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BEL CANTO ME – FOOLS OF LOVE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
27. Juni 2024
(Premiere)
Es ist ein ungewöhnlicher Programmtitel, der den Auftritt von vier Nachwuchskünstlern des Opernstudios des Staatstheaters am Gärtnerplatz München ankündigt. Ein Opern- und Operetten-Pasticcio soll präsentiert werden. Bei dem Wort Pasticcio denkt man natürlich erst mal an eine italienische Pastete, doch in der Musik bezeichnet der Begriff Pasticcio eine Oper, die aus bereits existierender Musik verschiedener Komponisten oder aus verschiedenen Werken eines Komponisten zusammengestellt ist. Auch die Location ist besonders. Nicht das altehrwürdige Staatstheater am Gärtnerplatz ist Spielort, sondern die Münchner Eventfabrik Werk-7-Theater im Werksviertel-Mitte ist an diesem Abend passender Schauplatz für einen unkonventionellen Abend.
Die Nachwuchstalente zeigen unter dem Motto „Fools of Love“, inwiefern sich das Opernstudio des Staatstheaters am Gärtnerplatz von anderen unterscheidet. Hier wird musikalisches Unterhaltungstheater großgeschrieben, und so reicht die Palette der jungen Sänger von großer Oper über Operette und Chanson bis hin zum Musical, von Mozart und Beethoven bis Offenbach und Kurt Weill. Anstelle eines klassischen Arienabends erlebt das Publikum, was passiert, wenn sich vier Nachwuchstalente mit ihren Träumen und Hoffnungen begegnen. Ebenso vergnügt wie sinnlich wird hier mit der musikalischen Literatur, ihren Rollenfächern und Geschlechtern gespielt: Wer geht da mit wem ins „Chambre séparée“? Was bedeutet das in der Zauberflöte so oft beschworene Sei ein Mann? Und kann der Diener nicht auch die Arie des Herrn singen? Diese Fragen, garniert mit Sprechzitaten aus Mozarts Zauberflöte, werden von den vier Künstlern auf sehr individuelle Art beantwortet. Liebevoll und amüsant ist das Setting und Staging von Regisseur Florian Hackspiel eingerichtet. Vier große Alu-Kisten mit allerlei witzigem Accessoire bilden die Requisiten, aber im Vordergrund stehen vier internationale Nachwuchssänger, die ihr schon beachtliches Können zur Geltung bringen dürfen. Etwa 200 Zuschauer sind an diesem heißen Sommerabend in das Werk-7-Theater gekommen, um sich ein eigenes Bild über die Qualität des Opernnachwuchses am Gärtnerplatztheater zu machen. Um es vorwegzunehmen, die abgelieferte Qualität kann sich mehr als sehen lassen.

Eröffnet wird der Abend mit dem Song Youkali von Kurt Weill. Den komponierte er 1934 für seine im französischen Exil entstandene Oper Marie Galante nach einem Roman von Jacques Deval. Der französische Schauspieler, Musiker und Autor Roger Fernay verfasste 1935 einen Chanson-Text für das vom Komponisten als Tango-Habanera bezeichnete ursprüngliche Instrumentalstück. Das Stück, eingeleitet vom Pianisten Mauro Filippo Zappalà, wird als Quartett dargeboten, wobei die einzelnen Stimmen sich zunächst solistisch vorstellen, bevor sie den Schluss gemeinsam singen. Der kalifornische Tenor Jacob Romero Kressin, der australische Bariton Jeremy Boulton, die israelische Mezzosopranistin Anna Tetruashvili und die koreanische Sopranistin Mina Yu überzeugen direkt mit einer wunderbaren Stimmharmonie, aus der Mina Yu dominant herausragt.
Nun beginnt das eigentliche Pasticcio mit Sprechszenen aus der Zauberflöte, die dann zu den folgenden Arien, Duetten und Quartetten überleitet, in der das Thema Liebe im Vordergrund steht. Nebenbei stellen sich die vier auch noch mit ihrem Rollenfach vor und bedienen direkt mal die Klischees, die man von den Sängern in ihren Fächern hat. Der erste Solo-Auftritt des Abends ist Kressin vorbehalten. Mit den beiden Arien O wie ängstlich und Frisch zum Kampfe, frisch zum Streite übernimmt Kressin direkt zwei Rollen aus Mozarts Entführung aus dem Serail: Belmonte und Pedrillo. Er singt die beiden Arien sehr gefühlvoll, mit viel Leidenschaft und einer ausgesprochen guten Textverständlichkeit. Das ist eine erste musikalische Visitenkarte zum Aufhorchen.
Dann kommt es zu einem ersten musikalischen Höhepunkt. Mina Yu stellt sich mit der großen Arie der Marie Endlich allein aus der Oper Die verkaufte Braut von Bedřich Smetana vor. Lyrisch timbriert, mit schon jugendlich-dramatischem Einschlag und schönen Piano-Tönen präsentiert Yu die wunderbare Arie, lediglich in ihrer Mimik und Gestik scheint sie das Leiden der Marie etwas zu übertreiben, weniger ist manchmal mehr. Nahtlos schließt sich eine der schönsten italienischen Arien für Baritone an: Hai già vinta la causa, die „Rachearie“ des Grafen Almaviva aus Mozarts Le nozze di figaro. Jeremy Boulton löst die Aufgabe sehr schön, auch wenn sein Bariton noch nicht die fundierte Reife besitzt, die man für die Rolle benötigt. Aber er hat Grandezza in der Stimme, singt mit viel Ausdruck und Leidenschaft, und am Ende der Rachearie tobt er sich wie ein Rumpelstilzchen an den Alukisten aus. Das Publikum dankt den körperlichen Einsatz mit großem Applaus.
Es bleibt bei Mozart, nun folgt Don Giovanni, und das Batti, batti, o bel Masetto der Zerlina wird von Mina Yu und Anna Tetruashvili im Duett herrlich köstlich serviert, zumal die beiden Damen ihre männlichen Kollegen wie kleine Hündchen dressieren, auch unter Zuhilfenahme von laut knallenden Peitschen. Kressin und Boulton spielen da herrlich komisch mit, der größte Lacherfolg des Abends.
Dann gibt es einen Zeitsprung in den Barock, hin zu Henry Purcell. Bei King Arthur handelt es sich im heutigen Verständnis formal nicht um eine Oper, da die Hauptfiguren der Handlung nicht singen, sondern ausschließlich als Sprechrollen besetzt sind und die Musik lediglich untermalende Funktion hat oder dramatisch eingesetzt wird. Der mit bekannteste Teil der Oper ist die sogenannte Frost-Szene im dritten Akt, in der gezeigt wird, wie die Macht der Liebe imstande ist, jedes noch so kalte Herz aufzutauen. Die darin enthaltene Arie des Cold Genius, dem eine Figur aus Jean-Baptiste Lullys Isis als Vorbild des Komponisten gedient haben soll, gehört zu den am meisten bewunderten Werken der Barockoper. Eine der meistrezipierten Interpretationen der von Purcell für Bass notierten Arie What power art thou stammt vom verstorbenen Countertenor und New-Wave-Ikone Klaus Nomi, der sie als Cold Song populär machte. Diesen Cold Song interpretieren die vier Künstler mit Regenponchos und weißen Gesichtsmasken als lyrisches Quartett, wobei Tetruashvili von der Maskerade befreit ist, denn im Anschluss hat sie ihren ersten großen Soloauftritt mit der Arie der Charlotte, Qui m’aurait dit la place, aus der Oper Werther von Jules Massenet. Und die junge Mezzosopranistin legt nicht nur Dramatik und Leidenschaft in die Stimme, ihr warmer Mezzo kann sich auch in sopranhafte Höhen hochschrauben. Ein großartiger Auftritt, der verdienten langen Applaus nach sich zieht.

Im Anschluss kommt zum ersten Mal die Gattung Operette zu Wort. Das herrliche „Fliegenduett“ Il m’a semblé sur mon épaule zwischen Eurydice und Jupiter, der in der Gestalt einer Fliege versucht, Eurydice zu verführen, aus der Operette Orphée aux enfers – Orpheus in der Unterwelt – von Jaques Offenbach. Mina Yu lässt sich natürlich nicht so einfach verführen, und eine Fliegenklatsche hinterlässt auf Jupiters Allerwertestem Eindruck. Boulton zeigt, dass er nicht nur über eine schöne Baritonstimme verfügt, sondern auch urkomisch sein kann, eine Voraussetzung für das Genre Operette. 1868 wurde Jacques Offenbachs Opéra bouffe La Périchole in Paris uraufgeführt. Einer der Höhepunkte ist die Seguedille Vous a‑t-on dit souvent, die im ersten Akt von den armen Straßensängern La Périchole und Piquillo gesungen wird. Tetruashvili und Kressin, der jetzt im Freddy-Mercury-Gedächtnislook erscheint, gestalten das Duett formidabel. Es folgt der direkte Übergang zu Beethovens Fidelio und einem der schönsten Quartette der Opernliteratur: Mir ist so wunderbar singen Marzelline, Leonore, Rocco und Jaquino, von den vier Sängern des Abends sehr lyrisch und gefühlvoll dargeboten und oben auf der Brüstung des Theaters präsentiert, der nächste große musikalische Höhepunkt.
Aus der Operette Der Opernball von Richard Heuberger stammt das berühmte Duett Geh’n wir ins Chambre séparée, wo Henri versucht, Hortense zu verführen. Und jetzt wird es etwas queer, denn gesungen und gespielt wird die lüsterne Szene von Kressin und Boulton, die sichtlichen Spaß an ihrem Auftritt haben, auch sehr zum Gefallen des Publikums. Anschließend geht es nach Hollywood, die Musical-Verfilmung White Christmas mit dem Song The Best Things Happen While You’re Dancing von Irving Berlin ist ein schöner Ausflug in die Musicallandschaft, und die Damen imponieren nicht nur durch Schöngesang, sondern auch durch ansehnliche Kostüme im Stil der großen Hollywooddiven.
Eine heute eher unbekannte Operette, die viel zu selten gespielt wird, ist Der letzte Walzer von Oscar Straus. Mit Hört ihr die liebliche, singende, klingende Walzermusik beweisen die vier Künstler, dass sie nicht nur musikalisch im Operettenfach zuhause sind, sondern den Walzer auch tanzen können. Zum Abschluss schließt sich der Kreis des Pasticcio, und mit dem Eröffnungslied Youkali von Kurt Weill geht der wunderbare Abend nach gut 75 Minuten ohne Pause zu Ende. Viel Applaus und Jubel für die jungen Protagonisten ist der verdiente Lohn, in den auch Florian Hackspiel und sein Team, der Pianist Mauro Filippo Zappalà und der Dirigent Stephen Delaney sowie die Kammerbesetzung des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatztheater mit einbezogen werden. Insbesondere Delaney ist zu verdanken, dass die vier Sänger und das Kammerorchester immer zusammen bleiben.
Bei so viel Jubel und Applaus darf eine Zugabe natürlich nicht fehlen. Passend zum Abschluss wird das Lied der Juliska Ja, das Temp’rament, ja, das Temp’rament, ja das liegt mir im Blut aus der Operette Maske in Blau von Fred Raymond als fröhliches Quartett präsentiert. Ein Pasticcio der Oper und der Operette, aber auch der Gefühle geht zu Ende. Das Gärtnerplatztheater kann stolz sein, in seinem Opernstudio so gut ausgebildete Sänger zu haben, die nun sukzessive an größere Rollen herangeführt werden. Und vielleicht wird man bald die eine oder den anderen auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters erleben können. Die Voraussetzungen dafür bringen sie alle mit.
Andreas H. Hölscher