O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIDO UND AENEAS … ERWARTUNG
(Henry Purcell, Arnold Schönberg)
Besuch am
16. Juli 2025
(Premiere am 29. Januar 2023)
Münchner Opernfestspiele in der Bayerischen Staatsoper München
Dido und Aeneas, unglückliches Paar aus der griechischen Mytholgie, finden sich auch in der Produktion von Regisseur Krzystof Warlikowski von 2023 nur im Tode wirklich. Henry Purcells Dido and Aeneas etwa aus dem Jahr 1684, ein nicht sehr häufig gespieltes, nicht abendfüllendes Stück mit einer Länge von nur etwa einer Stunde, stellt Warlikowski vor Arnold Schönbergs Erwartung. Ein ungewöhnliches Unterfangen, das aber unbedingt sehens- und hörenswert ist und unter die Haut geht.
Dido hat sich in den Trojaner Aeneas verliebt, den es bei seiner Flucht in karthagische Gefilde getrieben hat. Als ihr Gast erzählt er von seinen Heldentaten. Noch ist Dido, an Einsamkeit und Betrübnis gewöhnt, zögerlich, aber ihr Gefolge ermuntert sie, sich Aeneas zu öffnen. Derweil hat sich eine Zauberin, die Sorceress, mit den Hexen getroffen, um ihre Gegenspielerin Dido zu verderben und Karthago zu zerstören. Eine Jagdgesellschaft Didos wird von den Hexen gestört, Aeneas durch einen Geist, den Jupiter schickt, an seine Pflicht erinnert, „Hesperian shore“ aufzusuchen, um Troja erneut zu errichten. Aeneas ist hin- und hergerissen, will einerseits Dido nicht verlassen, andererseits seinem Volk dienen. Für Dido ist dieses Zögern Grund genug, ihm zu entsagen und zu sterben. Die Liebesgötter bestreuen sie mit Rosen.
Schönbergs Erwartung, 1909 vollendet und erst 1924 uraufgeführt, fußt im Prinzip auf der gleichen Einsamkeit, die auch Dido empfindet. Eine Frau irrt auf der Suche nach ihrem Geliebten durch einen Wald, wobei sie große Ängste, aber auch immer wieder Hoffnung empfindet. Am Ende des halbstündigen Monologs findet sie ihren toten Freund.

Auf geniale Weise hat Warlikowski mit seinem Team die beiden Stücke verbunden. Einerseits bleiben die Kostüme und Bühnenelemente von Małgorazata Szczęśniak auch im zweiten Teil erhalten, andererseits passen auch die Videoinstallationen von Kamil Polak zu Erwartung. Im Hintergrund der Bühne erscheint ein düsterer Winterwald mit phantomartigen Gestalten, oberhalb der beiden Räume auf der Drehbühne liefern Kameras auf einer großen Leinwand Bilder vom genauen Geschehen darin, so dass man kleine Details der Personenführung erkennen kann. Sowohl Dido als auch die Frau bei Schönberg sind gefangen in ihren Vorstellungen und Träumen, beide befinden sich in einem Wald, so dass die verschneiten Fichten der Videos auch im zweiten Teil Sinn ergeben, angereichert durch hin und her wandernde Hirsche, die wiederum eine Allusion auf die Hirschjagd von Dido und Aeneas darstellen.
Dennoch kann man die beiden Werke schlecht direkt nacheinander spielen, wenn man eine, den Fluss und die Zusammengehörigkeit störende, Pause vermeiden möchte. Allein der Umbau im Orchester vom Barockensemble zum modernen Klangapparat kostet eine gewisse Zeit. In München überbrückt man das durch ein Interlude mit einer rasanten Videofahrt durch einen Betontunnel, der mal grau oder farbig beleuchtet, mal von Steinzeitmalereien bis zu heutigem Graffiti bemalt ist. Eine Reise durch die Zeiten beginnt, der Raum verwischt, und im Vordergrund vollführen Tänzer des Opernballetts in der Choreografie von Claude Bardouil ein Feuerwerk an Breakdance und kreativen Improvisationen, dass es eine wahre Pracht ist. Die Musik liefert hierzu Sängerin Maria Magdalena Gocał, die Paweł Mykietyns Minimalmusic mit Loops und Repetitionen auf der Bühne umsetzt. So entwickelt sich die Überleitung zu einem der Höhepunkte der Aufführung.
Immer mehr geraten die Mitwirkenden und mit ihnen der Zuschauer, schon bei Purcell beginnend, dann bei dem fast schon kosmisch die Anziehungskraft der Erde aussetzende Interlude und schließlich bei Schönberg immer mehr in einen Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wahnsinn und gewohnter Ordnung. Bei Schönberg wird die bis dahin geltende Ordnung in der Musik letztendlich aufgehoben, die Relation zwischen den Tönen verschwindet, Cluster bäumen sich auf, tiefste Seelenzustände der Protagonistin illustrierend. Zu Beginn der Erwartung fordert ein Sprecher die Frau auf, sich wie in einem Meditationskurs nach und nach zu entspannen, tief zu den eigenen Wurzeln zu gehen und zu berichten, was sie sehe. Die große Videoleinwand über ihr vermittelt ihr ruhiges Gesicht mit meist geschlossenen Augen. Gedanken oder Wirklichkeit, was wird gezeigt? Grenzen verwischen. Das Ganze ist noch dadurch verstärkt, dass das Licht teils wie zwischen Negativ- und Positivansichten von Fotos wechselt, stroboskopische Elemente sowie Schwarzlicht verwendet werden – sehr kreativ umgesetzt von Felice Ross.

Die Darsteller sind auch bei der Wiederaufnahme der Produktion bei den 150. Münchner Opernfestspielen 2025 durchweg sehr passend eingesetzt. Sonya Yoncheva, heute eher bekannt als Tosca oder Mimì, hat ihre Karriere mit Renaissance- und Barockwerken begonnen und überzeugt mit ihrer warmen und voluminösen Stimme, samtigem Timbre und leichter Stimmführung in der Rolle als Dido. Die berühmteste Arie des Stückes, When I am laid in earth singt sie mit schön flutenden Höhen. Ihr zur Seite liefert die junge Sopranistin Erika Baikoff, im Liedgesang ebenso erfolgreich wie auf der Opernbühne, eine mit glitzernd heller Stimmfarbe ausgestattete und absolut präsente Belinda ab, die immer gut verständlich ist und von der man gerne noch sehr viel mehr hören möchte. Bariton Günter Papendell als Aeneas fällt neben den beiden sehr ab, wirkt stimmlich blass, kernlos und unausgeglichen. Counter John Holiday als Sorceress muss im lächerlichen Kostüm seine weichen und sehr sopranig-sahnigen Koloraturen in den Raum senden, was dem absoluten Hörgenuss keinen Abbruch tut. Rinat Shaham als Venus ergänzt das Ensemble schön mit ihrem kräftigen Mezzo, Sopranistin Elmira Karakhanova feuert spitze Hexentöne ins Publikum.
Sara Jakubiak zieht bei Schönberg alle Register ihres reichen dramatischen Soprans. Sie bleibt dabei immer geschmeidig, rund und voll, nie schrill, so sehr sie sich auch in die Seelentiefen der Schönbergschen Musik, in die Abgründe des Librettos hineingibt, und weiß auch darstellerisch absolut zu überzeugen.
Die hochemotionale Musik liegt bei Valentin Uryupin in den besten Händen. Purcell dirigiert er mit straffen, sehr dezidierten und klaren, kleinen Bewegungen nur mit den Händen und formt dabei die einzelnen Figuren sehr sprechend. Bei Schönberg holt er aus, hat das Orchester mit Händen und Taktstock fest im Griff und entlockt den Musikern wahre Tiefen im Ausdruck. Die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters, die durch Barockinstrumente im ersten Teil ergänzt werden, bringen einen durchsichtigen Purcell und einen fulminanten Schönberg zu Gehör – eine starke Leistung!
Der Zusatzchor der Bayerischen Staatsoper macht seine Sache sehr gut. Die Sänger stehen hinten im Orchestergraben und liefern einen durchsichtig-kräftigen, energiegeladenen Klang in der Einstudierung von Christoph Heil.
Das Publikum im ausverkauften Haus dankt den Mitwirkenden mit kräftigem Applaus und einigem Jubel.
Jutta Schwegler