O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Freiheit als höchstes Gut

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
22. November 2024
(Premiere am 18. Oktober 2024)

 

Gärtner­platz­theater, München

Die Oper Carmen von Georges Bizet zählt zu den meist­ge­spielten Opern weltweit, und das nicht nur an den ganz großen Häusern. Es ist die eingängige, manchmal folklo­ris­tisch wirkende Musik mit ihren großen lyrischen und drama­ti­schen Passagen, die den Menschen die Oper so nahe bringt. Die Ouvertüre ist fast schon eine eigene Marke, so hoch ist ihr Wieder­erken­nungswert. Carmen hat bis heute nichts an Aktua­lität verloren. Es ist das ewige Spiel um Liebe und Eifer­sucht, um Schuld­zu­wei­sungen und Verletz­barkeit, erotische Fantasien, um Ehre und Stolz, alles Themen, die auch in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielen. Und deshalb stellt sich bei jeder Insze­nierung die Frage, wie geht das Konzept des Regis­seurs auf? Spielt er mit den gängigen Klischees, oder vermeidet er sie und sucht eine radikale Lösung? Beide Ansätze sind durchaus berechtigt und können gut funktionieren.

Carmen ist das unbestrittene Meisterwerk von Georges Bizet, das auf der Grundlage der Novelle von Prosper Mérimée entstand und dank der Libret­tisten Meilhac und Halévy bald einen eigenen Charakter mit neuen Figuren und Situa­tionen erhielt. Das Werk stieß jedoch nicht sofort auf die erwartete Resonanz. Der erste Auffüh­rungs­zyklus an der Opéra comique in Paris war noch im Gange, als der Komponist im Alter von gerade einmal 36 Jahren an den Folgen eines rheuma­ti­schen Fiebers verstarb. Von da an wurde Carmen mit den Rezita­tiven, die von seinem Kollegen Guiraud vertont wurden, in der ganzen Welt bekannt, und es begann ein Weg des überwäl­ti­genden und ununter­bro­chenen Erfolgs, dank der Stärke des Dramas, der Aktua­lität der Geschichte, der melodi­schen Erfindung ihres Autors und der Ikoni­zität der Atmosphären von Sevilla, die in der Partitur und auf der Bühne wieder­ge­geben wurden.

Foto © Markus Tordik

Regisseur Herbert Föttinger, der am Gärtner­platz­theater in München schon mit viel Erfolg Verdis Rigoletto, Mozarts Don Giovanni und Massenets Werther insze­niert hat, sieht seine Carmen nicht als männer­mor­denden Vamp, als der sie oft darge­stellt wird, sondern als selbst­be­stimmte Frau. Für ihn ist Carmen in ihrer Unabhän­gigkeit ihrer Zeit voraus und heißt den Tod als letzte Bekundung ihres unbedingten Freiheits­willens willkommen. Und das ist Föttingers Annäherung an das Sujet in seinem Regiekonzept.

Carmen vereint und überhöht gleich­zeitig die Eigen­schaften, die eine Frau besitzen kann. Sie ist leiden­schaftlich bis zur Selbst­aufgabe, dreht sinnlich im roten Bereich und erreicht dadurch eine hohe emotionale und gefähr­liche Fallhöhe. Carmens größter Drang ist dabei, ihre Freiheit zu erlangen oder zu bewahren, sich unabhängig von den anderen zu machen. Selbst­be­stimmung und Emanzi­pation stehen im Mittel­punkt ihres Handelns. Die Dreiecks­be­ziehung zu Don José und Escamillo ist daher nur die logische Konse­quenz aus Carmens Persön­lich­keits­struktur. Für Carmen ist das höchste Gut ihre Freiheit. Niemals will sie sich den Zwängen der Gesell­schaft unter­werfen. Der angepasste Sergeant Don José ist faszi­niert von der Frau, die sich einfach nimmt, was sie will. Er gibt alles für sie auf, seine Jugend­liebe Micaëla, in die er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, seine Stellung beim Militär und schließt sich sogar einer Schmugg­ler­bande an. Er ist besessen von Carmen, die schon bald das Interesse an ihm verliert und dem todes­mu­tigen Stier­kämpfer Escamillo verfällt. José ist verzweifelt und will Carmen zurück, um jeden Preis. Dabei ist er Opfer seiner eigenen Dämonen, die ihn beherr­schen und ihn immer wieder zu gewalt­tä­tigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät reali­siert er, dass er von Carmen nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.

Föttinger bietet Assozia­ti­ons­flächen für das Publikum an, ohne dabei unver­bindlich zu werden. Einer­seits spielt er mit den typisch spani­schen Klischees, indem er zum Beispiel vier fantas­tische Flamenco-Tänze­rinnen auf die Bühne holt, anderer­seits verlegt er die Handlung in die Franco-Diktatur der fünfziger Jahre, mit einem Bühnenbild von Walter Vogel­weider, das einen strengen archai­schen Bau im Stil der Natio­nal­so­zia­listen zeigt und für die ersten drei Akte immer nur leicht abgewandelt wird. Entspre­chend schlicht sind die Kostüme der Arbei­te­rinnen der Zigaret­ten­fabrik, die Uniformen der Soldaten dagegen eher zeitlos. Die Kostüme hat in bewährter Manier Alfred Mayer­hofer gefertigt.

Föttingers Perso­nen­regie ist von einer eher subtilen Charak­ter­sprache geprägt. Auf der einen Seite die leiden­schaft­liche, sehr weibliche Carmen aus einer sozialen Unter­schicht, die nach Freiheit und Anerkennung giert. Don José anderer­seits, der dieser Frau verfällt und für sie sämtliche Werte, die ihm einmal wichtig waren, über Bord wirft. Escamillo, der maskuline Star, der Carmen das Gefühl vermittelt, endlich ihr Ziel erreicht zu haben. Und dazwi­schen Micaëla, als weiblicher Antipode zu Carmen, die aufgrund ihrer Sozia­li­sation ihre eigenen Grenzen nicht zu überwinden mag und deshalb keine wirkliche Rivalin für Carmen ist. Und Föttinger spielt mit einer durchaus gewagten Sexua­li­sierung des Sujets. Carmen, erotisch lasziv von Sophie Rennert verkörpert, zieht da schon mal ihr Höschen aus und spreizt für Don José die Beine, der ihr vollkommen verfällt. Escamillo, großartig gespielt von Daniel Gutmann, scheint vor Testo­steron nur so zu sprühen. Und wenn er vor seinem Stier­kampf im vierten Akt mit nacktem Oberkörper und gut sicht­barem Sixpack ins Gebet versinkt, dann sind auch viele der weiblichen Zuschauer im Publikum hin und weg. Föttinger geht aber auch in die Tiefe der Psycho­logie, insbe­sondere beim toxischen Verhältnis von Carmen zu Don José. Seine Leiden­schaft für Carmen, die später von ihr nicht mehr erwidert wird, schlägt in tödlichen Hass um. Carmen weiß darum, und es scheint, als ob sie ihren Tod förmlich provo­ziert, indem sie José bis zur Weißglut reizt. Da kann auch die liebliche Micaëla mit durchaus sinnlicher Ausstrahlung nichts mehr retten, José ist zum Psycho­pathen mutiert, der Carmen als sein Eigentum betrachtet, mit den bekannten Konsequenzen.

Föttinger hat zusammen mit Susanne F. Wolf eine neue, stimmige Dialog­fassung geschaffen, die der zeitlichen Verortung der Insze­nierung entspricht und für spannende Momente sorgt. Die franzö­sische Fassung wurde von Fedora Wesseler verfasst. Wohltuend im Übrigen, dass bei allen Vorspielen der vierak­tigen Oper der Vorhang geschlossen bleibt, so dass der Fokus ganz auf die wunderbare Musik gerichtet ist, was einige Zuschauer aber nicht davon abhält, das Werk tuschelnd und zischend zu kommen­tieren, eine immer mehr um sich greifende Unart. Einziger Wermuts­tropfen der ansonsten heraus­ra­genden Insze­nierung ist, dass die Szene der Wachab­lösung im ersten Akt ohne Kinderchor aufge­führt wird. Dafür ist der vierte Akt der emotionale Höhepunkt des Abends. Das Bühnenbild verändert sich, aus den Arkaden­bögen wird die Rückfront der Stier­kampf­arena, die immer enger zusam­men­rücken, wie ein Gefängnis für Carmen und José, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Und während José Carmen tötet, besiegt, für die Zuschauer nur hörbar, Escamillo den Stier. Wie um dessen harten Kampf zu demons­trieren, erscheint Escamillo zum Schluss­ap­plaus mit blutver­schmiertem und zerfetztem Hemd und einer Flagge in der Hand, ein starkes Bild.

Es sind die Sänger­dar­steller an diesem Abend, die aus der Vorstellung ein umjubeltes Ereignis machen. Allen voran Sophie Rennert in der Titel­rolle. Dass sie sich mit Carmen identi­fi­ziert, zeigt sie sänge­risch und darstel­le­risch mit leiden­schaft­lichem Spiel. Die Habanera singt sie mit lasziver Stimme. Ihr warmer Mezzo­sopran hat genau die erotische Tiefe in der Stimme, die für eine Carmen so prägnant ist, und sie kombi­niert das mit einer äußerst sinnlich-eroti­schen Darstellung und wird an diesem Abend zu Recht umjubelt. Alexandros Tsilo­gi­annis verleiht der Partie des Don José einen ganz beson­deren Charak­terzug. Leiden­schaft um jeden Preis. Seine Blume­narie ist von betörender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Verän­derung Don Josés vom einfachen, verliebten Soldaten zum aggres­siven, psycho­ti­schen Stalker setzt Tsilo­gi­annis nicht nur darstel­le­risch, sondern auch sänge­risch mit großem Einsatz um.

Foto © Markus Tordik

Ana Maria Labin gefällt als Micaëla mit schönem lyrischem Sopran, strah­lender Höhe und dezentem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Daniel Gutmann überzeugt als Escamillo mit schön­k­lin­gendem Bariton, vor allem mit seinem Torero-Auftrittslied, und er hat die nötige Dosis Testo­steron in der Stimme, um als siegreicher Torero so zu glänzen, dass die Frauen ihm reihen­weise zu Füssen fallen und die Männer Abstand halten. Die Neben­rollen, allen voran mit Anna Tetru­ashvili als Mercédès und Mina Yu als Frasquita, sind an diesem Abend alle heraus­ragend besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen großar­tigen sänge­ri­schen und darstel­le­ri­schen Eindruck hinterlässt.

Chor und Extrachor des Staats­theaters am Gärtner­platz, einstu­diert von Pietro Numico, ist stimmlich gut präsent und durch inten­sives Spiel in das Gesamt­ge­schehen integriert. Gleiches gilt für die Flamenco-Tänze­rinnen, die zu Beginn eine bravouröse Choreo­grafie von Monts­errat Suárez zeigen, die vom Publikum begeistert aufge­nommen wird. Für die Gesamt­cho­reo­grafie des Abends ist Karl Alfred Schreiner verant­wortlich, und die Bühne ins rechte Licht gesetzt hat Michael Heidinger. Das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz unter der Leitung seines GMD Rubén Dubrovsky spielt einen inten­siven und zugkräf­tigen Bizet. Schon die allseits bekannte Ouvertüre ist flott und eingängig im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melan­cho­lisch. Die Tempi wechseln, es flirrt und brodelt atmosphä­risch im Graben. Werden die Orches­tersoli durchaus prägnant und gerade hinaus gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein dienendes, den Gesang unter­strei­chendes Dirigat und Orches­ter­spiel. Dubrovsky und das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz­theater werden zum Schluss ebenfalls umjubelt.

Das Publikum im ausver­kauftem Gärtner­platz­theater hat ein beson­deres Gespür für die Leistungen im Orches­ter­graben, auf der Bühne und hinter den Kulissen. Einhellig wird das gesamte Ensemble nach gut drei Stunden Auffüh­rungs­dauer mit langan­hal­tendem Applaus und Jubel bedacht.

Herbert Föttinger hat mit seiner Produktion eine sehens­werte Inter­pre­tation der Carmen im modernen Gewand auf die Bühne gebracht, die sicher zum nächsten Dauer­brenner am Gärtner­platz­theater wird, da muss man kein Prophet sein. Bis zum 1. März 2025 bietet sich noch fünfmal die Gelegenheit, die Oper in München zu besuchen.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: