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COPPÉLIA, DAS MÄDCHEN MIT DEN GLASAUGEN
(Roland Petit)
Besuch am
20. Oktober 2019
(Premiere)
Ein alter Mann voller Fantasie und Erfindungsgeist, eine schöne junge Frau, ein dümmlicher Jüngling auf der Suche nach der idealen Geliebten, sechs Freundinnen, zwölf Damen, zwölf Herren. Dazu bekannte Kompositionen. Das sind die Zutaten für einen heiteren Ballettabend.
Drei Akte. Der erste in einem Dorf in Galizien. Der zweite zu Hause bei Dr. Coppélius. Der dritte auf dem Vorplatz einer Kaserne. Ballettliebhabern sind Handlung und Musik vertraut. Der Klassiker der Ballettgeschichte steht seit seiner Uraufführung 1870 regelmäßig auf den internationalen und deutschen Spielplänen. Das Stück nach der Vorlage E. T. A. Hofmanns Der Sandmann vereint gleich drei Motive: Männerfantasien, die Suche nach der idealen Frau und die Einsamkeit des Künstlers. In Hofmanns Erzählung geht es allerdings weniger heiter zu. Es gibt kein Happy End. Der verwirrte Student stürzt sich im Wahn von einem Turm in den Tod.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das bleibt den Besuchern im fast ausverkauften Haus an diesem Abend erspart. Vorweg sei verraten, der Abend ist ein Genuss, was an der eingängigen Partitur liegt, den schönen Kostümen, den jungen grazilen Tänzern, gemixt aus Solistinnen, Ensemble und Bayerischem Junior-Ballett. Die bildhübsche, 27 Jahre junge Virna Toppi ist die perfekte Besetzung für die Doppelrolle von Swanilda und Coppélia. Ausdrucksstark und mimisch vielschichtig verleiht die in Italien geborene Erste Solistin den beiden Figuren Leben. Ihre Beinarbeit scheint perfekt, grazil und anmutig schwebt sie in den zahlreichen Variationen und Charaktertanzpassagen über die Bühne und untermauert das Geschehen mit gut einstudierten Handbewegungen. Glaubhaft gelingt ihr die Verwandlung von der grazilen Ballerina in die steife Puppe und zurück. Denis Viera ist das perfekte Pendant, ein virtuoser Techniker mit großer Sprungkraft, allerdings wirkt er zeitweilig sehr selbstverliebt. Er ist sich seiner Wirkung beim Publikum bewusst, was für die Darstellung dieses oberflächlichen jungen Mannes nicht hinderlich ist. Im 19. Jahrhundert wurde die Rolle des Franz von der Tänzerin Eugénie Fiocre interpretiert. Die zweite bedeutende männliche Rolle des Dr. Coppélius wird am Premierenabend und bei der darauf folgenden Aufführung zwei Abende später von Ballett-Urgestein Luigi Bonino verkörpert, Ex-Assistent Roland Petits an der Mailänder Scala bis zu dessen Tod im Jahre 2011. Weltweit studiert er heute dessen Werke ein.
Er beherrscht sein Metier, aber Überraschungen bleiben aus. Die Kostüme sind rosa-lieblich-folkloristisch, multipliziert durch die Anzahl der Protagonisten auf der Bühne, die aufpassen müssen, dass sie sich tänzerisch nicht in die Quere kommen, was meist gelingt. Langeweile kommt nicht auf, dazu sind die zweimal 45 Minuten vor und nach der Pause nicht lang genug. So schön der Abend ist, ist er zugleich eine vertane Chance, weil es eine beliebige, wenn auch perfekt einstudierte Premiere ist, die sich leider kaum von anderen Coppélia-Inszenierungen unterscheidet. Ein wenig Slapstick, Tanzmix von Broadway bis Klassik und Pas de deux.

Dabei ist Coppélia eine wunderbare Metapher. Wir Menschen suchen heute im Zeitalter von Internet-Partnerbörsen mit all den sich bietenden Möglichkeiten mehr denn je den Einen oder die Eine. Wischen weg, was nicht perfekt scheint. Franz hat die Richtige schon an seiner Seite, hübsch, lebhaft, ihn bewundernd. Ihm reicht das nicht. Allein für ein Bild mit starrem Blick ist er bereit, sie auszutauschen. War es bei Hofmann der schmale Spalt zwischen Realität und Wahnsinn, ist es bei Petit die Projektion auf ein Wesen, welches mit starrem Blick zuhört, ohne zu widersprechen, nur da ist, immer hübsch anzuschauen. Die Musik ist perfekt mit der Handlung verknüpft. Stimmungen und Gefühle sind ablesbar, tragen zur Veranschaulichung des Geschehens bei. Coppélius agiert nur pantomimisch. Ballett entfernt vom richtigen Leben und gleichzeitig ganz nah dran. Ein Mann, der sich abwendet, das Unerreichbare sucht, was ihm perfekt zu sein scheint. Einsamkeit im Alter. Coppélius hat sich mangels echter eine imaginäre Weggefährtin geschaffen, mit der er bei Kerzenschein speist, anstößt und tanzt. Letzteres immer wieder einer der Höhepunkte des Stücks. Er glaubt, es sei ihm gelungen, sie zum Leben zu erwecken, während Franz niemanden mit Eigenleben haben will. Man kann viel in das Stück hineininterpretieren, Rollendenken, menschliches Begehren, Lust, Verlangen, Trugbilder und Perverses. Technisch und darstellerisch wurde der Stoff immer wieder umgedeutet.
Das Bayerische Staatsorchester, eines der ältesten und renomiertesten weltweit, wird unter Leitung von Anton Grishanin seinem Ruf gerecht und spielt die bekannten Melodien von Walzer, Mazurka, Tanz der Automaten bis zum Galopp Finale nuanciert, mal leise, dann kraftvoll, immer sauber, schön und routiniert.
Das Publikum ist begeistert. Mit Tiefgang rechnet nicht, wer dieses Stück besucht. Es ist heiter, will unterhalten und zum Lachen bringen. Das gelingt.
Fazit: Der Premierenabend ist ein kurzweiliger Operngenuss mit zwei grandiosen Solisten, geeignet für Ballett-Neulinge. Jeder Schritt und Sprung passt. Der im Programmheft versprochene neue Blick auf einen Klassiker der Ballettgeschichte bleibt aus. Laien und Liebhaber des Balletts, die sich gut unterhalten möchten, sind hier richtig. Léo Delibes‘ eingängige Partitur, ein Meisterwerk der spätromantischen Ballettmusik, begeistert fast immer.
Daniela Debus