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Foto © Bernd Uhlig

Durch Breakdance aufgehellte Abgründe

DIDO UND AENEAS … ERWARTUNG
(Henry Purcell, Arnold Schönberg)

Besuch am
16. Juli 2025
(Premiere am 29. Januar 2023)

 

Münchner Opern­fest­spiele in der Bayeri­schen Staatsoper München

Dido und Aeneas, unglück­liches Paar aus der griechi­schen Mytholgie, finden sich auch in der Produktion von Regisseur Krzystof Warli­kowski von 2023 nur im Tode wirklich. Henry Purcells Dido and Aeneas etwa aus dem Jahr 1684, ein nicht sehr häufig gespieltes, nicht abend­fül­lendes Stück mit einer Länge von nur etwa einer Stunde, stellt Warli­kowski vor Arnold Schön­bergs Erwartung. Ein ungewöhn­liches Unter­fangen, das aber unbedingt sehens- und hörenswert ist und unter die Haut geht.

Dido hat sich in den Trojaner Aeneas verliebt, den es bei seiner Flucht in kartha­gische Gefilde getrieben hat. Als ihr Gast erzählt er von seinen Helden­taten. Noch ist Dido, an Einsamkeit und Betrübnis gewöhnt, zögerlich, aber ihr Gefolge ermuntert sie, sich Aeneas zu öffnen. Derweil hat sich eine Zauberin, die Sorceress, mit den Hexen getroffen, um ihre Gegen­spie­lerin Dido zu verderben und Karthago zu zerstören. Eine Jagdge­sell­schaft Didos wird von den Hexen gestört, Aeneas durch einen Geist, den Jupiter schickt, an seine Pflicht erinnert, „Hesperian shore“ aufzu­suchen, um Troja erneut zu errichten. Aeneas ist hin- und herge­rissen, will einer­seits Dido nicht verlassen, anderer­seits seinem Volk dienen. Für Dido ist dieses Zögern Grund genug, ihm zu entsagen und zu sterben. Die Liebes­götter bestreuen sie mit Rosen.

Schön­bergs Erwartung, 1909 vollendet und erst 1924 urauf­ge­führt, fußt im Prinzip auf der gleichen Einsamkeit, die auch Dido empfindet. Eine Frau irrt auf der Suche nach ihrem Geliebten durch einen Wald, wobei sie große Ängste, aber auch immer wieder Hoffnung empfindet. Am Ende des halbstün­digen Monologs findet sie ihren toten Freund.

Foto © Bernd Uhlig

Auf geniale Weise hat Warli­kowski mit seinem Team die beiden Stücke verbunden. Einer­seits bleiben die Kostüme und Bühnen­ele­mente von Małgo­razata Szczęśniak auch im zweiten Teil erhalten, anderer­seits passen auch die Video­in­stal­la­tionen von Kamil Polak zu Erwartung. Im Hinter­grund der Bühne erscheint ein düsterer Winterwald mit phantom­ar­tigen Gestalten, oberhalb der beiden Räume auf der Drehbühne liefern Kameras auf einer großen Leinwand Bilder vom genauen Geschehen darin, so dass man kleine Details der Perso­nen­führung erkennen kann. Sowohl Dido als auch die Frau bei Schönberg sind gefangen in ihren Vorstel­lungen und Träumen, beide befinden sich in einem Wald, so dass die verschneiten Fichten der Videos auch im zweiten Teil Sinn ergeben, angerei­chert durch hin und her wandernde Hirsche, die wiederum eine Allusion auf die Hirschjagd von Dido und Aeneas darstellen.

Dennoch kann man die beiden Werke schlecht direkt nachein­ander spielen, wenn man eine, den Fluss und die Zusam­men­ge­hö­rigkeit störende, Pause vermeiden möchte. Allein der Umbau im Orchester vom Barock­ensemble zum modernen Klang­ap­parat kostet eine gewisse Zeit. In München überbrückt man das durch ein Interlude mit einer rasanten Video­fahrt durch einen Beton­tunnel, der mal grau oder farbig beleuchtet, mal von Stein­zeit­ma­le­reien bis zu heutigem Graffiti bemalt ist. Eine Reise durch die Zeiten beginnt, der Raum verwischt, und im Vorder­grund vollführen Tänzer des Opern­bal­letts in der Choreo­grafie von Claude Bardouil ein Feuerwerk an Break­dance und kreativen Impro­vi­sa­tionen, dass es eine wahre Pracht ist. Die Musik liefert hierzu Sängerin Maria Magdalena Gocał, die Paweł Mykietyns Minimal­music mit Loops und Repeti­tionen auf der Bühne umsetzt. So entwi­ckelt sich die Überleitung zu einem der Höhepunkte der Aufführung.

Immer mehr geraten die Mitwir­kenden und mit ihnen der Zuschauer, schon bei Purcell beginnend, dann bei dem fast schon kosmisch die Anzie­hungs­kraft der Erde ausset­zende Interlude und schließlich bei Schönberg immer mehr in einen Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wahnsinn und gewohnter Ordnung. Bei Schönberg wird die bis dahin geltende Ordnung in der Musik letzt­endlich aufge­hoben, die Relation zwischen den Tönen verschwindet, Cluster bäumen sich auf, tiefste Seelen­zu­stände der Protago­nistin illus­trierend. Zu Beginn der Erwartung fordert ein Sprecher die Frau auf, sich wie in einem Medita­ti­onskurs nach und nach zu entspannen, tief zu den eigenen Wurzeln zu gehen und zu berichten, was sie sehe. Die große Video­leinwand über ihr vermittelt ihr ruhiges Gesicht mit meist geschlos­senen Augen. Gedanken oder Wirklichkeit, was wird gezeigt? Grenzen verwi­schen. Das Ganze ist noch dadurch verstärkt, dass das Licht teils wie zwischen Negativ- und Positiv­an­sichten von Fotos wechselt, strobo­sko­pische Elemente sowie Schwarz­licht verwendet werden – sehr kreativ umgesetzt von Felice Ross.

Foto © Bernd Uhlig

Die Darsteller sind auch bei der Wieder­auf­nahme der Produktion bei den 150. Münchner Opern­fest­spielen 2025 durchweg sehr passend einge­setzt. Sonya Yoncheva, heute eher bekannt als Tosca oder Mimì, hat ihre Karriere mit Renais­sance- und Barock­werken begonnen und überzeugt mit ihrer warmen und volumi­nösen Stimme, samtigem Timbre und leichter Stimm­führung in der Rolle als Dido. Die berühm­teste Arie des Stückes, When I am laid in earth singt sie mit schön flutenden Höhen. Ihr zur Seite liefert die junge Sopra­nistin Erika Baikoff, im Liedgesang ebenso erfolg­reich wie auf der Opern­bühne, eine mit glitzernd heller Stimm­farbe ausge­stattete und absolut präsente Belinda ab, die immer gut verständlich ist und von der man gerne noch sehr viel mehr hören möchte. Bariton Günter Papendell als Aeneas fällt neben den beiden sehr ab, wirkt stimmlich blass, kernlos und unaus­ge­glichen. Counter John Holiday als Sorceress muss im lächer­lichen Kostüm seine weichen und sehr sopranig-sahnigen Kolora­turen in den Raum senden, was dem absoluten Hörgenuss keinen Abbruch tut. Rinat Shaham als Venus ergänzt das Ensemble schön mit ihrem kräftigen Mezzo, Sopra­nistin Elmira Karakhanova feuert spitze Hexentöne ins Publikum.

Sara Jakubiak zieht bei Schönberg alle Register ihres reichen drama­ti­schen Soprans. Sie bleibt dabei immer geschmeidig, rund und voll, nie schrill, so sehr sie sich auch in die Seelen­tiefen der Schön­berg­schen Musik, in die Abgründe des Librettos hineingibt, und weiß auch darstel­le­risch absolut zu überzeugen.

Die hochemo­tionale Musik liegt bei Valentin Uryupin in den besten Händen. Purcell dirigiert er mit straffen, sehr dezidierten und klaren, kleinen Bewegungen nur mit den Händen und formt dabei die einzelnen Figuren sehr sprechend. Bei Schönberg holt er aus, hat das Orchester mit Händen und Taktstock fest im Griff und entlockt den Musikern wahre Tiefen im Ausdruck. Die Musiker des Bayeri­schen Staats­or­chesters, die durch Barock­in­stru­mente im ersten Teil ergänzt werden, bringen einen durch­sich­tigen Purcell und einen fulmi­nanten Schönberg zu Gehör – eine starke Leistung!

Der Zusatzchor der Bayeri­schen Staatsoper macht seine Sache sehr gut. Die Sänger stehen hinten im Orches­ter­graben und liefern einen durch­sichtig-kräftigen, energie­ge­la­denen Klang in der Einstu­dierung von Christoph Heil.

Das Publikum im ausver­kauften Haus dankt den Mitwir­kenden mit kräftigem Applaus und einigem Jubel.

Jutta Schwegler

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