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CARMEN
(Georges Bizet)
Besuch am
22. November 2024
(Premiere am 18. Oktober 2024)
Die Oper Carmen von Georges Bizet zählt zu den meistgespielten Opern weltweit, und das nicht nur an den ganz großen Häusern. Es ist die eingängige, manchmal folkloristisch wirkende Musik mit ihren großen lyrischen und dramatischen Passagen, die den Menschen die Oper so nahe bringt. Die Ouvertüre ist fast schon eine eigene Marke, so hoch ist ihr Wiedererkennungswert. Carmen hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Es ist das ewige Spiel um Liebe und Eifersucht, um Schuldzuweisungen und Verletzbarkeit, erotische Fantasien, um Ehre und Stolz, alles Themen, die auch in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielen. Und deshalb stellt sich bei jeder Inszenierung die Frage, wie geht das Konzept des Regisseurs auf? Spielt er mit den gängigen Klischees, oder vermeidet er sie und sucht eine radikale Lösung? Beide Ansätze sind durchaus berechtigt und können gut funktionieren.
Carmen ist das unbestrittene Meisterwerk von Georges Bizet, das auf der Grundlage der Novelle von Prosper Mérimée entstand und dank der Librettisten Meilhac und Halévy bald einen eigenen Charakter mit neuen Figuren und Situationen erhielt. Das Werk stieß jedoch nicht sofort auf die erwartete Resonanz. Der erste Aufführungszyklus an der Opéra comique in Paris war noch im Gange, als der Komponist im Alter von gerade einmal 36 Jahren an den Folgen eines rheumatischen Fiebers verstarb. Von da an wurde Carmen mit den Rezitativen, die von seinem Kollegen Guiraud vertont wurden, in der ganzen Welt bekannt, und es begann ein Weg des überwältigenden und ununterbrochenen Erfolgs, dank der Stärke des Dramas, der Aktualität der Geschichte, der melodischen Erfindung ihres Autors und der Ikonizität der Atmosphären von Sevilla, die in der Partitur und auf der Bühne wiedergegeben wurden.

Regisseur Herbert Föttinger, der am Gärtnerplatztheater in München schon mit viel Erfolg Verdis Rigoletto, Mozarts Don Giovanni und Massenets Werther inszeniert hat, sieht seine Carmen nicht als männermordenden Vamp, als der sie oft dargestellt wird, sondern als selbstbestimmte Frau. Für ihn ist Carmen in ihrer Unabhängigkeit ihrer Zeit voraus und heißt den Tod als letzte Bekundung ihres unbedingten Freiheitswillens willkommen. Und das ist Föttingers Annäherung an das Sujet in seinem Regiekonzept.
Carmen vereint und überhöht gleichzeitig die Eigenschaften, die eine Frau besitzen kann. Sie ist leidenschaftlich bis zur Selbstaufgabe, dreht sinnlich im roten Bereich und erreicht dadurch eine hohe emotionale und gefährliche Fallhöhe. Carmens größter Drang ist dabei, ihre Freiheit zu erlangen oder zu bewahren, sich unabhängig von den anderen zu machen. Selbstbestimmung und Emanzipation stehen im Mittelpunkt ihres Handelns. Die Dreiecksbeziehung zu Don José und Escamillo ist daher nur die logische Konsequenz aus Carmens Persönlichkeitsstruktur. Für Carmen ist das höchste Gut ihre Freiheit. Niemals will sie sich den Zwängen der Gesellschaft unterwerfen. Der angepasste Sergeant Don José ist fasziniert von der Frau, die sich einfach nimmt, was sie will. Er gibt alles für sie auf, seine Jugendliebe Micaëla, in die er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, seine Stellung beim Militär und schließt sich sogar einer Schmugglerbande an. Er ist besessen von Carmen, die schon bald das Interesse an ihm verliert und dem todesmutigen Stierkämpfer Escamillo verfällt. José ist verzweifelt und will Carmen zurück, um jeden Preis. Dabei ist er Opfer seiner eigenen Dämonen, die ihn beherrschen und ihn immer wieder zu gewalttätigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät realisiert er, dass er von Carmen nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.
Föttinger bietet Assoziationsflächen für das Publikum an, ohne dabei unverbindlich zu werden. Einerseits spielt er mit den typisch spanischen Klischees, indem er zum Beispiel vier fantastische Flamenco-Tänzerinnen auf die Bühne holt, andererseits verlegt er die Handlung in die Franco-Diktatur der fünfziger Jahre, mit einem Bühnenbild von Walter Vogelweider, das einen strengen archaischen Bau im Stil der Nationalsozialisten zeigt und für die ersten drei Akte immer nur leicht abgewandelt wird. Entsprechend schlicht sind die Kostüme der Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik, die Uniformen der Soldaten dagegen eher zeitlos. Die Kostüme hat in bewährter Manier Alfred Mayerhofer gefertigt.
Föttingers Personenregie ist von einer eher subtilen Charaktersprache geprägt. Auf der einen Seite die leidenschaftliche, sehr weibliche Carmen aus einer sozialen Unterschicht, die nach Freiheit und Anerkennung giert. Don José andererseits, der dieser Frau verfällt und für sie sämtliche Werte, die ihm einmal wichtig waren, über Bord wirft. Escamillo, der maskuline Star, der Carmen das Gefühl vermittelt, endlich ihr Ziel erreicht zu haben. Und dazwischen Micaëla, als weiblicher Antipode zu Carmen, die aufgrund ihrer Sozialisation ihre eigenen Grenzen nicht zu überwinden mag und deshalb keine wirkliche Rivalin für Carmen ist. Und Föttinger spielt mit einer durchaus gewagten Sexualisierung des Sujets. Carmen, erotisch lasziv von Sophie Rennert verkörpert, zieht da schon mal ihr Höschen aus und spreizt für Don José die Beine, der ihr vollkommen verfällt. Escamillo, großartig gespielt von Daniel Gutmann, scheint vor Testosteron nur so zu sprühen. Und wenn er vor seinem Stierkampf im vierten Akt mit nacktem Oberkörper und gut sichtbarem Sixpack ins Gebet versinkt, dann sind auch viele der weiblichen Zuschauer im Publikum hin und weg. Föttinger geht aber auch in die Tiefe der Psychologie, insbesondere beim toxischen Verhältnis von Carmen zu Don José. Seine Leidenschaft für Carmen, die später von ihr nicht mehr erwidert wird, schlägt in tödlichen Hass um. Carmen weiß darum, und es scheint, als ob sie ihren Tod förmlich provoziert, indem sie José bis zur Weißglut reizt. Da kann auch die liebliche Micaëla mit durchaus sinnlicher Ausstrahlung nichts mehr retten, José ist zum Psychopathen mutiert, der Carmen als sein Eigentum betrachtet, mit den bekannten Konsequenzen.
Föttinger hat zusammen mit Susanne F. Wolf eine neue, stimmige Dialogfassung geschaffen, die der zeitlichen Verortung der Inszenierung entspricht und für spannende Momente sorgt. Die französische Fassung wurde von Fedora Wesseler verfasst. Wohltuend im Übrigen, dass bei allen Vorspielen der vieraktigen Oper der Vorhang geschlossen bleibt, so dass der Fokus ganz auf die wunderbare Musik gerichtet ist, was einige Zuschauer aber nicht davon abhält, das Werk tuschelnd und zischend zu kommentieren, eine immer mehr um sich greifende Unart. Einziger Wermutstropfen der ansonsten herausragenden Inszenierung ist, dass die Szene der Wachablösung im ersten Akt ohne Kinderchor aufgeführt wird. Dafür ist der vierte Akt der emotionale Höhepunkt des Abends. Das Bühnenbild verändert sich, aus den Arkadenbögen wird die Rückfront der Stierkampfarena, die immer enger zusammenrücken, wie ein Gefängnis für Carmen und José, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Und während José Carmen tötet, besiegt, für die Zuschauer nur hörbar, Escamillo den Stier. Wie um dessen harten Kampf zu demonstrieren, erscheint Escamillo zum Schlussapplaus mit blutverschmiertem und zerfetztem Hemd und einer Flagge in der Hand, ein starkes Bild.
Es sind die Sängerdarsteller an diesem Abend, die aus der Vorstellung ein umjubeltes Ereignis machen. Allen voran Sophie Rennert in der Titelrolle. Dass sie sich mit Carmen identifiziert, zeigt sie sängerisch und darstellerisch mit leidenschaftlichem Spiel. Die Habanera singt sie mit lasziver Stimme. Ihr warmer Mezzosopran hat genau die erotische Tiefe in der Stimme, die für eine Carmen so prägnant ist, und sie kombiniert das mit einer äußerst sinnlich-erotischen Darstellung und wird an diesem Abend zu Recht umjubelt. Alexandros Tsilogiannis verleiht der Partie des Don José einen ganz besonderen Charakterzug. Leidenschaft um jeden Preis. Seine Blumenarie ist von betörender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Veränderung Don Josés vom einfachen, verliebten Soldaten zum aggressiven, psychotischen Stalker setzt Tsilogiannis nicht nur darstellerisch, sondern auch sängerisch mit großem Einsatz um.

Ana Maria Labin gefällt als Micaëla mit schönem lyrischem Sopran, strahlender Höhe und dezentem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Daniel Gutmann überzeugt als Escamillo mit schönklingendem Bariton, vor allem mit seinem Torero-Auftrittslied, und er hat die nötige Dosis Testosteron in der Stimme, um als siegreicher Torero so zu glänzen, dass die Frauen ihm reihenweise zu Füssen fallen und die Männer Abstand halten. Die Nebenrollen, allen voran mit Anna Tetruashvili als Mercédès und Mina Yu als Frasquita, sind an diesem Abend alle herausragend besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen großartigen sängerischen und darstellerischen Eindruck hinterlässt.
Chor und Extrachor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, einstudiert von Pietro Numico, ist stimmlich gut präsent und durch intensives Spiel in das Gesamtgeschehen integriert. Gleiches gilt für die Flamenco-Tänzerinnen, die zu Beginn eine bravouröse Choreografie von Montserrat Suárez zeigen, die vom Publikum begeistert aufgenommen wird. Für die Gesamtchoreografie des Abends ist Karl Alfred Schreiner verantwortlich, und die Bühne ins rechte Licht gesetzt hat Michael Heidinger. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung seines GMD Rubén Dubrovsky spielt einen intensiven und zugkräftigen Bizet. Schon die allseits bekannte Ouvertüre ist flott und eingängig im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melancholisch. Die Tempi wechseln, es flirrt und brodelt atmosphärisch im Graben. Werden die Orchestersoli durchaus prägnant und gerade hinaus gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein dienendes, den Gesang unterstreichendes Dirigat und Orchesterspiel. Dubrovsky und das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatztheater werden zum Schluss ebenfalls umjubelt.
Das Publikum im ausverkauftem Gärtnerplatztheater hat ein besonderes Gespür für die Leistungen im Orchestergraben, auf der Bühne und hinter den Kulissen. Einhellig wird das gesamte Ensemble nach gut drei Stunden Aufführungsdauer mit langanhaltendem Applaus und Jubel bedacht.
Herbert Föttinger hat mit seiner Produktion eine sehenswerte Interpretation der Carmen im modernen Gewand auf die Bühne gebracht, die sicher zum nächsten Dauerbrenner am Gärtnerplatztheater wird, da muss man kein Prophet sein. Bis zum 1. März 2025 bietet sich noch fünfmal die Gelegenheit, die Oper in München zu besuchen.
Andreas H. Hölscher