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EPIMETHEUS
(Diverse Komponisten)
Besuch am
8. September 2018
(Premiere)
Mit starken Aussagen, starker Medienpräsenz und ansprechender Aufmachung reizt Hidalgo, ein neues Klassikfestival, das derzeit in München läuft. Junge Künstler gestalten ein Festival, das mit alten Traditionen brechen will und neue Abenteuer sucht. Unter dem Leitspruch „Die alten bösen Lieder“ werden fünf Themenabende angeboten. Schirmherrschaft über die Veranstaltungen hat der gefeierte Liedsänger Christian Gerhaher übernommen. Gegensätze werden herausgefordert, Altes wird Neuem gegenübergestellt, Grenzen werden aufgebrochen, Sänger und Liedbegleiter stehen DJ und Synthesizern gegenüber, Videoinstallationen werden zur Visualisierung der Lyrik eingebunden.
So geschehen am ersten Abend mit dem vielversprechenden Namen Epimetheus, griechisch „der Denkende“, aber auch der Name des Bruders des Prometheus. Epimetheus erhielt von Zeus Pandora mit der sagenhaften Büchse zur Frau. Die schicksalhafte Büchse, die beim Öffnen viel Unheil und Plagen über die Menschheit brachte, bis die Hoffnung als einzig positive Gabe am Ende die Menschen überleben ließ. So schlimm war aber die Eröffnung des Abends nicht angedacht. Auch wenn die vielversprechende Ansage nicht erfüllt wurde, war doch im ersten Teil klassische Liedkunst mit Werken von Robert Schumann und Jacques Hétu auf hohem Niveau geboten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zuerst aber wird den Besuchern des Max-Joseph-Saals der Münchner Residenz ein neues Raumgefühl vermittelt. In der Mitte des klassischen Konzertsaales steht auf einem Podest der Flügel, ein paar Sitzreihen mit Stühlen sind rundherum angeordnet. Dezente Spots in Rot tauchen die prächtigen Kristalllüster in milden Schimmer. Sanfte, elektronische Sphärenmusik schwebt gedimmt durch die Luft, zwei Videoleinwände verdecken teilweise den Blick auf den DJ und seine Mischpulte. Das Publikum verteilt sich locker im Raum, steht, sitzt am Boden oder auf einem der Stühle. Die Hintergrundmusik erstirbt, und die Künstler treten auf das Podest. Die Sopranistin Alexandra Flood ist kurzfristig eingesprungen und vollführt eine sehr innige, technisch perfekte Interpretation verschiedener Lieder des zeitgenössischen Komponisten Jacques Hétu. Im Anschluss bannt Matthias Winckhler mit sonorem, vollmundigem Bariton mit Liedern nach Joseph von Eichendorff von Robert Schumann. Auf den Leinwänden werden Videoinstallationen projiziert, teils in bewegten Bildern, die versuchen, die Stimmung der Lieder auch in optischen Effekten umzusetzen. Diese Kombination wird in letzter Zeit immer wieder angeboten, über die Wirkung und künstlerische Aussagekraft werden viele Diskussionen geführt. Fakt ist, dass verschiedene Zuschauergruppen dem gestalterischen Konzept zusprechen. Die Musik und künstlerische Werkinterpretation geraten in den Hintergrund, werden zur Begleitmusik des optischen Reizes, das Konzert wird zum Event.

Insbesondere verstärkt sich der Eindruck, wenn nach dem traditionellen Liedgesang abrupt Technomusik einsetzt, anfangs leicht, weich mit Fragmenten der soeben beendeten Darbietungen. Unmerklich befinden wir uns in der Pause, die merkbar nicht endet soll, sondern sich zur Techno-Party entwickelt, Videos und Lichtspiele inklusive. Unschlüssigkeit im Publikum über die Loslösung des klassischen Ablaufs ist spürbar. Zwanglos werden Gespräche im Gang und Saal geführt, die Technoschläge werden heißer, der Bass dröhnt mit, die Rhythmen wechseln zwischen monoton und sphärisch, die ursprünglichen Gesänge lassen sich grad noch in Ansätzen erkennen. Langsam steigert der DJ die Frequenzen und Lautstärken, das mittlerweile ausschließlich junge Publikum wird von der Übermacht der Töne und Rhythmen erfasst, schwingt sich ein. Das Glas lässig in der Hand, mit Mühe noch ein Gespräch führend. Partystimmung übernimmt das Geschehen im ehrwürdigen Saal, der es mit Fassung trägt. Die Neukomposition lässt sich nunmehr nicht erkennen. Die Idee ist reizvoll, Techno-Musik sicherlich eine moderne Kompositionsform, der Brückenschlag, das musikalische Verbindungselement Lied bleibt in der Retorte stecken. Es zwingt sich die Frage auf, ob die Club-Atmosphäre zum neuen Konzerterlebnis wird. Ambiente und äußere Gestaltung haben das Zeug dazu, der musikalische Inhalt muss sich noch formen.
Helmut Pitsch