen aus Wagners Lohengrin und der Zeit-Monolog der Marschallin aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss als grenzwertig bezeichnet werden. Ihre Stimme hat weder das Fundament, die Höhe, noch die Reife, um diese Arien zu singen, und auch an ihrer Textverständlichkeit muss sie noch hart arbeiten. Gleiches gilt auch für den Tenor Bartosz Jankowski, dessen Arie Immer nur Lächeln aus Lehárs Operette Das Land des Lächelns mit sehr gepressten Höhen und einem unangenehm starken Akzent dargeboten wird. Das fällt dann um so mehr noch auf, wenn kurze Zeit später Tsilogiannis dieselbe Rolle verkörpert. Die Kombination ist sehr unglücklich gewählt, und Jankowski hat sich mit seiner Arienauswahl keinen Gefallen getan.
Einen respektablen Auftritt absolviert die Sopranistin Laura Barthel in der Rolle der Marylou aus der Operette Märchen im Grandhotel von Paul Abraham. Hannes Achim Langanky gibt den Köhler Munk mit viel Leidenschaft, und sein Lied-Vortrag Manchmal träume ich schwer und dann denk ich es wär von Hannes Wader berührt tief. Frits Kamp als Holländermichel spielt überzeugend, was man von seiner Darbietung der großen Mephisto-Arie aus Gounods Faust nicht sagen kann.
Ein echter Hingucker ist Tofel Santana Tanzbodenkönig, der mit zum Teil akrobatischen Tanzeinlagen begeistert, auch wenn sein Breakdance zu Wagners Wotan und dem Meistersinger-Vorspiel nicht wirklich passt. Einen besonderen Auftritt hat der Lettische Chor München Laima als „Wald“ mit lettischen Volksliedern. Das Finale mit allen Protagonisten gehört dem Isarmärchen und dem Lied Du schöne Münchner Stadt, einst so wunderbar dargeboten von Bally Prell.
Nach gut 90 Minuten ohne Pause geht ein durchweg begeisternder Musiktheaterabend zu Ende. Das Publikum spendet am Schluss lautstarken Applaus und jubelt zurecht den Solisten zu, die wieder so ganz unterschiedliche Facetten ihres Könnens gezeigt haben. Henri Bonamy, der die einzelnen Stücke mit großem Engagement vom Treppenabsatz dirigiert hat, und Thomas Jagusch für eine überragende Leistung am E‑Piano haben sich einen großen Sonderapplaus für ihre überzeugende Darbietung verdient. Kristina Wuss ist es wieder mal gelungen, Literatur und Musik in einer Collage zu vereinen und jungen Nachwuchskünstlern ein Podium zu bieten.
Andreas H. Hölscher